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AFGHANISTAN Rodeo mit Rakete

Leichtsinnig hantierten Soldaten mit einer gefährlichen Waffe - und niemand stoppte sie: Fünf Menschen starben beim Sprengstoffunglück in Kabul. Weil sie die verantwortlichen Offiziere nicht belangen kann, will die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellen.
Von Susanne Koelbl, Udo Ludwig und Georg Mascolo
• aus DER SPIEGEL 4/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die hohen Militärs wieder weg waren, erschien Paul Kochert, der seinen 29-jährigen Sohn Thomas beim Dienst fürs Vaterland verloren hat, alles »noch nebulöser«. Viele »Fragen und Ungereimtheiten« um den Tod seines Sohnes, der am 6. März vergangenen Jahres beim Entschärfen einer Luftabwehrrakete in Kabul ums Leben kam, hätten die Bundeswehroffiziere nicht aufgeklärt. Was den Vater aus dem ostwestfälischen Delbrück aber am meisten verbitterte, war deren erkennbares Bemühen, den Eindruck zu festigen, »als hätten die Jungs selbst Schuld«.

Vor Jahren waren drei russische SA-3-Raketen zum Schutz des Flughafens aufgebaut worden. Dort waren sie vor sich hin gerottet, auch das Bombardement der Amerikaner hatten sie überstanden. Die Anti-Terror-Truppe sah in den immer noch scharfen Lenkwaffen eine potenzielle Bedrohung ihres Flugverkehrs. Beim Versuch, sie zu demontieren, starben zwei deutsche und drei dänische Kampfmittelräumer. Viel mehr, insinuierten die Männer von der Bundeswehr bei ihrem Besuch in Delbrück, stehe auch nicht im Untersuchungsbericht.

Gewiss liest sich der Bericht stellenweise wie ein Tagebuch junger Leute, die den Einsatz im wilden Afghanistan als einen Abenteuertrip missverstanden: Sie ritten auf der Rakete wie auf einem Stier beim Rodeo und rückten ihr in Manier eines Heimwerkers zu Leibe. Aber sie mussten dafür auch deshalb mit dem Leben bezahlen, weil kein Verantwortlicher es für nötig hielt, das gefährliche Treiben zu stoppen.

So sieht es auch die Staatsanwaltschaft Lüneburg, die seit zehn Monaten ermittelt. Weil in Afghanistan von allen Beteiligten geschlampt worden sei, wollen die Strafverfolger die Schuld nicht allein beim bisher als Beschuldigten geführten Oberfeldwebel Jens D. sehen, der die Sprengung vor Ort leitete. Doch an die kommandierenden Offiziere des deutschen Unteroffiziers, Briten und Dänen, ist nicht ranzukommen, da fehlt den Staatsanwälten die Zuständigkeit. Gegen zwei dänische Offiziere ermittelt die Kopenhagener Militärstaatsanwaltschaft.

Ihre Entscheidung stützt die deutsche Justiz vor allem auf jenen 110-seitigen Untersuchungsbericht der deutschdänischen Kommission, den die Bundeswehr bis heute unter Verschluss hält, weil die peinlichen Details jene Parole, die der damalige Generalinspekteur Harald Kujat direkt nach dem Unglück ausgab (die Truppe »hat sauber, ordentlich und professionell gearbeitet"), ad absurdum führen.

In dem Kommissionsbericht wimmelt es von Vorwürfen gegen Soldaten aller Dienstgrade. »Klare Weisungen« hätten gefehlt, »unzulängliche Führung und Dienstaufsicht« hätten zu der Tragödie beigetragen. In der multinationalen Truppe hätten die Entschärfer bisweilen nicht einmal mehr gewusst, von wem sie gerade ihre Befehle erhielten. So groß war das multinationale Tohuwabohu, dass die Kommission empfahl, die Nato solle sich jetzt um neue »Mindest-Sicherheitsbestimmungen« bei internationalen Entschärfungsaktionen Gedanken machen.

Denn der Tod von Kabul traf auch deshalb die Deutschen und die Dänen, weil die Briten ihnen wichtige Informationen nicht mitteilten. In der Datenbank der Engländer fand sich der Hinweis, dass SA-3-Raketen besonders »empfindlich« reagieren können, wenn sie vorher »extremen Temperaturen« ausgesetzt waren. Doch dieser Vermerk war als geheim und »nur für englische Augen« eingestuft.

Auf Drängen der Briten wurde eine Rakete vor Ort gesprengt, die anderen wurden von Deutschen und Dänen sichergestellt. Ausgerüstet mit einer alten Betriebsanleitung der Nationalen Volksarmee der DDR, machten sich die Entschärfer, die niemals zuvor an einer solchen Rakete gearbeitet hatten, mit Elan ans Werk. Die sechs Meter langen Projektile zu zerlegen war endlich mal etwas anderes als das öde Einsammeln von Mörsergranaten und Kleinstmunition. »Es war eine Herausforderung für uns«, sagt ein Bundeswehrsoldat.

Die beiden Lenkwaffen, so sah ein Befehl des britischen Kommandeurs der multinationalen Brigade ("FRAGO 001 von 49 EOD GP") vor, der nun in den Akten auftaucht, sollten erst auseinander montiert und anschließend zu Übungszwecken in die Heimat geschickt werden - eine nach Deutschland, die andere nach Dänemark, verabredeten die Pioniere. Notwendig war das nicht. Die Bundeswehr hatte sich bereits bei der Wiedervereinigung russische Raketentechnologie gesichert.

