Richtig bös - DER SPIEGEL
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Harte Bandagen im Streit zwischen Verbündeten - der US-Autoverleiher Budget kündigt dem deutschen Partner Sixt.
Von Christian Habbe
• aus DER SPIEGEL 19/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vor den verwaisten Mietwagenschaltern des Münchner Flughafens stellten Wachleute nachts einen verdächtigen Flaneur, der schnell etwas einsteckte. Er hole sich nur Prospekte, murmelte der Mann auf englisch und durfte weitergehen. Die Minikamera in seiner Manteltasche blieb unentdeckt.

Als er den Fotoapparat anderntags vor einem Münchner Sixt-Büro aufblitzen ließ und ein Angestellter fragte, was es denn da zu knipsen gäbe, verschwand der geheimnisvolle Fremde kommentarlos in der Menge.

Fast überall in der Bundesrepublik und im europäischen Ausland wurden im vergangenen Sommer die Filialen von Deutschlands größtem Autoverleiher neugierig beäugt. Englischsprachige Besucher führten zum Schein Kundengespräche und sammelten Preislisten ein. Sie notierten, welche Kreditkarten akzeptiert werden, fragten nach neuen Niederlassungen oder checkten die Konditionen für Reservierungen in den Nachbarländern.

Ihre Schnappschüsse und Notizen lieferten die Späher bei Managern der amerikanischen Leihwagenkette Budget ab -, mit der die Münchner Firma seit 1983 ein Lizenzvertrag verbindet.

Die Bayern profitieren vom weltweiten Budget-Reservierungssystem und haben vor der Haustür einen Konkurrenten weniger. Dafür zahlt Sixt hohe Lizenzgebühren nach Amerika (6,6 Millionen Mark im Jahr 1996) und vermittelt in Deutschland eingehende Auslandsreservierungen an die Filialen des Partners.

Seit einiger Zeit ist über die Interpretation des Vertrags ein Streit entbrannt, der den Anwälten der Kontrahenten schlaflose Nächte bereitet. Vorläufiger Höhepunkt: Am 14. April kündigte Budget-Chef Jack A. Frazee den Lizenzvertrag binnen Wochenfrist. Die Vertragsbeendigung soll jedoch erst nach einer abschließenden Besprechung mit dem deutschen Partner in Kraft treten.

Bereits am 11. September 1996, im Anschluß an die sommerliche Kontrollaktion, hatte der Budget-Vizepräsident und Europachef, Peter Giamalva, einen Brandbrief nach München geschickt. Darin beklagte er zahlreiche Verstöße gegen Geist und Buchstaben des Lizenzvertrags. Die Vorwürfe gipfelten darin, daß Giamalva die von Sixt an Budget gemeldeten Umsatzzahlen bezweifelte.

Die Amerikaner fühlen sich ausgetrickst und übervorteilt. Sie wollen Einsicht in sämtliche Buchhaltungsunterlagen ihres Partners gerichtlich erzwingen. Die Münchner verweisen auf die Ergebnisse einer Überprüfung der Umsatzerlöse durch die Wirtschaftsprüfgesellschaft Coopers & Lybrand, die im November 1996 feststellte, daß gemäß Ziffer 8.06 des Lizenzvertrages an der Richtigkeit der Umsatzzahlen keine begründeten Zweifel bestehen.

Doch Budget bleibt hart: »Wenn Sie die Wachstumsraten von Sixt in den vergangenen Jahren mit den uns gemeldeten Umsätzen vergleichen«, so Giamalva, »dann bleiben erklärungsbedürftige Differenzen, über die wir reden müssen.« Ein Argument, das Firmenchef Erich Sixt partout nicht einleuchten mag.

Sein Unternehmen habe im vergangenen Jahr 87 000 Reservierungen deutscher Kunden für das Ausland an Budget übermittelt - elf Prozent mehr als 1995, die Amerikaner hingegen weltweit 59 000 Reservierungen an Sixt - neun Prozent weniger als im Vorjahr. »Diese Zahlen und Fakten sprechen für sich«, sagt Sixt.

Ansonsten nimmt er die Kündigung des Abkommens gelassen hin, denn der Vertrag (Gerichtsort München) kann nur von Sixt mit einer halbjährlichen Kündigungsfrist beendet werden. Budget hingegen ist erst nach 30 Jahren frei, und das auch nur, wenn Sixt eine für diesen Fall vereinbarte Option auf »weitere 30 Jahresperioden« nicht wahrnimmt.

»Ein ewiger Vertrag«, freut sich Erich Sixt. »Da schlägt man doch lang hin«, staunt Sven Illert, der Münchner Anwalt der Firma, über soviel juristische Nonchalance beim Verträgemachen.

Nur aus »wichtigem Grund« - einem offenen Vertragsbruch etwa - kann Budget das Abkommen mit einer Frist von sieben Tagen kündigen.

