RETTUNGSWESEN - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 60 / 63

Briefe

RETTUNGSWESEN
• aus DER SPIEGEL 22/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

RETTUNGSWESEN

(Nr. 18/1967, Briefe)

Das Unglück, dem die Besatzung des Seenot-Rettungskreuzers »Adolph Bermpohl« während des Orkans am 23. Februar zum Opfer fiel, veranlaßte Herrn Hans G. Strepp zu einem fachlich wie moralisch unqualifizierten Leserbrief, der im SPIEGEL Nr. 18 veröffentlicht wurde.

Das Seeamt hat nach mehrstündiger sorgfältiger Verhandlung festgestellt, daß der Seenot-Rettungskreuzer in jeder Weise bestens mit allen nautischen und technischen Hilfsmitteln ausgerüstet war und höchsten Anforderungen entsprach. Weiterhin, daß die Besatzung ein Höchstmaß an seemännischem Können und Erfahrung besessen und die Situation in jedem Augenblick souverän und ohne Nervosität beherrscht habe. Der gesamte umfangreiche Telephonieverkehr, vom Auslaufen des Rettungskreuzers bis zur Katastrophe auf Band genommen, beweist das. Der Zustand des in Seenot befindlichen Kutters und der drei schiffbrüchigen Holländer war jedoch so, daß eine Rettung nur noch mit dem Tochterboot möglich war, und darum haben die Rettungsmänner zu dieser Maßnahme gegriffen, die sie in voller Ruhe und mit vollem Erfolg durchgeführt haben. Mit Sicherheit haben sie nicht versucht, das Tochterboot auf See wieder aufzunehmen, vielmehr wurden Kreuzer und Tochterboot bei Dunkelheit und Orkan auf den Sellebrunn-Gründen durch eine gewaltige Grundsee überrascht und überwältigt. In dieser Situation war es ohne Einfluß, wie viele Rettungsmänner an Bord waren und ob sie sich auf dem Steuerstand oder an Deck befanden: Dieser Grundsee konnte niemand widerstehen.

Die Rettungsmannschaften der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger setzten sich ursprünglich aus Freiwilligen zusammen, die im Einsatzfall stundenweise für den entgangenen Arbeitsverdienst entschädigt wurden. Mit der fortschreitenden Technisierung nahm die Rettungsgesellschaft zunächst Vormann und Motormann und danach weitere Mitglieder der Besatzung fest in ihren Dienst, um die Wartung und Pflege der wertvollen Geräte sicherzustellen. Nach wie vor aber stehen auf jeder Station freiwillige Rettungsmänner zur Ergänzung der Stammbesatzung zur Verfügung. Auch vor der Unglücksfahrt der »Bermpohl« waren drei Freiwillige bereit mitzufahren, doch hielt die Stammbesatzung dies nicht für erforderlich. Es ist von jeher ins Ermessen des Vormanns gestellt, wie weit er seine Stammbesatzung durch Freiwillige von Fall zu Fall ergänzt.

»Durchkentern« kann ein Seenot-Rettungskreuzer nicht -- er hat bis 90 Grad ein aufrichtendes Moment, das noch entscheidend zunimmt in dem Augenblick, wo der Turm seitlich ins Wasser zu tauchen beginnt. Das hätte Herr Strepp eigentlich wissen müssen. Im Ausland gilt die technische Entwicklung des deutschen Seenotrettungswerkes als vorbildlich. Für den Columbia River (hier hat die Coast Guard während eines einzigen Seenoteinsatzes drei Boote verloren) wird zur Zeit ein Schwesterschiff des Seenot-Rettungskreuzers »Adolph Bermpohl« mit Tochterboot gebaut, ein gleiches Schiff bauen die Italiener und demnächst die Franzosen. Die Skandinavier sind gleichfalls an dieser Konstruktion interessiert -- es kann also nicht zutreffen, daß sie -- so Herr Strepp -- von ausländischen Experten als »Kompromiß der Armut« angesehen wird. Dem deutschen Seenotrettungsdienst stehen zudem auch jederzeit die Rettungshubschrauber und Suchflugzeuge der Bundeswehr zur Verfügung. Die Zusammenarbeit ist ausgezeichnet und läßt nicht zu wünschen übrig. Der deutsche Seenotrettungsdienst ist auch keineswegs »arm und unterentwickelt« -: Daß er durch freiwillige Beiträge und Spenden seit über 100 Jahren erhalten wird, bedeutet keineswegs Enge, Einschränkung und Verzicht auf notwendige Verbesserungen. Die Rettungsgesellschaft fühlt sich zwar dadurch verpflichtet zu Sparsamkeit, Ordnung und Verantwortlichkeit, aber sie hat stets die zur Verbesserung ihrer Einrichtungen und zur Durchführung ihres Dienstes erforderlichen Mittel rechtzeitig und genügend zur Verfügung gehabt und sie auch großzügig und unbürokratisch eingesetzt, wo es nötig war. Die Basis der Freiwilligkeit hat nichts, aber auch gar nichts zu tun mit Bettelei, mit Krampf und unwürdigem Schnorren, wie Herr Strepp meint. Sie ist ein Appell an die Freiheit, ohne Zwang und aus eigenem Antrieb zu tun, was getan werden muß, weil einfach schöner, wertvoller und menschlicher ist, was in Freiheit getan wird.

In jedem Jahr helfen die Rettungsmänner Hunderten von Wassersportlern aus prekären Situationen und bewahren sie auch vor materiellen Schäden. Wenn dann seitens der Segler gelegentlich ein kameradschaftlicher Dank gegeben wird in Form einer Flasche Schnaps oder eines Päckchens Tabak, dann blieb es Herrn Strepp vorbehalten, dies im Bild festzuhalten und zu veröffentlichen mit dem Hinweis:« An Feiertagen fahren die Vormänner an den Jachten entlang und schnorren um ein paar fröhliche Zugaben.« Möge er sich selbst an Bord der Rettungsboote von den Männern, die für ihren ständigen Wach- und Arbeitsdienst nicht schlechter als andere Seeleute auch bezahlt sind, die aber im Rettungseinsatz freiwillig mehr leisten und wagen, als überhaupt bezahlt werden könnte, die passende Antwort holen.

Bremen KAPT. H. BERBER-CREONER Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger

Zur Ausgabe
Artikel 60 / 63