BRILLANTEN Rat aus London
Westdeutschlands Juweliere jubilieren: Mit dem Weihnachtsgeschäft liegt Ihr diesjähriger Umsatz um 20 Prozent über den Verkäufen von 1963. Diamanten sind zur Zeit ebenso stark gefragt wie zuletzt vor einem Viertel -Jahrhundert, als zu Beginn des Zweiten Weltkriegs Tausende ihre Ersparnisse hochkarätig anzulegen versuchten.
Favorit Ist der Brillant, der runde, in bis zu 58 Facetten geschliffene Diamant; er wird vor allem als Solitär, als Brillantring, verkauft.
Der plötzliche Drang breiter Käuferschichten nach diesem härtesten und leuchtendsten Mineral belebte das Schmuckgeschäft derart nachhaltig, daß bei einigen Fachhändlern, so etwa der Frankfurter Firma Uhren-Christ (Jahresumsatz: zehn Millionen Mark), 35 Prozent aller Kundenwünsche auf Brillanten abzielen. Als Massenschlager wird der fein-weiße, lupenreine Viertelkaräter (ein Karat = 0,2 Gramm) angeboten. Er kostet 395 Mark.
So kleine Steine waren noch zu Beginn des Jahres wenig gefragt, obwohl die Künste der Diamantschleifer sich so vervollkommnet haben, daß heute selbst einem Splitter von 0,05 Karat volles Brillantfeuer abgerungen werden kann.
Daran waren die Juweliere selbst schuld. Sie hatten, wie Christ-Geschäftsführer Kühnhanns bekennt, Ihre Werbemühen ausschließlich auf »die launische, in ihren Einkaufsgewohnheiten so sprunghafte und zahlenmäßig so kleine deutsche »High society« konzentriert. In ihren Schaukästen funkelten Luxusjuwelen im Werte von vielen tausend Mark, die »dem Millionenheer der Verkäuferinnen und Stenotypistinnen, dem Dreher aus der Fabrik und dem Buchhalter von nebenan« (Kühnhanns) die Vorstellung vermitteln mußten, ein Brillant sei ebenso begehrenswert wie zeitlebens unerschwinglich.
Der Bundesbürger, der 300 oder 500 Mark in den Schmnuckladen zu tragen vermochte, wich daher auf Goldschmuck aus, dessen Gewicht er nachwiegen und dessen Legierung er ankratzen konnte, wenn er befürchtete, übervorteilt zu werden.
Die vornehme Marktblindheit deutscher Schmuckhändler erregte schließlich bei dem Londoner »Diamanten -Syndikat« Anstoß - vor allem bei dessen führender Gruppe De Beers Consolidated Mines Ltd. -, das fast 90 Prozent der Weltproduktion von Rohdiamanten kontrolliert. Die Syndikats -Bosse sind um so mehr am Absatz kleiner Glitzersteine interessiert, als die
Minenausbeute zunehmend - kleine Diamanten-Rohlinge und immer weniger Hochkaräter ergibt.
London schickte deshalb Testgruppen in die Bundesrepublik. Sie berichteten, daß nur zwölf Prozent aller deutschen Frauen und Mädchen einen Brillantring ihr eigen nennen gegenübet 70 Prozent der Engländerinnen und 80 Prozent der Amerikanerinnen.
De Beers steckte daraufhin eine Million - Mark in Anzeigenwerbung (Slogan: »Der Diamant ist unvergänglich"). und bedachte Deutschlands Schmuckhändler mit Aufklärungsschriften darüber, wie man Diamanten auch an weniger begüterte Käufer absetzen kann. Denn, so urteilten die Londoner Experten, Diamanten seien »in den kommenden Jahren die größte Chance der deutschen Schmuckwarenbranche«. Sie rieten, dem deutschen Normalverbraucher die »Türangst« zu nehmen und den Kleinkaräter als eine Art Volksbrillanten zu kreieren.
Der Brillantenboom während der Adventswochen war nicht zuletzt das Resultat dieser Ratschläge aus London.
Juwelier Hermann Weyersberg von der Düsseldorfer Königsallee berichtet, schon im November habe eine lebhaftere Nachfrage nach Brillanten eingesetzt. Demgegenüber sei das Gold- und Goldschmuckgeschäft geringer geworden. Weyersberg: »Seriöse Leute kaufen kein Gold mehr, weil die Masse der Urlauber frisch behangen damit aus Italien ankommt und herumläuft.«
Und Juwelier Knapp, Chef der Knapp AG in München, machte die Erfahrung: »Vor allem der Konsumbrillant in der Preislage zwischen 200 und 400 Mark ist gefragt. Wir erzielen damit steigende Umsätze.«
Verkäufer Kühnhanns in Frankfurt zum Beispiel lockte mit dem Werbespruch »Und zum Fest den Viertelkaräter« zahlreiche neue Kunden an. Amerikanischen Beispielen folgend stellte er Ihnen auch Zertifikate über die Lupenreinheit der Brillanten aus und garantierte, den vollen Kaufpreis anzurechnen, wenn der Klein-Brillant später zwecks Erwerb eines größeren Juwels in Zahlung gegeben werden soll.
Brillanten-Werbung in Frankfurt
Im Advent ...
Brillanten-Auslage in Hamburg
... Diamanten für das Volk