FRANKREICH Robert und Nadine
Das Abendessen zu viert in dem abgelegenen Gehöft von Le Gue Girault in der Gemeinde Vitry-aux-Loges, etwa 30 Kilometer östlich der französischen Stadt Orleans, ging zu Ende.
Da zerfetzte eine Haftladung die Haustür, Elitepolizisten stürzten sich auf die tafelnde Runde, Handschellen schnappten um die Gelenke der beiden Frauen.
Ihre Partner zogen Pistolen und versuchten, zu den Fenstern zu fliehen; eine in die Decke gefeuerte Warnsalve der Polizisten stoppte sie. Die beiden Männer ließen sich entwaffnen - am Sonnabend vorletzter Woche um 20.55 Uhr.
Vier Jahre lang hatte Frankreichs Polizei auf diesen Augenblick gewartet. »Action directe enthauptet«, jubelte nun der »Figaro« und hatte recht damit: Die linksextreme Action directe (AD) hat praktisch zu existieren aufgehört.
Hinter Schloß und Riegel sitzen jetzt die Mitglieder des harten Kerns von AD: Jean-Marc Rouillan, 34, und seine Freundin Nathalie Menigon, 30, ihre »historischen Chefs«; ferner die Bürgerstochter Joelle Aubron, 27, Ehefrau des wegen doppelten Polizistenmords auf seinen Prozeß wartenden Regis Schleicher, und Georges Cipriani, 35, der fließend Deutsch sprechende Verbindungsmann zur RAF.
Mit den deutschen Terroristen, ebenso wie mit den italienischen und belgischen, unterhielt die AD enge personelle und logistische Kontakte. Sie sollten, wie es in einer gemeinsamen Erklärung AD-RAF vom 15. Januar 1985 hieß, die »Einheit der Revolutionäre in Westeuropa« sichern. Den Anschlag auf den US-Luftstützpunkt in Frankfurt im August 1985 wollen beide Gruppen begangen haben - wie auch andere Aktionen. Drei Waffen, die im Gehöft gefunden wurden, stammen höchstwahrscheinlich aus einem Raubüberfall auf ein Waffengeschäft im bundesdeutschen Maxdorf vom November 1984.
Im Vergleich zur RAF ist die AD aber nach dem Urteil eines deutschen Sicherheitsexperten ein »unbedeutender Haufen«. So wirkt in der Bundesrepublik bereits die dritte Generation Terroristen, in Frankreich ist es, wie der Fang bei Orleans zeigte, noch immer die erste.
Nach den neuesten Verhaftungen sind in Frankreich nur zwei AD-Terroristen von Rang noch flüchtig: Max Frerot und Mohand Hamami. Etwa vierzig Untergrundkämpfer sitzen in Gefängnissen, unter ihnen der AD-Führer Andre Olivier.
Dem bei Orleans überraschten Quartett werden mehr als 80 Straftaten zugeschrieben: Banküberfälle mit Millionenbeute, Sprengstoffattentate, Mordversuche und Morde, darunter zwei, die Frankreich besonders aufgewühlt haben. Am 25. Januar 1985 erschossen Attentäter den General Rene-Pierre Audran, den obersten Waffenverkäufer im Pariser Verteidigungsministerium; und am 17. November vergangenen Jahres wurde Georges Besse, Generaldirektor der Renault-Werke, vor seiner Pariser Wohnung von zwei Frauen buchstäblich exekutiert.
Beide Male bekannte sich AD zu der Tat, vorige Woche identifizierten Augenzeugen Nathalie Menigon als eine der Täterinnen beim Überfall auf Besse.
In dem Gehöft in Vitry-aux-Loges stellte die Polizei erdrückendes Beweismaterial sicher: die Aktentasche von Besse, Bekennerbriefe, eine Liste mit 250 Namen nebst Lebensdaten möglicher Opfer, unter ihnen der rechte Multiverleger Robert Hersant ("Le Figaro"), Geld im Wert von 400000 Franc, Waffen und 30 Kilo Sprengstoff.
Nun atmete die Nation erst einmal auf. Überschwengliches Lob erhielten der rabiate, aber im Terroristenkampf bis dahin glücklose Innenminister Charles Pasqua und Sicherheitsminister Robert Pandraud. Denn es war ihre von der französischen Linken heftig kritisierte, in Frankreich bis dahin unübliche Steckbriefaktion - eine Million Franc wurden ausgelobt -, die den Fahndern die entscheidenden Hinweise verschaffte.
Der Triumph machte die peinliche Tatsache vergessen, daß die mörderischen vier volle drei Jahre lang unbemerkt hatten wohnen und planen können.
Als pünktliche Mietzahler für das Gehöft - 4500 Franc im Monat -, als Halter von Hamstern, Katzen, Ziegen und Enten sind »Robert« und »Nadine«, wie sich Rouillan und die Menigon nannten, bei den Nachbarn bekannt und beliebt gewesen.
Die Erleichterung über den Fang war in Paris so groß, daß vorübergehend sogar innenpolitischer Friede ausbrach. Der linke Staatspräsident Francois Mitterrand übersandte seinem rechten Premierminister und Intimfeind Jacques Chirac seine »wärmsten Glückwünsche«.
