Rabauke
Auf der Umschlagseite Ihrer Nr. 30 entdeckte ich neulich einen alten Bekannten: Staimer. Ich lernte Staimer im Mai 1943 kennen. Er lebte damals als Emigrant in der Sowjetunion. Man hatte ihn von Piecks Moskauer Zentrale aus zu uns in das Lager der kriegsgefangenen Stalingrad-Offiziere nach Jelabuga geschickt. Er sei ein Rabauke, sagte Staimer von sich selbst - und nur solche wollte er um sich haben.
Tagsüber sah man ihn kaum, gegen abend stand er dann auf dem Hof herum und führte mit einzelnen Leuten politische Gespräche. Die Nächte waren oft zu kurz für seine Berichte. Besonders bei denen aus dem spanischen Kriege. »Jungens, die Brigade Thälmann! Wir waren alle Brüder. Ich war der Kommandeur. Hätte es damals nur solche Brigaden gegeben. Spanien wäre heute rot. Und das Kapitalistenpack säße in der Zange zwischen der Union und dem roten Spanien.«
Bechler sah ich zitternd von einer Vernehmung durch Staimer auf unsere kleine Bude im Block II zurückkommen. »Die machen uns fertig«, stöhnte er nur noch und lag dann lang auf seinem Strohsack. Heute ist Staimer Polizeigeneral bei Innenminister Bechler in Brandenburg. Bechler weiß, daß das sein Ende ist.
Um den 10. Juni 43 herum verabschiedete sich Staimer von uns, natürlich »spanisch« Nur der kleine Kreis erfuhr es vorher. »Ich habe den Auftrag bekommen, die illegale Arbeit in Deutschland zu aktivieren.« Aus dem nordwestlichen Sudetengebiet wollte er den Absprung nehmen.
Fast hätte ich all die Jahre hindurch den Namen Staimer nicht im Gedächtnis behalten. Ich glaubte damals nämlich nicht, daß dies sein richtiger Name sei. Heute weiß ich es auch noch nicht.
Hamburg
PHILIPP HUMBERT