»Mit der Entscheidung entstand das erste echte Problem«, heißt es in dem Untersuchungsbericht. Und ein Bundeswehrjurist urteilte bereits unmittelbar nach dem Unglück: »Es ist keinem Soldaten im Rahmen einer Friedensmission zuzumuten, wegen Beschaffung von Trainingsequipment Leib und Leben zu riskieren.«

Aber wer die fatale Entscheidung letztlich verantwortet, hat die Kommission trotz monatelanger Ermittlungen nicht feststellen können. Für die Staatsanwaltschaft ist das eine der großen Ungereimtheiten. Schließlich sei die Entfernung gefährlicher Stoffe einer Rakete, Delaborierung genannt, für den Einsatz in Afghanistan, so Oberstaatsanwalt Jürgen Wigger, schlichtweg nicht vorgesehen gewesen.

Weil sich die Deutschen aus eigenem Antrieb jene Betriebsanleitung für das russische Beutestück besorgt hatten, galten sie fortan als die Experten bei der halsbrecherischen Schrauberei. »Wissen wir, was wir tun?«, hatte der Kommandeur des dänischen Kontingents noch besorgt seine Soldaten gefragt. Die wiegelten ab. Die Deutschen würden an einer Rakete alles vormachen, erst dann lege man selbst Hand an, sagte ein Kampfmittelräumer, »es ist wie das Zerlegen eines VW-Motors«.

Keiner der kommandierenden Briten und ranghöheren Dänen wollte die Deutschen mehr stoppen. Fortan herrschte eine Stimmung »irgendwie wie in einem Pfadfinderlager«, sagt Wigger. Es durften sogar Erinnerungsfotos gemacht werden.

Auf dem Sprengplatz trennten die Kampfmittelräumer zunächst die Gefechtsköpfe vom restlichen Raketengehäuse ab. Anschließend wollten sie die Deckel öffnen, die die rund 40 Kilogramm Sprengstoff vom Typ Trinitrotoluol (TNT) und Hexogen (RDX) sicherten.

Da kein Spezialwerkzeug vorhanden war, griff der deutsche Oberfeldwebel R. zu Zimmermannshammer und Schraubenzieher, die Dänen nahmen einen Akkuschrauber zu Hilfe. Als die Deckel endlich entfernt waren, war es mit der professionellen Gelassenheit vorbei. »Es wurde gejubelt und getanzt«, berichtete Hauptfeldwebel Stephen John Clewley, der für die Engländer als Beobachter vor Ort war.

Danach versuchten die beiden Deutschen, mit dem gleichen Handwerkszeug auch noch den Sprengstoff aus dem Gefechtskopf herauszukratzen. Ein Däne stand mit einem Pappkarton in einer Grube, um den Sprengstoff aufzufangen. Weil die Rakete zuvor jahrelang größten Temperaturunterschieden ausgesetzt gewesen war, waren TNT und RDX so hart wie poröser Stein. Hätte er gesehen, mit welchem Werkzeug die Kollegen arbeiteten, sagte der beschuldigte Oberfeldwebel D. später aus, hätte er das unterbunden.

Jedenfalls führten die gewaltsamen Bemühungen zu einer gewaltigen Verpuffung. Die drei Pioniere wurden zum Teil 30 Meter durch die Luft geschleudert. Auch zwei Dänen, die zuvor am zweiten Gefechtskopf gewerkelt hatten, starben kurze Zeit später.

Hundeführer Robert M., 25, aus Buxtehude hatte sich gerade von der Sprenggrube etwas entfernt, als es knallte. Der Oberkörper eines Getöteten wurde auf ihn geschleudert. Das rettete ihm vermutlich das Leben. Auch ein 31-jähriger Hauptgefreiter aus Buchholz in der Nordheide verdankt sein Leben dem Schutz durch den Körper eines Toten. Einen anderen Oberfeldwebel schleuderte die Druckwelle meterweit durch die Luft.

Schlimm erwischte es auch den Oberfeldwebel Mathias R., 28, aus Goldberg in Mecklenburg-Vorpommern, der zufällig am Unfallort war. Er erlitt einen Schädelbasisbruch, die Bauchdecke war aufgerissen. Hunderte Splitter hatten sich in Arme und Beine gebohrt, die Verbrennungen fraßen faustgroße Löcher in die Schenkel. Noch heute leidet R. unter Tinnitus, einem Pfeifton im Ohr, ein Auge tränt, den Geruchssinn hat er weitgehend verloren.

Wie die Hundeführer hat sich auch R. einen Anwalt genommen. Er will Schmerzensgeld, die Anerkennung als Wehrdienstbeschädigter und Schadensersatz. Schließlich hatte der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping »unbürokratische Hilfe« versprochen.

Scharping ist nicht mehr Verteidigungsminister, Geld gab es bis heute keines, nicht einmal die erhofften Zusicherungen für eine Rente. Die Überlebenden des Anti-Terror-Krieges fühlen sich allein gelassen in einem »endlosen Papierkrieg«.

SUSANNE KOELBL, UDO LUDWIG, GEORG MASCOLO

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