BONN / GRAF SPRETI Right or wrong
Der Tod des Grafen Karl von Spreti bewog den Bonner Außenminister Walter Scheel zur ersten einsamen Entscheidung seiner Amtszeit. Der FDP-Vorsitzende faßte den einsamen Entschluß, die sterblichen Überreste des ermordeten deutschen Botschafters selber aus Guatemala City heimzuholen und dem Sarg bis zur Familiengruft der Spretis auf dem Friedhof im niederbayrischen Vilsheim das Geleit zu geben.
Doch das geplante Totengeleit brachte dem Außenminister Ärger und Kritik ein. Bundeskanzler Willy Brandt, der in den USA von den Reiseplänen seines Außenministers erfuhr, grollte. Zudem hatte Scheel ohne Absprache mit ihm entschieden, auf dem Flug nach Guatemala in Washington zwischenzulanden und seinen Kanzler zu besuchen.
Bei seiner Aktion legte sich Scheel auch mit dem Bundespräsidenten an. Vor der Presse kündigte der Außenminister eine öffentliche Totenklage Gustav Heinemanns für Graf Spreti an, obwohl der Präsident sich entschlossen hatte zu schweigen.
Scheels große Gesten und hektische Betriebsamkeit sollten vergessen lassen, daß der Bonner Außenminister in den ersten Tagen nach der Entführung des Botschafters durch guatemaltekische Guerrilleros nicht den Weg von seinem Urlaubsquartier im österreichischen Hinterthal in sein Bonner Amt gefunden hatte. Die CDU/CSU-Opposition fragte sogar, ob der Minister wirklich alles getan hatte, um das Leben des Botschafters zu retten.
Spreti war am Dienstag vorletzter Woche entführt worden. Scheel aber blieb noch vier ganze Tage im Urlaub, dann erst hielt er es für nötig, nach Bonn zurückzukehren. Der Minister: »Ich habe meinen Urlaub abgebrochen, als die Verhandlungen um Spretis Freilassung in eine positiv-kritische Phase kamen.«
Doch die Depesche des deutschen Botschaftsrats Gerhard Mikesch aus Guatemala, die in der Nacht vom Sonntag zum Montag in der Funkzen-
* Vor dem Abflug auf dem Bonner Flughafen Wahn.
trale des Auswärtigen Amts aufgefangen wurde und in der die Chancen, das Leben Spretis zu retten, als noch »positiv« bewertet wurden, erwies sich als fatale Fehleinschätzung. Wenige Stunden später war der Graf tot.
Die Bonner Diplomatie war an der Prestigebesessenheit der Guatemalteken gescheitert. Der Zielstrebigkeit südamerikanischer Politiker und Guerrilleros hatten Außenminister Scheel und sein Amt nur die Mittel klassischer Diplomatie entgegenzusetzen.
Nachdem Spretis Entführung bekanntgeworden war, hatte AA-Staatssekretär Georg Ferdinand Duckwitz -- nach Rücksprache mit Urlauber Scheel -- zunächst den Botschaftsrat Mikesch angewiesen, beim Außenminister Guatemalas, Alberto Fuentes Mohr, zu intervenieren. Der Bonner Diplomat erhielt beruhigende Auskunft: Seine Regierung, so versicherte der Guatemalteke, werde sich bemühen, die Bedingungen der Entführer zu erfüllen und -- wie gefordert -- 16 politische Gefangene freilassen.
Bei einem zweiten Besuch Mikeschs wiederholte Außenminister Mohr seine Zusicherung, Spreti freizutauschen, bat aber gleichzeitig um Verständnis für eine zeitliche Verzögerung. Seine Regierung müsse »aus Rechtsgründen« erst die Gerichte davon überzeugen, daß sie ihre Urteile gegen die inhaftierten Rebellen kassieren müßten. Mohr: »Das stellt aber kein unüberwindliches Hindernis dar.«
Eine ähnliche Prognose lieferte in Bonn Guatemalas Botschafter Antonio Gandara, den Staatssekretär Duckwitz ins Auswärtige Amt bat, nachdem er sich über den politischen Standort und Einfluß Gandaras erkundigt hatte. Die Recherchen ergaben, daß Gandara zur herrschenden Clique der Bananen-Republik gehört.
Der Botschafter motivierte das Zögern seiner Regierung ebenfalls mit angeblichen juristischen Schwierigkeiten. Zugleich jedoch versprach er Hilfe: Das Kabinett in Guatemala City beabsichtige, dem Parlament sofort eine »Lex Spreti« vorzulegen. Dieses Gesetz werde die Freilassung rechtskräftig verurteilter Häftlinge ermöglichen.
