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LEBENSBORN Rauben oder stehlen

Eine der geheimnisvollsten SS-Organisationen wurde enttarnt: »Lebensborn«. Mit schrulligem Rassendünkel hat es angefangen; es endete mit brutalem Kinderraub.
• aus DER SPIEGEL 14/1976
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Am 12. Dezember 1941, als Soldaten der Wehrmacht zu Tausenden vor Moskau erfroren, bewegte Heinrich Himmler die Frage, ob deutsche Frauen zum Frühstück Haferflocken essen könnten, ohne unnordisch zu verfetten.

Die Damen, um deren Figur sich der SS-Chef sorgte, waren zu ihrer bevorstehenden Niederkunft in SS-eigenen Heimen untergebracht. Nach reiflichem Überlegen entschied Himmler, »daß der als Frühstück in den Heimen verabreichte Haferbrei in genügend schmackhafter Form gegeben wird«.

Warum dieses Gericht der schlanken Linie keineswegs schade, begründete Himmler gegenüber den Heimleitungen so: »Man sehe sich nur (Englands ehemaligen Außenminister) Lord Halifax an! Seine schlanke Gestalt beweist, daß diese Haferflocken, dort Porridge genannt, keinerlei Einfluß auf das Gewicht vornehmer Personen haben.«

Himmlers Haferflocken-Brief stobeile das französische Journalisten-Ehepaar Marc Hillel und Clarissa Henry auf, das drei Jahre lang in fast allen Ländern Europas nach Spuren einer SS-Institution suchte, die beide Autoren noch heute für »die geheimnisvollste und umstrittenste Nazi-Organisation« halten: die »Lebensborn e. V.«

Auf ihren Recherchefahrten entdeckte das Forscherpaar mehr Material als je ein Historiker vor ihm. Mit den aufgefundenen Zeugnissen können die beiden Franzosen in einem jetzt veröffentlichten Buch die Geschichte des Lebensborns rekonstruieren, wenn auch für sie »die Frage bleibt: Waren es Entbindungsheime oder menschliche Zuchtstätten?« Fazit: Die Antwort wird wohl »nie gefunden werden"*.

Es waren, so scheint es, wohl doch nur Entbindungsheime« jedenfalls zu Friedenszeiten, in denen Himmler seine Blut-und-Rasse-Marotten pflegte. 1935 hatte das Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA) der SS den eingetragenen Verein »Lebensborn« gegründet, unter dessen Schutz »dem Sieg des deutschen Geistes der Sieg des deutschen Kindes« folgen sollte -- so Himmler.

Mit Geld, das deutschen Juden geraubt worden war, wurden Heime gekauft, vor denen die SS-Fahne wehte und in denen »rassisch wertvolle« ledige Mütter heimlich entbinden konnten. Weder Eltern noch Nachbarn erfuhren von den Geburten, die überdies noch in eigenen Standesämtern dokumentiert wurden.

Den jungen Müttern, meist Freundinnen von SS-Angehörigen, stand es

* Marc Hillel und Clarissa Henry: »Lebensborn

e. V.«. Paul Zsolnay Verlag, Wien/Hamburg; 352 Seiten; 34 Mark.

frei, ihre Kinder zu behalten oder der SS zu überlassen, die sie dann später geeignet erscheinenden Eltern zur Adoption gab.

Himmler wachte wie eine Glucke über den Heimen, registrierte tränenreich jede Totgeburt und verlor nie »die Rasse« aus den Augen. So wünschte er, »daß eine kleine Sonder-Kartothek aufgestellt wird für alle Mütter und Kindeseltern, die eine griechische Nase bzw. den Ansatz dazu haben«. Und Weihnachten verehrte er allen Babys »Jul-Leuchter«, ein preiswertes Präsent -- es stammte aus den Werkstätten des Konzentrationslagers Dachau.

Obgleich unter den Volksgenossen schon bald das Gerücht umging, der Lebensborn sei nur eine Tarnung von Zuchtstätten zur Erzeugung nordischen Nachwuchses, ließ sich der Verdacht nie erhärten. Der Mann, der im Auftrage seines Führers jeden Mord befahl. war entschieden zu prüde, um Geschlechtsverkehr in den Heimen seiner SS zu dulden.

Als Himmler 1941 unangemeldet das Heim Kurmark bei Berlin besuchte und dort den Eindruck von »Schlamperei und Disziplinlosigkeit« gewann, ordnete er sogleich an, Männerbesuche in den Heimen seien grundsätzlich verboten. Allenfalls wollte er eine »Besuchsbaracke« gutheißen, in der »den Besuchern vielleicht Kaffee verabreicht werden kann, in der aber keine Möglichkeit eines intimen Zusammenseins besteht«.

