INDONESIEN Rebellion im Wohnzimmer
Der Prinz bittet zur Audienz. Nur sorgsam vorbereitet dürfen Besucher, Schuhe aus, vor seine Exzellenz, »His Royal Highness« Hasan di Tiro, treten. Denn ein wenig angeschlagen wirkt er nach seinem Schlaganfall schon, der Thronfolger der letzten Sultan-Dynastie von Aceh, wo ein blutiger Bürgerkrieg tobt.
Doch wenn der greise »Tungku« (Prinz), wie ihn seine Umgebung ehrfürchtig nennt, Hof hält, hinter einem eindrucksvollen Schreibtisch und unter der Flagge seiner Heimatprovinz auf der Insel Sumatra, dann leuchten die Augen des schmächtigen, kleinen Mannes.
»Im Kopf ist er noch völlig okay«, beteuern seine Mitstreiter: »Keine Entscheidung für Aceh fällt ohne ihn.« Sicher ist, dass von seinem Schreibtisch aus über Krieg und Frieden entschieden wird.
Dabei liegt der Amtssitz des Prinzen, den seine Freunde als Staatsoberhaupt ansehen, keineswegs in den tropischen Gefilden seiner Heimat. Er besteht vielmehr aus einem rund 25 Quadratmeter großen Wohnzimmer plus Nebenkammer für Computer, Fax und Telefon in einem Mehrfamilienhaus im Stockholmer Vorort Alby. Hier, wo in tristen Wohnsilos vor allem Migranten unterschiedlicher Nationalitäten angesiedelt wurden, residiert die nahezu komplette Exil-Führung der indonesischen Kriegsprovinz.
Aus di Tiros schwedischer Mietwohnung wird einer der längsten Bürgerkriege gesteuert. Nach mehr als 26 Jahren hat der Kampf um ein von Indonesien losgelöstes islamisches Königreich Aceh nach internationalen Schätzungen mindestens 12 000 Menschen das Leben gekostet. Inzwischen belastet er die Beziehungen zwischen Stockholm und Jakarta schwer. Die indonesische Regierung beschuldigt die Aceh-Separatisten aus Schweden, islamistische Terroristen zu sein, und verlangt ihre Auslieferung. Stockholm weist das zurück und riskiert einen Wirtschaftsboykott.
Seit di Tiro, 72, am 4. Dezember 1976 die Unabhängigkeit von Aceh ausrief, unterdrückt die Regierung in Jakarta die Autonomiebestrebungen der 4,3 Millionen Acehnesen und kämpft gegen die derzeit etwa 5000 bewaffneten Rebellen der Bewegung Freies Aceh (Gam). Eine Abspaltung der strategisch wichtigen und rohstoffreichen Provinz nach dem Vorbild von Osttimor will die Zentralregierung auf jeden Fall verhindern. Denn längst kämpfen Separatisten auch in anderen Regionen des Inselreichs für Selbstbestimmung.
Dabei sah es noch Ende vorigen Jahres so aus, als könne es eine friedliche Lösung geben. Nach zähen Verhandlungen vereinbarten die Regierung und die muslimischen Rebellen im Dezember einen Waffenstillstand. Das Abkommen sah großzügige Teilautonomie und freie Wahlen für Aceh vor, verlangte aber zugleich die Entwaffnung der Rebellen.
Eigentlich ein »guter Anfang«, fand selbst Malik Mahmud, 63, der als Regierungschef der Gam auftritt: »Zum ersten Mal seit langer Zeit gab es für die Menschen in Aceh wieder mehr Sicherheit, weil die Waffenruhe international überwacht wurde. Man konnte wieder einigermaßen frei in Cafés gehen oder zur Arbeit.«
Doch Mitte Mai platzten überraschend alle weiteren Verhandlungen. Die indonesische Regierung verhängte das Kriegsrecht über die Unruheprovinz. Sie schickte bis zu 50 000 Soldaten, die - auch nach dem Urteil internationaler Beobachter - seitdem mit äußerster Brutalität gegen alles vorgehen, was sie für muslimischen Widerstand halten. Die Luftwaffe bombardiert Dörfer, Häuser und Schulen werden in Brand gesteckt, täglich sterben Unschuldige.
