»Ran« light - DER SPIEGEL
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SPORTFERNSEHEN »Ran« light

Nach elfjähriger Zwangspause ist die Bundesliga-»Sportschau« des Ersten ab Samstag wieder in Ballbesitz. An die spröde TV-Institution von einst wird die Zuschauer wenig erinnern. Der WDR bastelt unter Zeitdruck an einer öffentlich-rechtlichen Variante der bisherigen Sat.1-Sportshow.
• aus DER SPIEGEL 31/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Steffen Simon am 27. Juni in seinem Auto auf dem Weg in die Münchner Rotkreuz-Frauenklinik war, ging er noch davon aus, dass ihn in den folgenden Wochen vor allen Dingen ein Baby beschäftigen würde: Töchterchen Charlotte, damals gerade zwei Tage alt.

Dann klingelte sein Handy, und plötzlich hatte er noch ein zweites »Kind« am Hals: WDR-Fernsehdirektor Uli Deppendorf fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, die neue Bundesliga-Redaktion im Ersten zu leiten. Just an jenem Tag vor vier Wochen unterschrieben die ARD-Hierarchen den Vertrag über die Senderechte an der Bundesliga. Das Erste war nach elf Jahren im fußballerischen Abseits endlich wieder im Ballbesitz. Und Simon sollte die Sturmspitze bilden.

Der 38-Jährige hat in seinem Volontariat bei Rias Berlin mit Eishockey-Reportagen angefangen, war zuletzt Sportchef beim ORB und wollte mit Freundin und Töchterchen in Berlin gerade in eine neue Wohnung ziehen. Nun sitzt er in Raum 10046 im so genannten Archivhaus des WDR in der Kölner Innenstadt und hat seine frisch gebackene Bundesliga-Redaktion zur morgendlichen Lagebesprechung gebeten.

Es ist Mittwoch, 9.30 Uhr. Neun Tage noch bis zum Start der neuen Bundesligasaison am Samstag.

Simon und seine bislang sechs Kollegen, die nach und nach eintrudeln, haben im wahrsten Sinn eine sportliche Aufgabe: Sie sollen die »Sportschau« neu erfinden, aus der bisherigen halbstündigen Sparversion ein pralles eineinhalbstündiges Bundesliga-Format machen - und das in einer Frist, innerhalb deren man nach normaler öffentlich-rechtlicher Zeitrechnung bestenfalls ein paar neue Bleistifte bewilligt bekommt.

Wenn am 2. August der neue Vorspann läuft, wenn Moderator Gerhard Delling dann in die neue Deko tritt und als »Topspiel« Schalke gegen Dortmund ankündigen wird, sind seit dem Rechteerwerb gerade mal fünf Wochen vergangen.

Jeder, dem man in diesen Tagen auf den Fluren des WDR begegnet, rechnet sofort vor, Sat.1 habe damals bis zum Start von »ran« neun Monate Zeit gehabt. Es klingt wie eine Rechtfertigung - für alle Fälle.

Immerhin beginnt dieser Morgen mit zwei guten Nachrichten. Simon begrüßt wieder mal einen neuen Kollegen. Und er verkündet, Uli Hoeneß habe als Studiogast für die erste Sendung zugesagt. Beifälliges Gemurmel. Weniger begeistert ist die Runde von einer ersten Version der neuen Vorspannmusik, die bislang eher Totensonntag-Charakter hat. »Kann noch ein bisschen bombastischer werden«, sagt Simon. Der Musik-Verantwortliche träume noch von ein paar Posaunen. »Wir haben ihm schon gesagt: 'Vergiss deine Synthesizer, und gib mehr Gas.'«

Die wichtigste Information des Tages hat dann noch Simons Vize Klaus Heinen parat: Die Bundesliga-Redaktion besitzt jetzt eine eigene Kostenträger-Nummer für Dienstreisen und Spesen: 7313510. Bei einer Anstalt wie dem WDR ist das so etwas wie der letzte Beweis, dass es die Redaktion wirklich gibt. Und es ist der Beleg, dass hier in der »Programmgruppe Sport« gerade nichts, aber auch gar nichts nach normalen ARD-Maßstäben läuft. Fast scheint es, als hätte man in dem behördenähnlichen Riesentanker von Zeitlupe auf schnellen Vorlauf umgeschaltet.

