Rettung durch Rums? - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 2 / 118

Rettung durch Rums?

Neue Erkenntnisse zum Untergang der »Titanic«
• aus DER SPIEGEL 20/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Noch 450 Meter trennten das Schiff von seinem Verderben. William Murdoch, Erster Offizier der »Titanic«, hatte die letzte und folgenschwerste Entscheidung an Bord zu treffen: Welchen Kurs sollte er steuern, welche Maschinenmanöver anordnen, um den soeben vom Ausguck »direkt voraus« gesichteten Eisberg zu umschiffen?

»Ruder hart Backbord«, Maschinen »äußerste Kraft zurück«, befahl der Wachhabende Offizier. 40 Sekunden später - die »Titanic« preschte mit dem Tempo eines 100-Meter-Sprinters auf die schwimmende Barriere zu - durchtrennte das Eis die stählerne Haut des Schiffsrumpfes.

Fehlerhafte Seemannschaft, höhnten Kritiker dem mit der »Titanic« untergegangenen Schiffsführer hinterher: Murdoch, hieß es, hätte die Backbord-Schraube stoppen, den Steuerbord-Antrieb aber unter Vollast laufen lassen sollen, um das Ausweichmanöver zu fahren. Doch hatte er überhaupt eine Chance, das Desaster noch abzuwenden?

Nicht die geringste, wie jüngst vorgenommene Simulationen der letzten Sekunden des Ozeanriesen zeigen. Gleichgültig, welches Manöver Murdoch befohlen hätte, die Kollision von 60 000 Tonnen Stahl mit dem Eisgiganten war unvermeidlich.

Der dem Wachhabenden Murdoch postum angelastete nautische Fehler ist eine der Legenden, die sich um die Ursachen des »Titanic«-Untergangs ranken. Mal sollte minderwertiger Stahl, mal sollten unzureichend konstruierte Schotten im Rumpf das Unglück herbeigeführt haben. Nach dem letzten Stand der Untersuchungen trifft keine dieser Erklärungen zu. Die »Titanic«, erläuterte der amerikanische Schiffbauexperte William Garzke, sei »das Opfer einer Nacht«, in der »alles schiefging, was schiefgehen konnte«.

Garzke zählt zu einer Gruppe von Experten, die im August vergangenen Jahres von Bord eines Spezial-U-Boots aus in mehreren Tauchgängen das Wrack inspizierten. Dabei gelangen erstmals Aufnahmen der Risse im Rumpf, die dem Schiff zum Verhängnis wurden.

Dank eines speziellen Sonarsystems war es gelungen, die Schäden durch jene meterdicken Schichten von Schlamm zu orten, in die sich der Bug des Riesen beim Untergang gegraben hat. Zur Überraschung der Experten zeigte sich, daß die Zerstörungen am Rumpf der »Titanic« nur vergleichsweise geringe Ausdehnung aufwiesen.

Jahrzehntelang waren Untergangs-Theoretiker davon ausgegangen, daß der Eisberg den Rumpf über etwa ein Drittel der Schiffslänge aufgeschlitzt haben mußte (siehe Grafik). Die Sonaraufnahmen aber belegen, daß der Eisberg den Rumpf an sechs Stellen jeweils nur geringfügig durchtrennt hatte: Die gesamte Schadensfläche mißt nur gut einen Quadratmeter, vergleichbar der Fläche eines Schreibtisches.

Zum Desaster kam es letztlich durch die Verteilung und Lage der Wunden im Rumpf: Das Eis durchlöcherte sechs jeweils durch wasserdichte Schotten voneinander getrennte Abteilungen im vorderen Drittel des Schiffs. Alle Lecks lagen tief unter der Wasserlinie - entsprechend hoch war der Wasserdruck. So schoß eiskaltes Wasser wie aus Hochdruckrohren durch die kaum handbreiten Schlitze ins Schiff. Binnen 60 Minuten liefen 4 von insgesamt 16 Abteilungen im Rumpf der »Titanic« voll. Etwa eineinhalb Stunden nach der Kollision schwappten im vorderen Drittel des Schiffs rund 31 000 Tonnen Wasser.

Auch der These, die unzureichenden Schotten der »Titanic« hätten den Untergang verschuldet, widerspricht David Livingstone, Mitglied der Forschungsexpedition zum Wrack. Die wasserdichten Trennwände der »Titanic« reichten nur vom Kiel bis zu etwa zwei Dritteln der Rumpfhöhe. Nur dadurch, so eine der Untergangs-Vermutungen, habe das Wasser von einer Schiffszelle in die nächste gelangen können.

Der vehemente Wassereinbruch nach dem Unglück aber, so erläutert Livingstone, Schiffbauer bei der nordirischen »Titanic«-Werft Harland & Wolff, widerlege auch diese Annahme: In den Bug des Schiffes wurden so gigantische Wassermassen gepreßt, daß das Vorschiff unter die Oberfläche sank. Damit aber, so Livingstone über die neuesten Erkenntnisse, hätten auch Vollschotten ihre Schutzfunktion eingebüßt. Denn nun konnte das Wasser »auch über Öffnungen im Deck« in benachbarte Zellen gelangen. »Vollschotten«, so der Belfaster Schiffbauer, »hätten den Untergang nicht verhindern, sondern nur verzögern können.«

Aus heutiger Sicht gab es in der Nacht des Desasters nur eine Chance für das Schiff: Es hätte den Eisberg frontal rammen müssen. Die Wucht eines solchen Aufpralls hätte Energien freigesetzt, die dem Zerstörungspotential von ungefähr einer Tonne TNT-Sprengstoff entsprechen.

Diesen urgewaltigen Rums hätte die »Titanic«, wie Livingstone meint, »nach allem, was wir heute wissen«, überstanden: »Mit drei beschädigten Kammern im Vorschiff« schwer havariert, wäre das Schiff wohl weiter schwimmfähig geblieben. Hätte der Erste Offizier Murdoch das Schiff also stracks auf den Eisberg zusteuern sollen?

Livingstone stellt die Gegenfrage: Wie hätten dann seine Richter über den Offizier geurteilt? Sie hätten den Stab über den Mann gebrochen, der in einem solchen Fall wohl »Dutzende von Opfern und vermutlich Hunderte von Verletzten« in Kauf genommen und den Versuch unterlassen hätte, sein Schiff durch Ausweichmanöver vor Beschädigungen zu retten.

[Grafiktext]

Titanic - Schnitte im Stahl

[GrafiktextEnde]

[Grafiktext]

Titanic - Schnitte im Stahl

[GrafiktextEnde]

U. Jaeger
Zur Ausgabe
Artikel 2 / 118