Genau den sehen die Amerikaner als gegeben an. Denn Sixt verstoße durch die Weiterleitung von Mietwagenreservierungen im Ausland an Budget-Konkurrenten, so Giamalva, »gegen die Verpflichtung, alle bei ihnen eingehenden Reservierungen an Budget-Filialen zu überweisen«.

Der Konkurrent ist niemand anderes als Sixt selbst. »Autoverleih ist ein mörderisches Geschäft«, philosophiert der bayerische Unternehmer, der in der Branche als ein Mann gilt, der stets auf der Überholspur unterwegs ist. Seit der deutsche Markt nur noch sehr langsam wächst, trachtet der »Dynamiker und Wachstumsmensch« (Firmenjargon) nach Expansion auf fremdem Terrain.

Für sein Projekt, den Verbund von Sixt mit Budget europaweit auszudehnen, konnte er die Amerikaner, die allenthalben schon mit Lizenznehmern vertreten sind, aber nicht gewinnen. Damit war für ihn die Sache klar. Sixt: »Wir marschieren allein.«

Das verdrießt die Geschäftsfreunde von Budget. Als die Bayern in Zürich eine Filiale eröffneten, wechselte Budgets dortiger Partner erbost zu Europcar über - Budget mußte die Lizenz zurücknehmen.

Seitdem filzten Budget-Leute in Zürich Fax-Stapel und sichteten Testberichte ihrer Späher, unter anderem, um Belege für vertragswidrig fehlgeleitete Reservierungen zu finden. Ein Testreisender berichtete, er habe bei Sixt in Deutschland ein Budget-Auto an den Zürcher Flughafen bestellt. Doch am dortigen Schalter der Amerikaner wußten sie nichts von der Reservierung und hatten nur - resigniert - den Tip, der Vorgang sei dann wohl am Sixt-Tresen gelandet.

Als die Bayern dann auch nach Wien vorstießen und in Frankreich mit dem Budget-Konkurrenten Eurorent ein Gemeinschaftsunternehmen gründeten, »wurden's richtig bös« (Sixt).

Der Bayer bekundet zwar schlitzohrigjovial »Verständnis für den Budget-Manager, der sagt: Mensch, der breitet sich in Europa aus, und wir müssen zusehen«. Doch an der transatlantischen Aufregung glaubt er sich unschuldig.

Nach seiner Interpretation gilt der Lizenzvertrag nur fürs Inland und lasse ihm jede Möglichkeit, jenseits der Grenzen »in Gemütsruhe Sixt Europa aufzubauen«.

Kunden, die bei Sixt Budget fürs Ausland reservieren, bekämen halt ein dortiges Sixt-Auto, wenn sie - der Kunde ist König - es ausdrücklich so wollten. Tatsächlich scheiterten die Amerikaner bislang vor deutschen Gerichten mit Versuchen, per einstweiliger Verfügung diese Praxis verbieten zu lassen.

Sixt mag auch nichts damit zu tun haben, daß verschiedene deutsche Firmen dazu übergingen, ihren Angestellten bei Auslandsreisen Autos von Sixt vorzuschreiben und solche von Budget ausdrücklich zu untersagen. Bei Siemens etwa steht das auf Seite 441 der »Travel Directory« genannten hauseigenen Reisevorschriften.

Derlei Entdeckungen verbittern Budgets Rechercheure besonders, zumal die Sixt-Leute in solchen Fällen kühl auf ein Qualitätsgefälle zwischen beiden Partnern verweisen und gern sticheln: »Budget hat auch ein Problem mit seinem Namen. Das steht irgendwie für billig.«

Trotz alledem, so beteuert Giamalva, sei man an einer Fortsetzung der Zusammenarbeit interessiert, denn eine Trennung brächte für beide Partner erhebliche Nachteile.

Sixt stünde ohne weltweiten Partner da, und Budget wäre in Deutschland, dem nach den USA zweitgrößten Mietwagenmarkt der Welt, von einem Tag zum anderen nicht mehr vertreten.

Am Dienstag vergangener Woche hat das amerikanische Unternehmen Team Rental Group die Leihwagenkette Budget übernommen. Wie sich dies auf die Verhandlungen auswirken wird, steht dahin. Der neue Chef, Sandy Miller, soll sich noch Anfang April in Genf sehr positiv über Sixt geäußert haben. Das Unternehmen sei gut geführt, und er sei sehr zufrieden mit dem starken deutschen Partner.

Erich Sixt läßt dennoch die Muskeln spielen. Obwohl er die Kündigung sofort zurückgewiesen hat, würde er sich einer Trennung der beiden Firmen nicht prinzipiell widersetzen. Nur will er sich eine Scheidung ziemlich teuer bezahlen lassen. Denn: Die amerikanische Marke sei auf seinem Firmenschild bundesweit bekannt geworden.

»Dahinter steht jahrelange Aufbauarbeit«, grantelt der Deutsche, »sapperlott, warum soll ich denen ihren Namen schenken?«

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