Die Einstellung Simons dauerte vom ersten Anruf bis Dienstbeginn weniger als zehn Tage. Ein paar Etagen weiter unten werden gerade drei neue hoch komplexe Schnittsysteme für Einspielfilmchen installiert - wenige Wochen nach Bestellung und ohne den üblichen monatelangen Bewilligungsmarathon.

An diesem Montag erst wird die neue Dekoration im Studio A des WDR für die ersten Proben voll aufgebaut. Im Lauf der Woche werden die Moderatoren Reinhold Beckmann und Gerhard Delling das stilisierte Arena-Rund mit der riesigen neuen LED-Wand in Augenschein nehmen. Für Freitag ist eine Generalprobe geplant. »Die Lötstellen werden noch warm sein, wenn wir auf Sendung gehen«, sagt der leitende Ingenieur. Normalerweise werden beim WDR allein die Geräte wochenlang ausgemessen und ausgepegelt.

Niemand weiß besser als Steffen Simon, wie groß die Herausforderung wirklich ist. In seinem Büro liegt eine blaue Kladde mit 22 Seiten, die er vor mehr als einem Jahr verfasst hat, als die ARD schon einmal kurz davor war, die Bundesliga-Rechte zu erwerben. Das Dokument mit dem Titel »Die Bundesliga Sportschau« ist ein Totalverriss der ARD-Fußball-Magazinsendungen: »Regie, Ton und Schaltraum geben ein desaströses Bild ab«, bilanzierte Simon damals.

Seine Fundamentalschelte muss wichtige Menschen in der ARD beeindruckt haben - trotz oder gerade wegen seines abschließenden Hinweises: »Für den eigenen Erfolg gilt es, im Vorfeld von der Konkurrenz zu lernen.«

Simons Vorschläge für Produktion und Technik der neuen Sendung sind jetzt jedenfalls so etwas wie die Blaupause - etwa für den so genannten Dispatcher-Raum. Im ehemaligen »Studio Theodor« des WDR wird das Redaktionsteam samstagnachmittags gemeinsam mit dem Moderator die Spiele anschauen. Auf einer Leinwand laufen allen sieben Partien parallel - wenn das Projekt wirklich rechtzeitig fertig wird. Noch liegt überall Malerfolie, werden Leitungen verlegt, werkeln Elektriker.

Der Raum ist nicht Simons Erfindung, so wenig wie die Idee, dass die Reporter ihre Beiträge im Stadion fertig stellen und in die laufende Sendung überspielen. Das alles machen Sat.1 und Premiere schon seit Jahren: »Wir können und wollen das nicht in fünf Wochen neu erfinden«, sagt Simon offen.

Optisch und visuell habe Sat.1 »einfach Maßstäbe gesetzt«. Überhaupt hört man beim WDR viel Positives über die kommerziellen Sportkollegen, was kein Wunder ist: Von den Neuzugängen in der eigenen Redaktion waren zwei bei Premiere, einer war beim DSF, eine Kollegin kommt direkt von »ran« - wo auch Simon mal gastierte. Ganz zu schweigen von Beckmann, der die neuen Produktionsmethoden Anfang der neunziger Jahre einführte und die »Sportschau« ziemlich schnell ziemlich altbacken aussehen ließ - zuerst bei Premiere, dann als »ran«-Miterfinder bei Sat.1.

Viel wird von den beiden Moderatoren abhängen, auch wenn sie für ihre Ansagen nicht länger als eine Minute pro Partie Zeit haben. Die Vorgaben der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und die Pläne für die Vermarktung schnüren ein enges Korsett. Für kreative Querpässe ist eigentlich gar kein Raum.

Nach dem Vorspann haben Delling und Beckmann fünf Minuten zu überbrücken. Um 18.15 Uhr darf der erste Spielbericht starten, laut Vertrag mindestens 6 und maximal 20 Minuten lang. Für das erste Top-Spiel sind derzeit zehn Minuten eingeplant. Nach der ersten Werbepause gegen 18.55 Uhr gibt es eine 90-sekündige »Tagesschau Extra« - ein Trick, um 25 Minuten später noch einmal Unterbrecherwerbung zeigen zu dürfen.