Doch die Idylle war nur von kurzer Dauer - in einem Jahr sind Präsidentschaftswahlen. Noch während der Hochstimmung nach dem AD-Fang versetzte
der Chirac-Intimus Jacques Toubon, Generalsekretär der Gaullistenpartei RPR, dem Staatspräsidenten einen Tiefschlag.
Boshaft erinnerte Toubon daran, daß der ermordete Renault-Chef Besse »nicht tot wäre, wenn sie (die Terroristen) nicht freigelassen worden wären«. Mitterrand antwortete mit ungewöhnlicher Schärfe auf die »Niedrigkeit« dieser »absurden Bemerkung«.
Der Hintergrund dieses jüngsten Kohabitationszwists: 1981, nach der Wahl Mitterrands zum Staatspräsidenten, hatte Jean-Marc Rouillan von einer bei solchen Anlässen üblichen Amnestie profitiert - sie wurde vom Staatschef nur vorgeschlagen, aber vom Parlament beschlossen.
Kurz danach war Nathalie Menigon freigekommen - gleichfalls nicht durch Mitterrand, sondern auf Grund einer richterlichen Entscheidung und aus Gesundheitsgründen nach einem langen Hungerstreik.
So wird der Terrorismus zum Wahlkampfthema, und da kann es noch reichlich Zündstoff geben. Denn während Frankreich sich noch im Erfolg gegen die Action directe sonnte, begann am vorigen Montag im schwerbewachten Pariser Justizpalast der Prozeß gegen einen Terroristen, der Frankreich in Angst versetzt: gegen Georges Ibrahim Abdallah, 35, den mutmaßlichen Chef der »Bewaffneten revolutionären libanesischen Fraktionen« (FARL).
Der Libanese ist der Beihilfe an zwei Morden und eines Mordversuches angeklagt. Um Abdallah freizupressen, hatten im vergangenen September seine Brüder - jedenfalls vermutet das die Polizei - Paris mit einer Terrorwelle überzogen: 12 Tote, fast 200 Verletzte.
Mittlerweile lebt Frankreichs Hauptstadt wieder unter Attentatsdrohungen, - wieder Wegen Abdallah. 3500 Polizisten patrouillieren zusätzlich durch die Pariser Straßen, in Kaufhäusern und Ladenpassagen sind Sicherheitskräfte postiert.
Abdallah - »Ich bin ein arabischer Kämpfer«- wohnte seinem Verfahren nur bei der Eröffnung am vorigen Montag bei. Nach einer 25minütigen Polemik gegen den »Verbrecher Reagan« und die »imperialistisch-zionistische Invasion« des Libanon ließ er sich abführen. Den Rest der Woche wurde ohne den Angeklagten verhandelt.
Inzwischen spielt der französische Geheimdienst DST den Rang Abdallahs als Terroristenführer herunter: Der abwesende Angeklagte sei, erklärte der hohe DST-Beamte Raymond Nart vorigen Mittwoch überraschend vor Gericht, nicht der wahre FARL-Chef, sondern nur »eine Art Unterstützungsoffizier« und »ein kleiner Häuptling«. Beweise für diese Behauptung legte er keine vor.
Diese Verharmlosung des bisher so gefürchteten Terroristen klang wie von der Rechtsregierung bestellt - je kleiner Abdallah erscheint, desto leichter kann er abgeschoben, können damit neue Attentate abgewendet werden. Vergangenen Freitag forderte denn auch der Staatsanwalt für Abdallah nur noch eine Freiheitsstrafe »von zehn Jahren oder weniger«. Angeblich haben Emissäre der Chirac-Regierung in Damaskus bereits die Freilassung Abdallahs im kommenden Oktober zugesichert.
Eile ist geboten, denn neue Belastungsmomente gegen Abdallah drohen nach der Verhaftung der vier Mitglieder der Action directe. Der Grund: AD hat der FARL wichtige logistische und Informationsdienste geleistet. Chefankläger Pierre Baechlin vorige Woche: »Es gibt eine offenkundige Beziehung zwischen der Action directe und der FARL.« So hat die französische Polizei festgestellt, daß Abdallah zum Zeitpunkt zweier Morde, die die AD für sich in Anspruch nimmt in Frankreich war. Der Bekennerbrief der FARL dazu war durch den AD-Terroristen Mohand Hamami zum Druck nach Belgien gebracht worden.
Und eine Maschinenpistole, mit der arabische Terroristen die israelische Handelsmission in Paris beschossen, wurde in einem Versteck aufgestöbert, das auch Hamami und Joelle Aubron benutzten. Geholfen hat nach Überzeugung der französischen Polizei die AD zumindest bei der Vorbereitung der letzten nahöstlichen Terrorwelle in Paris.
Die Angst vor neuem Terror beflügelt die Phantasie. So verbreiteten fast alle französischen Medien die Meldung, die gefaßten vier Terroristen hätten Stücke der Ledertasche des Ermordeten Besse an Nathalie Menigons Hamster verfüttert. Die Polizei dementierte.