Rekorde für kostbare Fotos - DER SPIEGEL
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Rekorde für kostbare Fotos

Triumph für historisch bedeutende wie für zeitgenössische Kamerakunst: Erstmals haben bei den New Yorker Frühjahrsauktionen die Preise für Fotos die Millionen-Dollar-Grenze übersprungen.
Von Urs Jenny
• aus SPIEGEL Chronik 54/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ist Fotografie Kunst? Oder besser: Kann Fotografie Kunst sein? Vor einem Jahrhundert war der Meinungsstreit heftig, ob man die neuartige Technik, obwohl keine Muse für sie eintrat, den klassischen Künsten gleichsetzen dürfe. In Europa plädierten berühmte Schriftsteller für eine Fotografie, die nun nicht mehr (wie in ihrer Anfangszeit) als Produkt eines seelenlosen Kameraobjektivs abgetan werden konnte, sondern als Zeugnis künstlerischer Subjektivität gelten musste.

In New York wurde ein hochbegabter und wohlhabender Fotograf, Alfred Stieglitz, zum erfolgreichsten Vorkämpfer seines Metiers, indem er 1903 die luxuriöse Fotozeitschrift »Camera Work« gründete und 1905 an der Fifth Avenue Nr. 291 eine Galerie eröffnete, die mit demselben hohen Anspruch avantgardistische Malerei, etwa Matisse oder Picasso, und Fotografie (auch eigene Werke) präsentierte. Die beiden bedeutendsten Entdeckungen des unermüdlichen Promoters Stieglitz waren der Fotograf Edward Steichen und die Malerin Georgia O'Keeffe - Stieglitz umschwärmte die junge Künstlerin, fotografierte sie etwa tausendmal, oft wie eine klassische Statue, und heiratete sie 1924.

Wer aber meint, nur der Markt könne realistisch die Frage klären, ob die Fotografie den »klassischen« Künsten gleichzustellen sei, hat hundert Jahre nach der Eröffnung der Galerie »291« eine eindeutige Antwort bekommen.

Bei den New Yorker Frühjahrsauktionen von Sotheby's bestätigt sich die Position von Edward Steichen (1879 bis 1973) und Alfred Stieglitz (1864 bis 1946) als den beiden überragenden Gründerfiguren der amerikanischen Fotografie durch bemerkenswerte Rekorde: Ein 1904 von Steichen im Mondlicht fotografierter düsterer Teich, von dem nur drei Originalabzüge existieren, erzielt 2,93 Millionen Dollar, eine Stieglitz-Aufnahme von Georgia O'Keeffe aus dem Jahr 1919 wird für 1,36 Millionen Dollar zugeschlagen. Edward Steichen hat nach dem Zweiten Weltkrieg die Fotoabteilung des New Yorker Museum of Modern Art aufgebaut und dort die erste Weltausstellung der Fotografie mit dem Titel »The Family of Man« konzipiert, die - damals ein sensationelles Ereignis - von 1955 an um den Globus wanderte.

Die Fotografie ist im halben Jahrhundert seither einerseits zum allgegenwärtig-inflationären Massenmedium geworden, andererseits zu einer höchst produktiven, doch mit strenger Exklusivität gehandhabten und betrachteten Kunst. Ihr begehrtester und seit einem Jahrzehnt am höchsten bezahlter Exponent ist der Düsseldorfer Andreas Gursky, 51.

Seine streng komponierten und oft computertechnisch stilisierten Monumentalaufnahmen, deren Prints bis zu zehn Quadratmeter groß sind, repräsentieren häufig exemplarische Schauplätze der Massenzivilisation. Gurskys »99 Cent«, das 1999 aufgenommene, im Original gut zwei mal drei Meter große Bild einer schattenlos ausgeleuchteten Schnäppchenmarkt-Halle, erzielt bei Sotheby's ein Vielfaches seines Titels: 2,26 Millionen Dollar - einsamer Rekord für einen zeitgenössischen Fotokünstler. URS JENNY

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