Reale Angst aus der Ferne
Der Feind kommt unsichtbar und lautlos daher. Die Soldaten wissen: Für Fehler bleibt keine Zeit. Jede Bewegung sitzt: mit einem Spinnengriff die Riemen packen, dann das Kinn zuerst in den Gummischacht stecken und die Gasmaske über Mund und Nase ziehen. Den Schutzanzug prüfen, Handschuhe überziehen und die Kapuze über dem Kopf festzurren. Wenige Sekunden perfekt abgestimmter Abläufe, und der Einsatz kann beginnen. Tausendmal studiert, tausendmal ist nichts passiert.
Der Spürpanzer Fuchs steht nur wenige Meter hinter den Soldaten. Auf seinem Dach die Sicherungskiste für gefährliche Funde, die nicht im Innenraum abgelegt werden dürfen. Die Männer um Oberstleutnant Andreas Bednarzyk, 39, vom ABC-Abwehr-Spürtrupp verstehen ihr Handwerk - bei Trockenübungen. An der radioaktiven Front waren sie noch nie.
Seit November sind sie jetzt schon hier im Kosovo. Kein einziges Mal sind sie zur Bergung echter Uran-Munition ausgerückt, kein einziges Mal mussten sie ihre grünen Schutzanzüge für einen Ernstfall überstreifen. Mehr zu schaffen machen die Horden westlicher Medienvertreter, aber so können die ABC-Experten wenigstens das schöne orangefarbene Micro-Cont-Strahlenmessgerät an den Schuhen der angereisten Journalisten ausprobieren.
Der Alltag der Spezialeinheit sieht wenig spektakulär aus: Für die neun Verdachtsflächen im deutschen Sektor, wo bei den Nato-Bombardements gegen serbische Stellungen vermutlich Munition mit abgereichertem Uran eingesetzt wurde, ist seit 1999 kein Spürauftrag mehr erfolgt. Wiederholte Strahlenmessungen an Fundorten früherer Teams ergaben keine erhöhte Radioaktivität. Und zu neuen Fundstellen wurden Bednarzyk und seine Mannschaft bisher nicht gerufen. Außerdem haben alle deutschen Kfor-Soldaten »gelernt, nicht mal jenseits der Straße zu pinkeln«, sagt Bednarzyk. »Die heben bestimmt nichts auf, was sie nicht selber hingelegt haben.«
Die Debatte um Uran-Munition und Berichte über Leukämie-Erkrankungen sind für die Soldaten in der Balkan-Provinz eine ferne Realität. Erstaunt registrieren die eigentlich Betroffenen den plötzlichen Aufmarsch an Suchtrupps und Strahlenexperten: »Die Unruhe kommt übers Handy aus der Heimat«, sagt Oberfeldarzt Dirk-Friedrich Klagges, 40.
Kleine weiße Dreiecke markieren auf der Karte der Kfor-Friedenstruppe für das Kosovo alle 112 Stellen, an denen der Einsatz von Uran-Munition vermutet wird. Als letzter Kenntnisstand gilt der August 1999. Das Problem, so scheint es, ist erst mit den Medien hier wieder aufgetaucht.
Und so rüstet sich die Bundeswehr mehr gegen die reale Angst aus der Ferne als die irreale Gefahr in der Nähe. In dem kleinen Häuschen des Pressestabs der Bundeswehr in Prizren läuft die Informationskampagne auf Hochtouren: Eine Broschüre wurde vergangene Woche fertig gestellt, damit jeder Kompaniechef eine »Unterrichtshilfe« zur Hand hat, wenn seine Soldaten ihn nach den Gesundheitsrisiken befragen.
Auch Oberfeldarzt Klagges mauserte sich erst während der letzten sechs Wochen zum Uran-Spezialisten. Ihm scheint vor allem Uranoxidstaub, der als Abfallprodukt beim Einsatz mit Uran-Munition entsteht, gefährlich. »Aber auch das nur, wenn über lange Zeit eine hohe Dosis in den Körper gelangt.«
Für Klagges ist eine Nierenschädigung durch toxische Vergiftung wahrscheinlicher als die vermeintliche Leukämie-Gefahr durch radioaktive Strahlung. Problematisch könne die Munition »nur für die Zivilbevölkerung werden, die dauerhaft damit in Berührung kommt«, sagt der Mediziner.
Allerdings gibt es jeden Tag neue Gerüchte über potenziell verseuchte Gebiete. Sicher scheint: Uran-Munition wurde weder für den Beschuss von Häusern noch Brücken genutzt, sondern ausschließlich gegen Panzer. Die potenzielle Gefahrenzone für die Zivilbevölkerung liegt demnach vor allem entlang der ehemaligen serbischen Stellungen im Westen des Kosovo, an der Grenze zu Albanien: Zwischen Prizren und Pec, das die Albaner Peja nennen, liegen die meisten Abwurfstellen.
Nur ein paar kahle Kirschbäume und ein müder Esel stehen auf den Feldern des Gehöfts von Burim Gaxherri in Junik, das zum italienischen Sektor gehört. Hier, am Westrand des Kosovo, haben die großen Schlachten stattgefunden: Erst kämpfte die albanische Untergrundarmee UÇK gegen die serbischen Truppen, dann attackierten Nato-Piloten die Panzerstellungen der Serben.
Grüne Wrackteile zieht Burim hinten auf seinem Feld aus den Büschen. Dahinter liegt ein mit Kriegsmüll voll gestopfter Krater, der notdürftig von den Bauern zugeschüttet wurde. »Die Leute von der Kfor waren einmal da«, sagt Burim, »aber gewarnt haben sie uns nicht. »
Salvatore Viola, Sprecher der italienischen Einheit im Kosovo, windet sich. Über Satellit dringen die Nachrichten über Leukämie-Todesfälle bei der Truppe auch in sein kleines Büro in Pec - trotzdem kennt niemand im Ort eine einzige von den Italienern abgesperrte Zone. Zeigen könne er die verseuchten Orte nicht, sträubt sich Viola, ohnehin gehe keine Gefahr mehr von diesen Stellen aus. Doch dann setzt er nach: »Aber seien Sie vorsichtig, gehen Sie nicht zu nah ran.«
Den Kindern von Klina hat niemand diese Warnung gegeben: An dem ehemaligen Busdepot, 20 Kilometer östlich von Pec, kauert ein hungriger grau-gelber Welpe unter dem Rest einer Panzerkette. Neben ihm liegt ein selbst gebastelter hölzerner Bogen von einem der Nachbarjungs, die durch die zerschossenen serbischen Panzer krabbeln und Krieg spielen. Es gibt weder Warnschilder noch Zäune. Auch an den Abtransport der belasteten Wracks - wie im deutschen Sektor üblich - hat hier niemand gedacht.
Das Innere der fünf Panzer ist verkohlt, und was immer die Nato-Geschosse nicht zerstört hatten, haben ahnungslose Albaner ausgebaut. »Trümmer-Tourismus« nennt das Major Urs Casparis von der Schweizer Einheit, » das ist ein begehrtes Geschäft im Kosovo.« Die mögliche Gefahr der Schwermetallvergiftung verteilt sich mit jedem ausgebauten Wrackteil.
Für Beqir Rraci, 74, dessen Haus direkt neben dem zerstörten Busdepot liegt, sind die Berichte vom bedrohlichen Uran nichts als Propaganda: »Menschen neiden uns, dass wir frei sind im Kosovo, deshalb erfinden sie diese Geschichten«, sagt der Alte und schickt seinen Enkel wieder los zum Spielen - auf den Abenteuerspielplatz zwischen den zerschossenen Panzern. CAROLIN EMCKE