Ramses auf Reisen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 96 / 164

AUGUST 2006 Ramses auf Reisen

Ägypten bringt eine Statue in Sicherheit.
• aus SPIEGEL Chronik 54/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Stunde nach Mitternacht, am 25. August, setzt sich am Bahnhofsvorplatz der ägyptischen Metropole Kairo eine kolossale Prozession in Bewegung. Gestützt und eingeschient von einem maßgeschneiderten Stahlkorsett, das Antlitz turbanähnlich verhüllt, begibt sich ein Standbild des wohl bekanntesten Pharaos Ramses II. auf seine vorerst letzte Reise - an Bord eines 32 Meter langen Spezialtiefladers made in Germany. Im Cockpit der Zugmaschine beschleunigt Fahrer Ahmed Ghabauwi das Ramses-Mobil auf ein gemächliches Schritttempo. Ohne Halt und Tempoänderung befördert Ghabauwi seine kostbare Fracht in den nächsten zehn Stunden zu ihrem neuen Standort am Fuß der 35 Kilometer von Kairos Bahnhof entfernten Pyramiden.

Dem Transport der 83 Tonnen schweren, elf Meter hohen und 3250 Jahre alten Statue haftet das Flair eines Triumphzuges an. »Ramses, Ramses« und »Wir werden dich vermissen«, rufen Bewohner von fahnengeschmückten Balkons, dichtgedrängt säumen Schaulustige die Route, auf der die von mehr als tausend Sicherheitskräften beschützte antike Kostbarkeit aus der Stadt evakuiert wird. Denn der Aufenthalt in der 18-Millionen-Metropole ist diesem Ramses-Standbild nicht gut bekommen.

Vor 51 Jahren hatte der damalige ägyptische Präsident Gamal Abd al-Nasser die in acht Einzelteilen entdeckte, stark beschädigte Statue aus der früheren Pharaonen-Hauptstadt Memphis nach Kairo schaffen lassen. Dort wurde sie restauriert, zusammengefügt, zentral vor dem Bahnhof aufgerichtet - und damit den Erschütterungen von U-Bahnen und Schwerlastern sowie Smog und Auspuffgasen ausgeliefert.

Nicht nur der ehemals rote Granit ist längst schmutziggrau, auch die Statik ist aus dem Lot geraten. »Am Bahnhof wäre sie früher oder später umgefallen«, sagt Ägyptens Kulturminister Faruk Husni, der den rund eine Million Euro teuren Umzug betrieben hatte.

Verläuft alles nach Plan, wird um den neuen Standort der Statue von Ramses II. ein Museumsneubau errichtet - ganz im Sinne des alten Ägypters, in dessen 67-jähriger Regierungszeit (1279 bis 1213 v. Chr.) mehr Tempel, Städte und Statuen errichtet wurden als unter jedem anderen Pharao.

Zur Ausgabe
Artikel 96 / 164