Die ungewollte Komik, die dem Lebensborn im Frieden und in den ersten Kriegsjahren innewohnte« entgeht jedoch meist den beiden stets streng und engagiert urteilenden Chronisten. So will ihnen auch das Liebesleben deutscher Landser im besetzten Norwegen als ein finsterer Anschlag des Lebensborns erscheinen.

»Jedes Mittel«, so berichten sie über Aktivitäten der auch nach Norwegen entsandten Lebensborn-Funktionäre« »war ihnen recht, wenn es darum ging, unschuldige Mädchen in die Arme der germanischen Fruchtbarkeitsgottheiten zu treiben.« Auch die angeblich raffinierten »Mittel« werden aufgezählt, mit denen »norwegische Mädchen in die Falle« gelockt wurden: »Kostenlose Filmvorführungen« Konzerte in Parks und öffentlichen Gärten, Einladungen in die besten Restaurants, die nur Besatzungstruppen vorbehalten waren«.

Ungleich brutaler verfuhren SS und Lebensborn in den osteuropäischen Ländern, vor allem in Polen. Himmler hatte befohlen: »Der Geschlechtsverkehr eines Angehörigen der SS oder Polizei mit einer Polin wird grundsätzlich als militärischer Ungehorsam gerichtlich bestraft.« Aber Kinder wollte er dennoch importieren.

Himmler sah da kein unlösbares Problem: »Es ist klar, daß es in diesem Gemisch von Völkern immer wieder einige rassisch sehr gute Typen geben wird. Hier haben wir, glaube ich, die Aufgabe, deren Kinder zu uns zu nehmen, und wenn wir sie rauben oder stehlen müßten.«

Die Prozedur setzte Himmler fest: »Die Kinder müssen ... über ein Kinderheim des Lebensborn, in das sie zunächst probeweise aufgenommen und möglichst charakterlich erkannt werden. in deutsche Familien als Pflege- oder Adoptivkinder vermittelt werden,«

So geschah es. Nach dem Krieg schätzte die Regierung in Warschau, es seien etwa 200 000 polnische Kinder nach Deutschland verschleppt worden, von denen nur 40 000 repatriiert werden konnten.

Das wirkliche Ausmaß des Terrors aber ging weit über die Zahl 200 000 hinaus. Denn nur ein kleiner Teil, oftmals nur zehn Prozent aller von der Straße, von Schulhöfen oder aus ihren Betten geraubten Kinder, wurde von den Rasse-Experten der SS für »rassisch wertvoll« befunden. Die anderen wurden zurückgeschickt, selten zu ihren Eltern nach Hause, meist in Konzentrationslager.

Die nächste »Selektion« fand in Lebensborn-Kinderheimen statt, teils auf Reichsgebiet, teils noch in besetzten Ländern. Kinder, die sich hier nach Schädel- und Körpermessungen oder psychologischen Tests als »rassisch ungeeignet« erwiesen, wurden sterilisiert. Die anderen kamen zu Pflege- oder Adoptiveltern.

Die Raubzüge dehnten sich aus, je weiter die deutschen Armeen nach Osten vorrückten. Kinder verschwanden aus Jugoslawien, Rußland, ja, sogar aus dem verbündeten Rumänien: Oft mußte der Partisanenkrieg im Osten dazu herhalten, den Kinderraub zu bemänteln.

Seither fahnden Gerichte, Regierungen und Privatpersonen nach den untergetauchten Kindern und ihren Kidnappern. Doch die Suche endete bisher meistens im Niemandsland: Nur 15 Prozent der zur Eindeutschung geraubten Kinder, so eine polnische Statistik, wurden wiedergefunden -- und manche von ihnen sind keineswegs froh darüber.

Eines dieser Kinder, Eugenia Ewertowska aus Polen, trafen die Autoren in Flensburg. Sie heißt jetzt Irene, ist seit 1947 Deutsche durch Adaption, verheiratet mit einem Deutschen und Mutter zweier Kinder.

Die jetzt 40jährige Frau freute sich nicht über die Grüße, die ihr die beiden Lebensbornforscher von ihrer Mutter in Polen überbrachten. Frau Irene wehrte ab: »Ich empfinde nichts für diese Frau. Ich will meinen Frieden, begreifen Sie das denn nicht?«

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