ENGLAND / POLIZEI Rad ab
Die britische Firma Weetabix versprach sich Werbewirkung durch Bobbys: Auf britischen Mattscheiben kaute ein britischer Polizist Weetabix' knusprige Morgenkost -- Sinnbild volkstümlicher Beliebtheit und ehrbarer Solidität.
Denn in keinem Land der Welt gilt ein Polizist so viel wie in England, und kein Polizeihauptquartier erlangte Weltruhm wie Scotland Yard.
Am Samstag vorletzter Woche jedoch veröffentlichte die seriöse Londoner »Times« Skandalöses vom Yard: »Dies ist eine unschöne Geschichte«, begannen die »Times«-Reporter Garry Lloyd und Julian Mounter ihren Bericht, »geschrieben mit juristischem Rat und ohne Vergnügen.«
Sie nannten Namen von Yard-Beamten, die nicht nur korrupt sind -- das gab es in der 140jährigen Geschichte dieser britischsten Institution, neben königlicher Familie und königlicher Flotte, schon mehrfach -; sie behaupteten, Yard-Beamte seien selbst Verbrecher, die ihre Gegenspieler in der Londoner Unterwelt deckten, bedrohten und sogar erpreßten.
Als Kronzeugen der Anklage nannten die Reporter einen 22jährigen Autohändler, Michael Smith, dessen richtigen Namen sie aus Furcht vor Polizisten-Rache verschwiegen.
Smith, wegen Diebstahls mehrfach vorbestraft und vorübergehend auf freiem Fuß, war Inspektor Bernard Robson vom Scotland-Yard-Dezernat C 9 in eine gangsterwürdige Falle gegangen: Robson hatte ihm eines Tages eine Stange Plastik-Sprengstoff hingehalten, und Smith hatte sie angefaßt. Mit diesen Fingerabdrücken drohte der Inspektor dem Autodieb, ihn wegen unerlaubten Sprengstoffbesitzes bis zu fünf Jahre hinter Gitter zu bringen, und verlangte 200 Pfund Schweigegeld, rund 1800 Mark.
Auf Anraten seiner Mutter wandte sich Smith hilfesuchend an die »Times«.
Vier Wochen lang spielten die Reporter und der Autodieb Detektiv und Lockvogel: Smith traf sich weiterhin mit Inspektor Robson und dessen Kollegen Sergeant John Symonds, der Partnerschaft bei Diebstählen anbot, und Sergeant Gordon Harns, der Geld forderte, weil er bei einem früheren Gerichtsverfahren gegen Smith dessen Vorstrafenregister gekürzt hatte.
Die Treffs in Kaufhäusern und Limousinen wurden sorgfältig photographiert, die Unterhaltungen gewissenhaft auf elf Tonbändern gespeichert. Smith hatte Mini-Mikrophone in seiner Kleidung und in seinem schwarzen Wolseley (einem ehemaligen Polizeifahrzeug) versteckt.
So vernahmen die Journalisten der »Times«, wie Scotland-Yard-Inspektor Robson mit Meineid drohte, wie Sergeant Harns noch »ein Gläschen« (Geld) für den Boß forderte und wie Sergeant Symonds onkelhaft empfahl, nach einem Beutezug den Erlös nicht zu verprassen, sondern in einem kleinen Schokoladen-Laden anzulegen, für den Fall, daß »ein Rad abfällt« -- daß etwas schiefgeht.
Während Smith insgesamt 5048,50 Mark zahlen mußte, erboten sich die Ordnungshüter, bei der Erschließung neuer Geldquellen behilflich zu sein: Smith sollte auf Raubzug ausgehen, und einer von Ihnen würde als Begleiter mitkommen -- »eine bessere Versicherung kannst du doch nicht haben« -, durch falschen Alarm könnten die Polizei-Kollegen abgelenkt werden, und außerdem könne man einen »Dummkopf« bereithalten, der im Bedarfsfall für Smith verhaftet wird.
Als die »Times« mit dem »unschönen« Bericht am Freitagabend vorletzter Woche andruckte, schickte die Redaktion ihre Detektiv-Ausbeute über Scotland Yard zu Scotland Yard. Sofort wurde eine Untersuchung eingeleitet« doch alle drei Beschuldigten leugneten. Sergeant Symonds antwortete sogar mit einer Verleumdungsklage.
Laut Gesetz werden Beschwerden gegen die Polizei -- 1968 waren es allein in London 2924 -- von der Polizei selbst untersucht. Auch der von Michael Smith hochgespielte Fall bleibt bei Scotland Yard.
Auf einem der heimlich gefütterten Tonbänder ist der Ausspruch eines der Scotland-Yard-Beamten zu hören: »Ich bin nur ein kleiner Fisch in der Firma ... Ich kann überall In London jemanden anrufen, zu dem ich volles Vertrauen habe und der dasselbe sagt wie ich ... und der schon machen wird.«
Die Zuversicht trog: Am vergangenen Donnerstag suspendierte Scotland Yard das korrupte Trio -- außerdem noch einen vierten Kriminalbeamten, der den »Times«-Detektiven entgangen war.