Wie eng die Liga die Sache sieht, zeigt das Beispiel mit den Leibchen: Weil der 1. FC Köln noch keinen Trikotsponsor hat, wollten die WDR-Mannen ihren Heimatverein am ersten Spieltag einmalig mit dem »Sportschau«-Emblem auflaufen lassen. Laut DFL-Statut darf es indes pro Saison nur einen Trikotsponsor geben. Die Idee war tot. Oder die Sache mit den Einblendungen: Die »Sportschau«-Farben sind Blau und Orange, die DFL besteht bei der Nennung von Torschützen und Ergebnissen aber auf Weiß und Rot. Weil das auch schon bei Sat.1 so war, werde jeder Zuschauer sofort an »ran« denken, fürchtet Simon.

Zu erwarten ist also eine Art »ran light« ohne Studiopublikum. Das Konzept scheint bei den Werbekunden Anklang zu finden, obwohl der Chef der ARD-Werbung, Achim Rohnke, bislang nicht mal den neuen Vorspann präsentieren konnte und die Spots um etwa 20 Prozent teurer verkauft als Sat.1.

»Die erste Sendung ist restlos ausgebucht«, so Rohnke, »wir wissen aber, dass wir uns anstrengen müssen.« Tatsächlich ist den WDR-Mannen inzwischen aufgegangen, dass neben den horrenden Rechtekosten (siehe Grafik) noch erhebliche zusätzliche Produktionskosten anfallen: von etwa 8,8 Millionen Euro ist intern die Rede, die der WDR der ARD-Werbung in Rechnung stellen wird.

Bei ihren Quoten-Erwartungen stapeln die Verantwortlichen sicherheitshalber tief. Schließlich sind vielerorts gerade Schulferien. »Ich möchte den ständigen Quotenverfall bei Sat.1 nach oben korrigieren«, sagt Simon vorsichtig. Mit mindestens 5,5 Millionen Zuschauern kalkuliert die ARD-Werbung ihre Preise. Selbst das wäre aber nicht einmal halb so viel, wie Simons Chef in seinen besten Zeiten hatte. Der residiert gleich nebenan, auf der Gebäudeseite mit dem schöneren Blick in Richtung Rhein und Siebengebirge, und spart die morgendlichen Redaktionstreffen bewusst aus. Heribert Faßbender, WDR-Sportboss und das »Sportschau«-Fußball-Fossil im Sender, schwärmt diplomatisch von der »tollen Aufbruchstimmung« und einer »totalen Übereinstimmung« mit der »jungen Truppe«.

Nach der Fußball-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr hat er seinen Kommentatoren-Job abgegeben und versichert, es bleibe dabei. Es schmeichelt ihm aber natürlich, wenn die junge Redaktion ihren »Mentor« (Simon) als Anlaufstelle nutzt - und sei es nur für die Abteilung Anekdoten.

Sicherheitshalber hat Faßbender in diesen Tagen seine alten Kalender dabei, in denen er penibel jede Partie aufgelistet hat, über die er berichtete. Wenn es in der ersten Sendung also ein kurzes Stück über historische Vorläufer der Top-Partie Schalke gegen Dortmund gibt - etwa die, in der ein Schäferhund den Schalker Friedel Rausch in den Hintern biss -, dann hat das natürlich auch damit zu tun, dass damals der junge Radiomann Faßbender aus der gläsernen Kabine der Dortmunder Kampfbahn Rote Erde reportierte.

Ein historisches Quiz mit dem Titel »Guten Abend allerseits«, sein verbales Markenzeichen, wie es einigen Redakteuren vorschwebte, wollte er dann aber doch lieber nicht in der Sendung haben. »Symbolfigur eines Gewinnspiels mochte ich nicht sein«, sagt Faßbender. Nun soll es von der zweiten Sendung an ein Gewinnspiel »Tor der Woche« geben - immerhin ein leiser Anklang an die gute alte Zeit.

Faßbender hat gerade mit dem Golfen angefangen, in zweieinhalb Jahren geht er in Pension. Soll heißen: Jetzt dürfen sich andere lächerlich machen.

Einen kompetenten Kritiker für seine Nachfolger hat er schon mal verpflichtet: »Sportschau«-Urgestein Ernst Huberty wird Simon und seinen Kollegen nach den ersten Sendungen intern die Leviten lesen. MARCEL ROSENBACH

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