Mai 1999 Rasender Rüssel
Sie kommen, unweigerlich, jedes Jahr über den geplagten amerikanischen Mittelwesten: Von Mitte April bis Mitte Juni ist Hochsaison für die Tornados. Dann rasen die gewaltigen Stürme durch die so genannte Tornado-Alley, die sich von Texas über Oklahoma und Kansas bis nach South Dakota erstreckt. Wenn die charakteristischen Rüssel der Killer-Stürme die Erde berühren, zerstören sie alles, was in ihrem Weg liegt: Hochspannungsmasten knicken, Starkstromleitungen zerreißen, Autos und Rindvieh werden durch die Luft gewirbelt.
Die Verwüstungen, die rund 70 Tornados in der ersten Maiwoche in weiten Landstrichen von Oklahoma und Kansas hinterlassen, sind die stärksten seit knapp 20 Jahren: 49 Menschen werden getötet, etwa 1000 verletzt, der Sachschaden beläuft sich auf über eine Milliarde Dollar.
Tornados sind das Produkt von Gewittern, die sich entlang des Jet-Streams entwickeln. Diese Windströmung entsteht in einer Höhe von rund zwölf Kilometern zwischen kalten und warmen Luftmassen. Beim Aufeinandertreffen dieser Windströme mit den feuchtwarmen Luftmassen, die von Süden heranziehen, wird die Warmluft explosionsartig in die Höhe gezogen. Dabei kondensiert die feuchte Luft und entlädt sich in schweren Niederschlägen.
Ausschlaggebend für die Enstehung dieser »Twister« sind zwei unterschiedlich schnelle Windströme, zwischen denen die langsam aufsteigende Luft zunächst in eine horizontale Drehbewegung versetzt wird. Die Warmluftwalze knickt schließlich unter Einwirkung der hochrasenden Luftmassen ein und wird zu einem wirbelnden Kegel mit nach unten gerichteter Spitze, die in Bodennähe den Tornado-Rüssel bildet.
Forscher können mittlerweile Richtung und Tempo der Luftmassen sowie die Luftfeuchte vermessen, sogar die Größe der Regentropfen lässt sich bestimmen. Aber ob der Rüssel tatsächlich niederkommt, wann, wo und mit welcher Gewalt, kann bislang noch niemand voraussagen. Dass ein Tornado in einem furiosen Finale enden kann, bei dem innerhalb weniger Minuten die Windgeschwindigkeiten im Sturmkegel rasant ansteigen, daran wurden die Twister-Forscher auch diesmal erinnert. Im Zentrum des Tornados, der am 3. Mai minutenschnell Vororte von Oklahoma City verwüstete, wurden Geschwindigkeiten von über 500 km/h gemessen.