Die Regierung glaubt, »die Probleme mit Gewalt lösen zu können«, kritisiert Malik, und ruft nun seinerseits im Namen der Gam »alle fähigen Männer und Frauen« zu Widerstand »bis zum Äußersten« auf.
Seit etwa drei Jahren lebt der ehemalige Geschäftsmann in Stockholm. Denn dort hat sich um den Sultan-Nachkommen di Tiro, der schon 1979 aus dem indonesischen Dschungel nach Schweden geflüchtet war, die wichtigste Auslandskolonie von Acehnesen versammelt, inklusive der meisten Separatistenführer. Zaini Abdullah gehört zum Beispiel dazu, ein Mediziner. Seit 1981 lebt der 62-Jährige, der als »Allgemeinarzt für Kinder und Familien« arbeitet, inzwischen in seiner neuen Heimat und hält, als Außenminister der Gam, Kontakt zu fremden Regierungen.
»Ich wurde vom indonesischen Militär verfolgt und stand ganz oben auf der Fahndungsliste«, sagt der gebildete Mann. Längst hat er einen schwedischen Pass und ist in den skandinavischen Alltag integriert - nur unter dieser Voraussetzung gewähren die peniblen Schweden überhaupt die begehrte Staatsbürgerschaft.
Das gilt auch für Bakhtiar Abdullah, 44, Sprecher der Exil-Regierung und ebenfalls Schwede. Vor 21 Jahren schon folgte er seinem Führer und wohnt nun, wie die anderen, gleich um die Ecke. Nachts arbeitet er als Sortierer bei der Post.
Von Alby reisten die Gam-Chefs als international akzeptierte Verhandlungspartner zu den Friedensverhandlungen nach Tokio. Von Schweden aus koordinieren Malik, Zaini und die anderen aber auch den Kampf der Rebellen. »Unser Kontakt ist sehr, sehr eng«, sagt Malik, weiter will er sich dazu nicht äußern.
In Stockholm starten sie schließlich auch ihre diplomatische Offensive, die helfen soll, Misstrauen abzubauen und ihre internationale Anerkennung zu fördern. Sie werben für einen Stufenplan auf dem Weg zur Unabhängigkeit, »einer Art Roadmap«, wie Regierungschef Malik sagt: »Das heißt Waffenruhe, internationale Kontrolle der Sicherheit von Aceh, Sanktionen bei Verstößen.«
Dann seien die Rebellen im Gegenzug auch »bereit, über alle indonesischen Vorschläge zu reden«, selbst über ein Referendum für eine Teilautonomie. »Die Menschen sollen selbst entscheiden«, assistiert Außenminister Zaini.
Vor allem wehren sich Malik, Zaini und die anderen gegen den Vorwurf, Aceh zu einem radikal- islamischen Staat nach dem Vorbild der Taliban umbauen zu wollen, zu einer Art »östliches Tor nach Mekka«, wie zuweilen behauptet wird. »Alles Propaganda, wir haben nichts mit Fundamentalismus zu tun«, beteuern Malik und Zaini unisono: »Schauen Sie uns an: Wir waren auf einer christlichen Schule. Wir sind im Westen ausgebildet worden. Wir sind persönlich Teil westlicher Gesellschaften. Sehen wir aus wie Taliban?«
Auch den Kämpfern vor Ort, die bisweilen muslimischer auftreten als die Führung im Westen, hat bislang noch niemand Kontakte zum islamischen Terrorismus nachgewiesen. Ihre Stockholmer Bosse jedenfalls wollen freie Wahlen, Pressefreiheit und einen demokratischen Rechtsstaat garantieren. »Wir werden den Westen sicher noch überraschen«, glaubt Malik, zum Beispiel auch mit gleichen Rechten für Männer und Frauen.
Acehs Frauen würden schon jetzt ermutigt, bessere Ausbildungen anzusteuern oder nach Führungspositionen zu streben. »Frauen kämpfen sogar für Acehs Unabhängigkeit«, sagt Malik, »in einer eigenen Witwenbrigade.« MANFRED ERTEL