Reif für das Ende - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 3 / 122

Reif für das Ende

Christopher Hitchens, ein Brite aus Amerika, über die absurde Königsliebe seiner alten Heimat
• aus DER SPIEGEL 22/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Autor Hitchens, 53, lebt in New York und ist Kolumnist für »Vanity Fair«. -------------------------------------------------------------------

William Cobbett, der große englische Spötter des 19. Jahrhunderts, hielt seine Landsleute für schizophren, sobald es um die Monarchie ging. Ohne es zu merken, sprächen sie in einem Atemzug von der »Königlichen Münze«, wenn es um die Herkunft des Geldes, und von »nationalen Schulden«, wenn es um dessen Verbleib ginge.

Das Überleben des Royalismus in dem einzigen einflussreichen Land, in dem er noch herrscht (falls das denn das passende Wort ist), war immer schon auf eine gewisse Schizophrenie angewiesen: Die Menschen müssen die Monarchie ernst nehmen, obwohl sie gleichzeitig wissen, dass sie eigentlich eine Absurdität ist.

Der Aufklärer Thomas Paine, einer der geistigen Väter der US-Demokratie, stellte fest, dass ein durch die Erbfolge bestimmtes Staatsoberhaupt ebenso lächerlich sei wie ein auf diese Weise ausgewählter Arzt. Zu manchen Zeiten ist dieser offenkundige Widerspruch besser wahrnehmbar als zu anderen.

In diesem Jahr wollte die britische königliche Familie ein ganzes Jahrzehnt grässlichster Publicity durch die Jubelfeiern für ein halbes Jahrhundert der Regentschaft Elizabeths II. auslöschen. Stattdessen wurde es bisher ein Jahr mit zwei Beerdigungen und keiner Hochzeit: die Begräbnisse der Mutter und der Schwester der Queen - ohne eine entsprechende Verjüngung der Dynastie.

Paradoxerweise haben diese traurigen Anlässe zu einer Aufwallung positiver Gefühle bei den Untertanen Ihrer Majestät geführt. Doch für die eigentliche Debatte über die Monarchie spielt das keinerlei Rolle. Königliche Familien werden von den Bürgern weder demokratisch gewählt noch abgewählt. Genau dies ist ja das entscheidende Argument gegen sie.

Allein die Tatsache, dass die Zukunft der Monarchie inzwischen Gegenstand einer öffentlichen Debatte ist, hätte unsere Eltern verwundert, ganz zu schweigen von unseren Großeltern. Die Tatsache überrascht selbst nachdenkliche Republikaner. In dieser Debatte kann es Meinungsumschwünge mal in diese, mal in jene Richtung geben, aber die ändern nichts daran, dass die Monarchie mit zwei Krisen konfrontiert ist. Die erste ist durch politische Entwicklungen bedingt, die zweite hausgemacht.

Was die erste, die institutionelle Krise, angeht, so wandelt sich Großbritannien, das gern unter seinem alten Nom de Guerre »Vereinigtes Königreich« firmiert, zu einer neuen Art von Staat: Es definiert sich zunehmend als Föderation, ohne sich das aber eingestehen zu wollen. Die Autonomie von Schottland, Wales und Nordirland, denen Premierminister Tony Blair eigene Parlamente zugestanden hat, ist so weit fortgeschritten, dass sie in England auch einen ausgeprägten Nationalismus schafft.

Die politischen Implikationen dieses Wandels sind republikanisch, da keine Dynastie von sich behaupten kann, alle britischen Regionen zu repräsentieren. Nötig wäre eine geschriebene Verfassung mit garantierten Grundrechten; ein Ansinnen, das breite Unterstützung genießt, für dessen Durchsetzung die Monarchie aber letztlich ein Hindernis ist.

Hinzu kommt noch, dass die britischen Gesetze zunehmend mit europäischen Standards in Einklang gebracht werden müssen. Die Europäische Konvention der Menschenrechte etwa untersagt jegliche Diskriminierung aus Gründen des Geschlechts, der Religion oder der Rasse. Der Job des britischen Staatsoberhaupts aber steht nur Personen offen, die in der männlichen Linie von einer bestimmten Familie abstammen und bereit sind zu schwören, dass sie weder zum Katholizismus konvertieren noch eine Katholikin heiraten werden.

