JAPAN Rein zufällig
Wir wollen kein brüllender Löwe sein«, sprach Ministerpräsident Zenko Suzuki, 70, als er Anfang des Monats Washington besuchte, »sondern lieber nur ein Stachelschwein.«
Die Metapher sollte militärisch sein, sollte erklären, daß Japan nicht mächtig aufzurüsten gedenke, doch abwehrbereit zu bleiben wünsche. Der Spruch kam bei seinen amerikanischen Gastgebern -- Suzuki machte seinen Antrittsbesuch bei Präsident Reagan -- nicht gut an. »Die Japaner können doch nicht einfach auf ihre besondere Lage verweisen«, schimpfte die »Washington Post«, »und sich dann mit verschränkten Armen zurücklehnen.«
Genau das täte Suzuki gern, denn seit der vergangenen Woche steht der Premier im Mittelpunkt von Angriffen an der Heimatfront. Unversehens ist der Premier selbst in die Rolle des Stachelschweines geschlüpft.
Ichio Asukata, Chef der Sozialistischen Partei Japans, erregte sich im Parlament, der Premier habe sein Volk »betrogen«. Journalisten, von Suzuki zu einer Konferenz zusammengerufen, warfen ihm vor, Chef »einer Regierung von Lügnern« zu sein -- im höflichen Japan ein beispielloser Vorfall.
Das ist der Kasus: Haben und hatten amerikanische Kriegsschiffe in japanischen Gewässern und Häfen niemals Atomwaffen an Bord -- wie Suzuki und seine Minister unbeirrt beteuern --, oder sind sie sehr wohl stets mit Nuklearem bestückt -- wie der US-Professor Edwin Reischauer behauptet?
In einem Interview, das »rein zufällig« gerade jetzt geführt wurde, hatte Reischauer, von 1961 bis 1966 US-Botschafter in Tokio, unter anderem gesagt: Amerikanische Marineeinheiten behielten natürlich auch dann ihre atomare Bewaffnung an Bord, wenn sie in japanische Häfen einliefen. Dieses wisse und billige die Regierung in Tokio nicht nur, es gebe hierüber sogar ein Abkommen mit Washington.
Er wußte sehr wohl, daß seine Bemerkungen in Japan für Wirbel sorgen würden. Denn wie kein anderes Volk werden die Japaner von einer tiefen Atom-Angst geplagt; Hiroschima wirkt auch nach 36 Jahren noch nach. Selbst der geringste Verdacht, irgendwo in ihrer Nähe befinde sich militärisch Atomares, läßt Japaner zu Massendemonstrationen aufmarschieren und die Opposition im Parlament schier endlose Debatten anzetteln.
1968 schon hat deshalb die japanische Regierung als Grundlage ihrer Politik S.130 die »drei Anti-Nuklear-Prinzipien« festgelegt: Japan werde weder Atomwaffen herstellen, noch welche besitzen, noch dulden, daß Atomwaffen ins Land gebracht werden.
Stimmt Reischauers Behauptung, haben die USA fortgesetzt gegen das dritte der Prinzipien verstoßen. Was aber Tokio schon als »Hereinbringen« in die Territorialgewässer ansieht, wollen die Amerikaner bestenfalls als »Transit« gewertet wissen, was nicht genehmigungspflichtig wäre.
Zwar verkündete Premier Suzuki vergangenen Mittwoch, seine Regierung werde US-Schiffen mit Atomwaffen »absolut keine Erlaubnis« geben, japanische Häfen aufzusuchen, doch ein klein wenig geflunkert scheint das doch zu sein.
Denn ein Abkommen, das amerikanischen Nuklearwaffen quasi freies Geleit gewährt, gibt es wohl in der Tat. 1960 sagte der damalige Außenminister Fujiyama dem US-Botschafter MacArthur zu, Washingtons See- und Lufteinheiten dürften bei zeitlich begrenztem Aufenthalt in Japan ihre Waffen behalten; nur die Lagerung von Atomwaffen in Japan bedürfe der Zustimmung der Tokioter Regierung.
Dieses Abkommen wurde nur von den Amerikanern niedergeschrieben. Dazu die »New York Times": »So konnte die japanische Führung das Abkommen leugnen, ohne daß ihr in Tokio jemand mit einem Dokument das Gegenteil beweisen konnte.«
1969 aber wurde dieses Geheimabkommen in Washington aktenkundig. In einem Memorandum des Nationalen Sicherheitsrats über die bevorstehende Rückgabe der Okinawa-Inseln an Japan ist von der Notwendigkeit die Rede, auch für ein dann wieder japanisches Okinawa das Nuklear-Transit-Abkommen beizubehalten.
Daß die Amerikaner sich an diese Abmachungen gehalten haben, kann als sicher gelten. Yokosuka, nahe Tokio, ist ein Stützpunkt der 7. US-Flotte, mit dem Flugzeugträger »Midway« als größter Einheit. »Glauben Sie denn im Ernst«, spottet Harvard-Professor Reischauer, »unsere Kriegsschiffe würden ihre Atomwaffen ins Meer schmeißen, bevor sie in den Hafen einlaufen?«
Verwundern muß vielmehr, daß in all den Jahren die angeblich so sensiblen japanischen Atomgegner diese offenkundige Tatsache nicht gesehen haben. Zwar meint nun der Schriftsteller und aktive Pazifist Makoto Oda: »Uns war das alles längst klar. Aber jetzt bin ich sehr ärgerlich, weil es so lange gedauert hat, bis das Faktum offengelegt wurde. Die Regierung und die USA haben uns stets nur angelogen.«
Zumindest haben sie mit Methode nicht die ganze Wahrheit gesagt. Deshalb rät Reischauer auch der Regierung Suzuki, »die Tatsache einfach anzuerkennen« -- und nun endlich öffentlich zu sagen, wie die Sache steht.
Doch Suzuki, als personifizierte Harmonie vor zehn Monaten ins höchste Regierungsamt gelobt, scheint auf seiner Absage an das Offensichtliche beharren zu wollen. Schon ließ er seinen Sprecher Kiichi Miyazawa die Reischauer-Enthüllungen ins Unmaßgebliche abschieben: Der Professor sei nicht mehr im Staatsdienst, äußere also nur eine private Meinung.
Wenn Reischauer mit dem Interview den Japanern ihre Kernwaffenallergie nehmen wollte, indem er einfach auf Altbekanntes hinwies, ist er mit dieser Absicht gescheitert. Denn zu einer verstärkten Anti-Atom-Bewegung in Japan ist nun noch ein gerüttelt Maß antiamerikanischer Stimmung gekommen, Parallele zum neuen Antiamerikanismus, den die geplante Aufstellung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Europa geweckt hat.
Drei US-Zerstörer, Ende dieses Monats zu einem Flottenbesuch im südjapanischen Kitakyushu angesagt, wurden abrupt ausgeladen.
S.130Flugzeugträger »Midway«.*