»Radikalismus gibt es überall«
SPIEGEL: Herr Antich, Sie haben oft den übermäßigen Zustrom ausländischer Residenten und fremden Geldes kritisiert. Nun sind Sie seit 19 Monaten Ministerpräsident der autonomen Balearen-Region, und trotzdem hält die Invasion an. Haben die Deutschen bald endgültig die Oberhoheit auf Ihren Inseln?
Antich: Davon kann keine Rede sein. Die Zahl der deutschen Dauergäste auf Mallorca ist moderat, gemessen an den rund 800 000 Einheimischen. Große Sorgen macht uns vielmehr, angesichts von elf Millionen Touristen im Jahr, dass wir sehr viele auswärtige Arbeitskräfte benötigen - und die kommen vom spanischen Festland, aus Nordafrika, aus Osteuropa. In erster Linie sind sie es, die enorme Integrationsprobleme schaffen.
SPIEGEL: Die Horden aus dem Norden ängstigen Sie also weniger?
Antich: Ich möchte betonen, dass unser Kernproblem die Aufnahmekapazität der Balearen ist, unser Sättigungsgrad. Und das hat nichts mit einzelnen Nationalitäten zu tun. Wir müssen vor allem das ungehemmte Wachstum bremsen. Deswegen haben wir beispielsweise schon 80 Urbanisationen gestoppt, außerdem ist es mittlerweile verboten, große Besitztümer zu parzellieren. Manche Bebauungspläne wurden gänzlich geändert zu Gunsten von Grünflächen und Erholungsgebieten.
SPIEGEL: Warum kommen die Deutschen überhaupt noch in solchen Scharen?
Antich: Unsere Gäste haben ein bestimmtes Mallorca-Bild, ein Ideal, das wir Politiker mit der Realität in Deckung bringen müssen. Das Zusammenleben so vieler verschiedener Menschen ist einerseits eine reizvolle Sache und eine Chance, andererseits hat eine Regierung natürlich die Pflicht, die einheimische Kultur zu wahren. Das ist auf den Balearen komplizierter als anderswo.
SPIEGEL: Der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger hat Spaniens Ferieninseln als »Soziallabor« bezeichnet. Sind sie tatsächlich ein europäischer Schmelztiegel?
Antich: Historisch ist das Mittelmeer immer ein Treffpunkt verschiedener Kulturen gewesen, daran sind wir also gewöhnt. Unsere neue Aufgabe lautet, die eigene Identität zu wahren. In diesem Sinne trifft die Bezeichnung Labor durchaus zu.
SPIEGEL: Es kann aber kaum in Ihrem Interesse sein, dass eine finanzstarke ausländische Oberschicht die Preise verdirbt und sich parallel dazu eine internationale Remmidemmi-Kultur ausbreitet. Fühlen Sie sich kolonisiert?
Antich: Die Balearen stellen eine Art Brücke dar zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden. Von Kolonisation zu sprechen wäre viel zu einfach. Das geht nicht allein mit Geld.
SPIEGEL: Gerade die Deutschen geben doch vielfach schon den Ton an: in der Schinkenstraße von El Arenal genauso wie im mallorquinischen Wirtschaftsleben.
Antich: Man muss schon was dagegen tun, wenn beispielsweise ein Geschäft Produkte nur in ausländischer Sprache anbietet, so dass unsereins ratlos davor steht. Daher besteht nun eine Auszeichnungspflicht in Spanisch. Auch wenn ein Ausländer seinen Grundbesitz gesperrt hat, muss er jetzt Wege wieder öffnen ...
SPIEGEL: ... auf denen dann die Einheimischen an Immobilien vorbeispazieren, die für sie längst unerschwinglich sind. Sogar reiche Deutsche wie Willi Weber, der Manager der Schumacher-Brüder und von Naomi Campbell, jammern bereits, auf Mallorca sei alles überteuert.
Antich: Die Preise sind zweifellos eine unserer Hauptsorgen. Engländer oder Spanier aus Zaragoza treiben sie allerdings genauso hoch wie die Deutschen. Wir als Regierung müssen da mäßigend einwirken und Programme entwickeln, so dass sich jeder Bürger eine Wohnung leisten kann. Das hat oberste Priorität. Zum Glück haben wir derzeit einen rückläufigen Preistrend auf dem Wohnungsmarkt.
SPIEGEL: Trägt der langjährige Ausverkauf zur Fremdenfeindlichkeit auf den Balearen bei?
Antich: Radikalismus gibt es überall. Dagegen muss man kämpfen, allerdings ist das sehr schwer.
SPIEGEL: Reiche Residenten, die sich in Luxusrevieren abschotten, und Heerscharen von Urlaubern verändern fast den gesamten Nordsaum des Mittelmeers. Beraten Sie mit anderen Regionalpolitikern die Folgen der sozialen Umwälzungen?
Antich: Durchaus. Es gibt sogar mehrere Gremien. Der Imedoc zum Beispiel, der Zusammenschluss der Inseln des westlichen Mittelmeers, vertritt acht Millionen Menschen, die Hälfte der europäischen Inselbewohner. Ihm gehören Sardinien, Korsika, Sizilien und die Balearen an, Malta und einige griechische Inseln sollen bald dazustoßen. Der Imedoc will auf unsere spezifischen Probleme aufmerksam machen: Zuwanderung, Wassermangel, Müllberge, der Rückgang von Lebensqualität insgesamt bedrohen das Gleichgewicht auf Ferieninseln in weit höherem Maße als auf dem Festland.
SPIEGEL: Plädieren Sie als sozialdemokratischer Politiker dafür, den Zuzug aus Deutschland und anderen EU-Staaten zu reglementieren?
Antich: Von drastischen Beschränkungen, etwa dass Ausländer bei uns nichts kaufen dürfen, halte ich nichts. Wir wollen mit Europa wachsen, und da müssen wir eben besonders innovativ sein. Ich gebe aber zu, dass eine sozialverträgliche Balance schwierig ist.
SPIEGEL: Werden die Balearen, obwohl der Tourismus sie zur reichsten spanischen Region nach Madrid gemacht hat, Opfer der Europäisierung?
Antich: Auf Menorca leben schon seit Jahren viele Engländer, und die Insel ist keineswegs zerstört. Auch bleiben die meis-ten dieser Residenten dort ansässig - ein Beleg dafür, dass sie es offenbar gut aushalten.
SPIEGEL: Plagen Sie manchmal Fluchtgedanken?
Antich: Ich habe seit meinem Amtsantritt keinen Tag Ferien gemacht. Dabei würde ich gern mal wieder nach Deutschland reisen. INTERVIEW: RÜDIGER FALKSOHN