Wohl der einzig erkennbare Nutzen der Monarchie liegt dagegen im Erhalt jener eigentümlichen Einrichtung namens Commonwealth, das verschiedene Ex-Kolonien zu einer lockeren, informellen Allianz verbindet. Das Überleben dieses komischen Clubs hängt sehr stark von der Person der gegenwärtigen Queen ab. Es lässt sich schwer vorstellen, dass Prinz Charles in dieser - oder auch jeder anderen - Runde das ausstrahlt, was Max Weber »charismatische Autorität« genannt hat.

Denn der Thronfolger verkörpert die zweite Krise der Monarchie, die selbst verschuldete. Schon frühere europäische Dynastien haben darunter gelitten, dass sie zu viele Prinzessinnen und Prinzen hervorbrachten, zu viele Großherzöge und zu viele Thronaspiranten. Und selbst die treuesten Monarchisten haben jetzt Schwierigkeiten, den Überblick darüber

zu behalten, wie viele Windsor-Kinder mit königlichen Titeln herumlaufen.

Prinzessin Anne, Prinz Andrew, Prinz Edward, ihre verschiedenen Ehepartner und Nachkömmlinge, Scheidungen und Geschäftsprobleme - all das hat einen Ruch von Verkommenheit und Opportunismus auf den Stufen des Throns hervorgerufen.

Aber konzentrieren wir uns auf diesen Mann mittleren Alters und seine zwei Jungen: Prinz Charles ist schon allein dadurch frühzeitig gealtert, dass er zu lange einem sehr deprimierenden Job nachgehen musste - darauf zu warten, dass seine Mutter stirbt. Der Enthusiasmus für ihn als Thronfolger ist alles andere als groß. Der Enthusiasmus für seine Langzeit-Mätresse Camilla Parker Bowles ist auch nicht gerade fieberhaft. Und es wäre ein ernsthafter, allerdings vorwiegend ästhetischer Fehler, wenn er gegenwärtige Sympathien dazu nutzen würde, dieses Verhältnis zu legalisieren.

Was die beiden Jungen betrifft, gibt es da Prinz William, der in seiner äußeren Erscheinung an seine verstorbene und viel geliebte Mutter erinnert. Und Prinz Harry, der in seiner äußeren Erscheinung sehr stark an Captain James Hewitt erinnert, den Liebhaber seiner verstorbenen und viel geliebten Mutter.

Prinz Harry ist zu jung, um eine Meinung dazu zu haben, wie seine Familie Britannien regieren sollte. Prinz William ist wohl auch zu jung, aber er hat unlängst klare Notsignale ausgesendet. Offenbar hat der Windsor-Prinz Freunde gebeten, Journalisten eindeutig zu übermitteln, dass er den Job nicht haben will. Mehr noch, er will nicht, so wie es sein Vater getan hat, sein Leben mit dem Warten auf den Job verschwenden.

Diese kleine, höchst menschliche Entscheidung ist nicht schwer zu verstehen: Der Junge braucht schließlich keine übermäßige Intelligenz, um zu sehen, dass die Monarchie das Leben seiner beiden Eltern ruiniert hat. Die Höflinge im Palast hoffen, dass Charles nur kurz regieren werde oder ganz ausgelassen werden kann, damit ein charismatischer Nachfolger auf die Bühne geschickt werden könnte. Williams Weigerung, zu einem Menschenopfer zu werden, bedroht das ganze Gebäude mit Einsturz.

Wie gesagt: Die Monarchie ist von ihrem Wesen her unheilbar absurd. Nur zu bestimmten Zeiten können die angeblich magischen Effekte der Monarchie diese Absurdität verbergen. Doch selbst wenn es während der Jubelfeiern dieses Jahres auf den ersten Blick so erscheinen mag, leben wir ganz sicher nicht in solchen magischen Zeiten.

* Beim Besuch einer Gartenausstellung am 20. Mai in London.

Christopher Hitchens
Zur Ausgabe
Artikel 3 / 122