BAYERN Reiche Vergangenheit
Im Dezember 1946 gab sich das bayrische Volk eine Verfassung. Sie definiert in Artikel I Ziffer 1: »Bayern ist ein Freistaat.«
Der Freistaat manifestierte sich zunächst vorzugsweise auf Holztafeln, mit denen die Landesgrenzen markiert wurden - so nach Österreich hin und zur Tschechoslowakei, aber auch nach Hessen und Baden-Württemberg. Konsequent wurde auf diese Weise auch das (bayrische) Neu-Ulm vom (baden-württembergischen) Ulm abgesetzt.
Doch je häufiger Souvenir-Jäger vorwiegend norddeutschen Ursprungs »Freistaat«-Tafeln in nichtbayrische Gebiete verschleppten, desto stärker gedieh die Freistaat-Ideologie innerhalb der weiß blauen Grenzpfähle. Die tiefsinnigen Interpretationen, was es mit dem Begriff Freistaat alles auf sich habe, faßte der Leiter des Referats Staatsrecht im Münchner Innenministerium, Ministerialrat Dr. Schmitt-Lermann, kennerisch in der - offiziellen - »Bayrischen Staatszeitung« zusammen:
Ein Bekenntnis zur Freiheit und ein Bekenntnis zur eigenen Staatlichkeit ... liegt im Wortlaut der Benennung 'Freistaat'. Er berührt sich im sprachlichen Ausdruck mit dem Wortsinn der Benennung 'Freistatt', 'freie Stätte'. Aber dies steht einem deutschen Land wohl an, das in einer reichen Vergangenheit immer wieder ein Sammelpunkt schöpferischer Kräfte war und das dadurch Deutschland und dem Abendland immer wieder bleibende kulturelle Werte gegeben hat.«
Insbesondere Bayerns derzeitiger Ministerpräsident, Alfons Goppel, ließ es sich angelegen sein, ein Freistaat -Bewußtsein zu propagieren. Unter seinem Vorsitz machte es der Ministerrat in München allen Behörden des Landes zur Pflicht, »im amtlichen Verkehr die Bezeichnung 'Freistaat Bayern' zu verwenden«.
Und immer, wenn Goppel das Wort »Freistaat« aussprach, verklärte ein Tremolo seine Stimme - so auch zur Adventszeit, als der Ministerpräsident 115 weiß-blau emaillierte bayrische Verdienstorden (Nummer 950 bis 1064) an verdiente Bayern verlieh.
Aus seinem Munde vernahmen die Ausgezeichneten, sie zählten nunmehr zu einem »erlesenen Kreis von Bürgern, die in ehrender und dankbarer Anerkennung ihrer hervorragenden Verdienste um den Freistaat Bayern und seine Bevölkerung« hiermit dekoriert würden.
Anschließend ergriff auch Ex-Ministerpräsident Wilhelm Hoegner das Wort, der Vater der demokratischen Verfassung Bayerns. Eher beiläufig enthüllte er, wie Bayern zu der emotionsträchtigen und staatstragenden Bezeichnung Freistaat gekommen ist.
Hoegner: »In meinem ersten Verfassungsentwurf stand noch 'Republik'. Als Gegner von Fremdwörtern habe ich dann das Wort 'Freistaat' vorgeschlagen.«
Bayrisches Grenzschild
Bekenntnis zur Freiheit ...
Bayrischer Ministerpräsident Goppel
... und zur eigenen Staatlichkeit