Das Bonner AA wollte sich nicht auf die Versprechungen der Guatemala-Regierung verlassen, sondern benannte am Donnerstag vorletzter Woche -- Spreti war schon drei Tage in der Hand der Rebellen -- einen Emissär, der von sich aus Unterhandlungen mit den Rebellen suchen sollte. AA-Personalchef Wilhelm Hoppe, der sich gerade auf Inspektions-Reise in Montevideo aufhielt, wurde nach Guatemala City beordert,
Dienstherr Scheel gab dem spanischsprechenden Lateinamerika-Kenner Hoppe jede Vollmacht für die Verhandlungen mit den Rebellen. Die Entführer hatten inzwischen den Preis für Spretis Leben herauf geschraubt. Sie verlangten die Freigabe von 22 Gefangenen und ein Lösegeld von 700 000 Dollar. Scheel an Hoppe: »Alle Gelddinge können Sie sofort regeln.«
Außerdem prüfte Bonns Außenamt, wie es befreundete Staaten bewegen könnte, durch Druck auf Guatemalas Regierung die Entlassung der politischen Gefangenen zu erzwingen. Doch die Prüfer erkannten bald, daß in den meisten der mit Bonn befreundeten Länder Rechts-Diktaturen am Ruder waren, die keine Neigung zeigen würden, der Regierung in Guatemala ein Entgegenkommen auf die Forderung der Linksrebellen anzuraten.
Dann erst entsannen sich die AA-Beamten der eigentlichen Herren der Bananen-Republik: der USA, die über die United Fruit Company den Handel des Landes beherrschen.
Duckwitz wies den deutschen Botschafter in Washington, Rolf Pauls, an, das amerikanische Außenministerium um Vermittlung anzugehen. Die Amerikaner wichen der deutschen Bitte aus: Nathaniel Davis, der US -Botschafter In Guatemala City, beschränkte sich darauf, über das landeseigene Fernsehnetz an die Entführer zu appellieren, ihre diplomatische Geisel freizugeben.
Daraufhin wurde Pauls noch einmal im State Department vorstellig. Auf den großen Einfluß des amerikanischen Geheimdienstes CIA anspielend, bat er die Nixon-Administration, »andere Behörden« mit den Bemühungen um Spretis Freilassung zu beauftragen.
Doch die Amerikaner, die noch drei Wochen zuvor ihren Zweiten Botschafts-Sekretär Sean M. Holly hatten freitauschen lassen, winkten ab. Die Regierung von Guatemala, so ließen sie Pauls wissen, sei ebenso antikommunistisch wie antiamerikanisch. Eine Washingtoner Vermittlung werde daher die Aussichten auf Rettung Spretis eher verschlechtern.
Kurze Zelt erwog die Bonner Rettungsmannschaft auch eine Reise des Kanzlers oder seines Vize nach Guatemala. Bonns Spitzenpolitiker sollten entweder auf die Regierung einwirken, die Rebellen-Forderungen zu erfüllen, oder sogar in direktem Kontakt mit den Aufständischen Spretis Freiheit aushandeln. Die Idee wurde rasch verworfen: Schon Hoppes Ankunft in Guatemala habe die Guerrilleros dazu ermutigt, den Preis für Spreti heraufzusetzen.
Als der Botschafter ermordet war, ließ Außenminister Scheel die Beziehungen zu Guatemala »einfrieren«, das Botschaftspersonal abziehen und im Außenamt eine Arbeitsgruppe bilden, die über den zukünftigen Schutz vor Diplomaten-Kidnapping nachsinnen sollte. Schon wenige Tage später hatten die Beamten drei Vorschläge ausgearbeitet. Danach könnte Bonn > mit befreundeten und verbündeten Regierungen in internationalen Organisationen die Abwehr von Diplomaten-Entführungen beraten;
* in bilateralen Kontakten mit allen Regierungen, bei denen ein deutscher Botschafter akkreditiert ist, klären, ob die Mehrheit der Unterzeichner-Staaten der Wiener Konvention bereit wäre, dieses Abkommen über den Internationalen diplomatischen Verkehr durch völkerrechtlich bindende Schutzgarantien für Diplomaten zu ergänzen; > versuchen, die diplomatischen Korps In den lateinamerikanischen Hauptstädten zu Solidaritätsaktionen bei der Entführung eines Diplomaten zu verpflichten.
Am letzten Freitag krönte Walter Scheel seine verspätete Aktions-Woche mit einem Protest-Besuch beim Präsidenten Guatemalas, Julio Méndez Montenegro, den der FDP-Pressedienst der »Beihilfe zum Mord« beschuldigt hatte.
Kurz zuvor, bei seiner Zwischenlandung In Washington, hatte Scheel nachts um ein Uhr den Botschaftsrat Mikesch aus dem Bett telephoniert, er möge dafür sorgen, daß es dem Außenminister erspart bleibe, gemeinsam mit dem Präsidenten Montenegro am Sarge Spretis zu stehen.
Scheel-Chef Brandt, der das diplomatische Ungeschick seines Außenministers mit Unwillen beobachtet hatte, muß den FDP-Vorsitzenden wenige Wochen vor den Landtagswahlen In drei Bundesländern dennoch pfleglich behandeln. Brandt auf dem Flughafen in Ei Paso zu seinen Begleitern: »Right or wrong -- my Scheel.«