PAKISTAN Räder rollen
Zweifache Glückseligkeit« schickt Peking mit Streichhölzern der Marke »Double Happiness« nach Pakistan. Klistiere aus Schanghai erleichtern verstopfte Pakistanis. Und chinesische Injektionsspritzen der Marke »Friedenstaube« sollen den Pakistanis nicht nur Medikamente, sondern auch die Freundschaft mit dem großen sozialistischen Nachbarn ins Blut bringen.
Pekings kommunistische Weltrevolutionäre helfen den islamischen Militärregenten in Islamabad mit Waren und Waffen, mit Mechanikern, Maschinen und Schriften.
Während westliche Länder und die Sowjet-Union für Dollarkredite bis zu fünf Prozent Zinsen und politisches Wohlverhalten fordern, leiht Peking ohne Zins und Zahlungsbedingungen.
Vier chinesische Küstenfrachter schiffen zur Zeit amerikanischen Weizen zu den Hungernden in Ostpakistan. Mig-19-Düsenjäger, von chinesischen Technikern auf die Leistung der vom indischen Erbfeind geflogenen Mig-21 hochgezüchtet, wachen an Pakistans Himmel. Heimlich gegebene Barkredite der Maoisten erlaubten es den Generalen in Islamabad, gegen Vorauskasse von Frankreich 25 teure Mirage 111 c zu erstehen.
In China gefertigte Panzer des sowjetischen Typs T-54 stehen an der Grenze zu Indien kampfbereit. Chinesische Sturmgewehre AK-47 sowie ein fast unerschöpflicher Nachschub an Munition -- mit pakistanischen Transportmaschinen des US-Typs C-130 »Hercules« eingeflogen -- sichern die Übermacht der westpakistanischen Soldaten im aufsässigen Ostpakistan.
Und in der »Stunde der schwersten Krise« ("Pakistan Times"), als selbst die in zwei Pakten (Cento und Seato) verbündeten USA Waffen und Geld nur zögernd und mit Mahnungen verbunden schickten, stand einzig Peking bedingungslos hinter den Unterdrückern des bengalischen Aufstands.
Diese Haltung Pekings hat bereits Tradition. Nach dem indisch-pakistanischen Kaschmirkrieg von 1965, als die Vereinigten Staaten vorübergehend keine Waffen mehr in das Krisengebiet lieferten, schickte China Bargeld und Panzer, Migs und Gewehre, Lastwagen und Pioniergerät in solchen Mengen, daß Pakistan zu seinen zehn Divisionen noch drei neue ausrüsten und jede seiner dreizehn Divisionen mit einem Panzerbataillon ausstatten konnte.
Nahe der Bengalenmetropole Dakka richteten die Chinesen eine Munitionsfabrik ein. Bei der Hafenstadt Tschittagong drillten sie pakistanische Soldaten und aus Indien geflüchtete Krieger vom Stamm der Mizos im Guerillakampf.
Die enge Freundschaft zwischen Maoisten und Moslems zahlt sich für die Pakistanis aus: Von 1964 bis 1970 gewährte Peking den Pakistanis zinslose Kredite von 307 Millionen Dollar und versprach für die kommenden Jahre eine volle Milliarde.
In Taxila, 20 Kilometer von Islamabad, bauen die Chinesen einen Industriekomplex. der nach seiner Fertigstellung laut pakistanischen Angaben »alles von der Nähmaschine bis zum Panzer« produzieren soll.
Denn Peking ködert seinen Kunden mit dem Versprechen auf »self reliance«, wirtschaftliche und technische Autonomie, Unabhängigkeit von den »imperialistischen Wucherkrediten des Westens«, dieser »Halsabschneider«, so Pekings Nachrichtenagentur Hsinhua.
Westliche Wirtschaftssanktionen und Waffenembargos sollen so ihre Wirksamkeit verlieren. Dafür freilich wird Pakistan abhängig vom Nachschub an Ersatzteilen und Technikern aus dem Reich der Mitte.
Deshalb ist das Karakorum-Gebirge im äußersten Norden Westpakistans seit 1969 für Ausländer und Zivilisten gesperrt. Dort schaufelten und sprengten 12000 Kulis der rotchinesischen Volksbefreiungsarmee eine Allwetterstraße für schwere Lastwagen durch das öde Hochgebirge. Seit Frühling dieses Jahres rollt der direkte Verkehr zwischen Pakistan und China über diese »Freundschaftsstraße«.
Als erste nichtkommunistische Fluggesellschaft erhielten die Pakistan International Airlines (PIA) Landeerlaubnis für Flüge nach Kanton und Schanghai. Den Frachtdienst zum roten Nachbarn begannen die Pakistanis mit der Verschickung von 1000 Stück Rindvieh -- obwohl ihre Regierung wegen Fleischmangels jeden Dienstag und Mittwoch zum »fleischlosen Tag« ausrufen lassen mußte.
Solche Opfer werden gebracht, denn Peking fordert nicht -- wie Bonns Entwicklungshilfe- Minister Erhard Eppler -- eine Rupien-Abwertung und die Rückkehr zur Demokratie vor der Zusage neuer Hilfsleistungen. »Wirtschaftshilfe mit politischen Bindungen werde ich den Geberländern ins Gesicht schleudern« » konnte General- Präsident Jahja Khan drohen.
Denn China liefert mehr als Geld. Als sich Pakistan wegen des Bürgerkriegs in seiner Ostprovinz vom indischen Nachbarn bedroht glaubte, vor allem nach dem Abschluß des indisch-sowjetischen Beinahe-Beistandspakts, eilte Pekings Generalstabschef Huang Jeng-scheng nach Karatschi und -- so sickerte in Islamabad durch -- sagte seinen Verbündeten im Kriegsfall aktive Militärhilfe zu.
Chinesische Strategen proben bereits gemeinsam mit ihren im britischen Sandhurst gedrillten pakistanischen Kollegen im Sandkasten den Ernstfall. Er könnte mit einem pakistanischen Präventivschlag gegen die in Indien stationierten bengalischen Guerillas eintreten --
Pakistan kann sich für all diese Hilfe materiell nur bescheiden revanchieren: Pekings Emissäre bewohnen in Islamabad einen ummauerten Gebäudekomplex fast mietfrei.
Doch Pakistan leistet Dienste als Maos Tor zur Welt. »Am Kreuzweg der Großmächte gelegen' (Ex-Präsident Ajub Khan), vermittelt es seine China-Freundschaft an andere. Pakistanische Beamte behaupten, durch Vermittlung ihrer Regierung seien sich die USA und China nähergekommen, sei Kissingers PIA-Flug von Islamabad zu Tschou En-lai möglich geworden. Als Peking und Persien Mitte August die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vereinbarten, wurde das entsprechende Abkommen in Pakistans Hauptstadt unterzeichnet.
Der Beamte Schaikh aus dem pakistanischen Informationsministerium pries Pakistans gelbe Freunde: »Die Chinesen sind die einzigen wirklich zivilisierten Menschen, echte Freunde und vor allem Asiaten wie wir.