Rare Ware - DER SPIEGEL
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WERTPAPIERE / RENTENMARKT Rare Ware

• aus DER SPIEGEL 18/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Schalterhalle der Deutschen Bank an Hamburgs Jungfernstieg probierten die Kunden etwas Neues: Um ein paar Zertifikate der jüngsten Bundespost-Anleihe zu ergattern, pokerten sie am Wertpapierschalter mit dem zehnfachen Einsatz. Wer für 1000 Mark kaufen wollte, bestellte für 10 000 Mark.

Keiner geriet bei dem Spiel in Bedrängnis. Denn die Postanleihe, mit einem Zinssatz von acht Prozent und einer unkündbaren Laufzeit von zehn Jahren attraktiv ausgestattet, löste bei Westdeutschlands Sparern einen Run auf Banken und Sparkassen aus. Unmittelbar nach Verkaufsbeginn am Montag vorletzter Woche war die Anleihe mehrfach überzeichnet.

»Wir hätten unsere Quote einige Male verkaufen können«, bedauerte Erwin Rath von der Anlage- und Vermögensberatung der Deutschen Bank in Hamburg. Doch statt weitere Orders anzunehmen, mußten die Geldinstitute eilig an einem Zuteilungsschlüssel für die rare Ware basteln.

Bevorzugt wurden die kleinen Anleger bedient. So teilte die Bayerische Vereinsbank in München Kaufaufträge bis 1000 Mark voll zu; Prämiensparer erhielten sogar für 1600 Mark Achtprozenter. Oberhalb dieses Limits dosierte die Vereinsbank die Zuteilung nach der Höhe der Bestellungen.

Auch die Deutsche Bank erfüllte 1000-Mark-Wünsche ungeschmälert. Kaufkräftigere Kunden mußten sich dagegen arg bescheiden: Selbst für 19 000-Mark-Orders gab es in einzelnen Filialen nicht mehr als den Kleinanleger-Satz. Günstiger fielen die Quoten bei der Bank für Gemeinwirtschaft aus, obgleich die BfG ein erheblich schmaleres Anleihe-Kontingent als die anderen Großbanken erhielt. BfG-Börsendirektor Bruno Stürmer in Hamburg: »Bis zu 2500 Mark wurden die kleinen Sparer voll berücksichtigt. Wir haben dafür am Markt noch zugekauft.«

Die stürmische Nachfrage nach dem Hochprozenter-Papier erklärt sich Direktor Johann Schmiedl von der Bayerischen Vereinsbank mit dem »Nominalzinsdenken« vieler Kunden: »Die Leute glauben, jetzt sei der höchste Satz erreicht.«

In Wahrheit sind Spitzensätze am Rentenmarkt schon seit Monaten keine Seltenheit mehr. Die Hochzinspolitik der Frankfurter Notenbank -- sie setzte seit Mitte April 1969 den Wechselzins von drei auf siebeneinhalb Prozent herauf -- sowie das extrem hohe Zinsniveau im Ausland ließen die Zinssätze und Renditen deutscher und in der Bundesrepublik aufgelegter ausländischer Anleihen auf den höchsten Stand seit Kriegsende klettern. Noch im Januar 1969 lagen die Durchschnittsrenditen neuer Anleihen bei 6,2 Prozent. Bis August kletterten sie auf 7,1 Prozent. Einzelne Auslandsanleihen, die den Aufwärtstrend anführten, überschritten im November und Dezember die Achtprozent-Grenze.

Doch erst als Mitte März die Deutsche Bundesbahn eine mit acht Prozent verzinste 230-Millionen-Anleihe zum Kurs von 99 3/4 auf den Markt gab (Emissions-Rendite 8,35 Prozent), wachten die Anleger auf. Die Anleihe war innerhalb weniger Stunden hoffnungslos überzeichnet.

An den Wertpapierschaltern taten sich die Berater schwer, ihre mit den kleinen Zuteilungsquoten unzufriedenen Kunden auf andere Papiere umzustimmen. Insbesondere ältere An -- leihen mit einem Nominalzins zwischen 5 1/2 und 6 1/2 Prozent notieren derzeit mit so niedrigen Kursen, daß sie gleichfalls üppige Renditen abwerfen. So bringt eine 6 1/2prozentige Bundesanleihe von 1967 zum Kurs von 90 3/4 heute 8,3 Prozent Effektivverzinsung ein.

Die kleinen Anleger indes, heim Schaltergespräch durch Fachbegriffe wie Restlaufzeit und Auslosung eher verwirrt, warteten meist lieber auf die nächsten großen Anleihen mit dem »optisch hervorragenden« (Stümer) Nominalzins von acht Prozent. Nach dem Zuteilungs-Schock der Postanleihe hoffen sie nun auf die nächste Renten-Attraktion: Am 29. April kommt eine achtprozentige 410-Millionen-Anleihe des Bundes auf den Markt.

Dichtauf folgen weitere deutsche und ausländische Anleihen mit einer Gesamtsumme von rund einer Milliarde Mark. Börsenexperten sorgen sich bereits, daß die nachdrängelnden Emittenten die Aufnahmebereitschaft des Publikums erschöpfen könnten. Der Zentrale Kapitalmarktausschuß verordnete deshalb in der letzten Woche das Gänsemarschprinzip. Danach darf eine neue Anleihe erst aufgelegt werden, wenn die vorhergehende Emission voll bei den Käufern untergebracht ist.

Daß angesichts der zahlreichen zinsschweren Anleihe-Wünsche in der Bundesrepublik das hohe Zinsniveau sich schon bald abflachen könnte, halten Börsianer und Banker mittlerweile für ausgeschlossen. Direktor Horst Kunert von der BfG-Zentrale in Frankfurt: »Man will im Moment die hohen Zinsen. Der Bundesbank paßt es ins konjunkturpolitische Konzept.«

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