Rohe Eier - DER SPIEGEL
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GEWERKSCHAFTEN / FÜHRUNGSKRISE Rohe Eier

• aus DER SPIEGEL 12/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Fast alle waren für ihn. Über 90 Prozent der Delegierten auf dem DGB-Bundeskongreß Oktober 1962 in Hannover wählten Ludwig Rosenberg zum Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Der neue Arbeiterführer versprach sein Bestes und zitierte dazu Erich Kästner: »Es gibt nichts Gutes es sei, man tut es.«

Ludwig Rosenberg tat, wie fünf Jahre später feststeht, des Guten zufiel. Stets war er bedacht, es allen recht zu machen, und das war keinem recht. Nicht alle zwar, aber doch viele sind jetzt gegen ihn.

Der Mann, der im Kollegenkreis wirkt, als habe »ein Industriekapitän ... seine Direktoren um sich versammelt« ("Christ und Welt"), ist den Radikalen, die sich um den Metallarbeiterführer Otto Brenner gruppieren, zu liberal.

Die Gemäßigten hingegen halten es mit dem »Industriekurier«, der aus Düsseldorfs DGB-Zentrale kolportierte, daß Ludwig Rosenberg, 63, einen Mitarbeiter schon fallen lasse, »sobald Otto Brenner nur die Augenbraue hochziehe«.

Der Autoritätsverfall dieses »Weltmanns des DGB« ("Frankfurter Rundschau"), der wendig und witzig, elegant gekleidet und literarisch gebildet ist, geht einher mit einem Kräfteverfall des Gewerkschaftsbundes. Und er gründet nicht allein in der biegsamen Diplomaten-Natur des Ludwig Rosenberg -- sein Amt bringt es so mit sich: Zwar soll der DGB Gewerkschaftspolitik vor Arbeitgebern und in Bonn machtvoll vertreten, aber 16 selbstbewußte Einzelgewerkschaften wachen darüber, daß die Macht des DGB in Grenzen bleibt.

Das Bestreben der »Stammesherzöge«, eigenes politisches Profil. zu gewinnen, ihre Differenzen untereinander und mit dem DGB zehren zusehends am Ansehen der Einheitsgewerkschaft und ihres Vorsitzenden. Das trat deutlich zutage:

> in der Notstandsfrage, in der es zum offenen Streit zwischen den Gewerkschaftlern um Otto Brenner (ohne Einschränkung dagegen) und dem einstigen Bauarbeiterführer und derzeitigen Bundesverkehrsminister Georg Leber kam (mit Einschränkungen· dafür);

> im Kampf um eine erweiterte Mitbestimmung, in dem die Radikalen auf Angriff drängen, die Gemäßigten aber für einen Waffenstillstand plädieren, weil sie die Sozialdemokraten nicht in Verlegenheit bringen möchten;

> in einem Streit um den DGB-Haushalt, dessen Lücken die zum Teil wohlhabenden Einzelgewerkschaften nicht füllen wollen -- wodurch -- der Aktionsradius des Dachverbandes weiter eingeengt wird.

Das alles führte zu einer »Krise, die es nicht gibt« (Ludwig Rosenberg). In der »Welt« versicherten anonyme Gewerkschaftler, sie würden »nicht länger tatenlos zusehen, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund von den Radikalen unterwandert wird«, und einer der Unbekannten seufzte über den Chef: »Dieser Mann ist die Enttäuschung meines Lebens. Er schweigt und schweigt und schweigt.«

Der Schweiger aber münzte den namenlosen Tadel in Lob: Er empfinde es nicht als schändlich, für einen Kompromißler gehalten zu werden (siehe Interview Seite 51). Es ist die Philosophie eines Mannes, der, wie Georg Leber erkannte, die Begabung einer Henne hat, »die auf rohen Eiern tanzen kann, ohne sie zu zerbrechen«;

Der Berliner Kaufmannssohn Rosenberg -- seit 1923 Sozialdemokrat -- wirkt seit 1928 für die Gewerkschaft. Die Hitler-Zeit überlebte er im englischen Exil, während seine Angehörigen in Auschwitz ermordet wurden.

Unter dem DGB-Begründer Hans Böckler warb er nach dem Krieg als »Außenminister« des Gewerkschaftsbundes in den Siegerstaaten für Versöhnung, und er stritt gegen die Demontage, der deutschen -- Industrie. In den fünfziger Jahren wurde Rosenberg -- der später zu den Befürwortern des Godesberger Programms der SPD zählte -- zum prominentesten Gegenspieler des DGB-Chefideologen Viktor Agartz, eines strammen Marxisten. Nebenher brachte er die Bundesregierung dazu, die Patenschaft über das Grab Heinrich Reines in Paris zu übernehmen.

Der organisierte Schöngeist war erschrocken über »die schauderhaften Pöbeleien«, die schon auf dem hannoverschen Bundeskongreß 1962 zwischen Notstandsgegnern und -befürwortern ausbrachen. Und als er zum Vorsitzenden von 6,4 Millionen deutschen Arbeitnehmern gewählt wurde, nahm er sich fest vor, sein Grundsatzprogramm nicht durch politisches Spektakel -- wie die Links-Kampagne »Kampf dem Atomtod« -- zu gefährden, das nur »zu Lasten wichtiger gewerkschaftlicher Aufgaben gegangen wäre«.

Dennoch wurden die Bonner Notstandsgesetze zur schwersten Prüfung für den auf Ausgleich erpichten DGB-Repräsentanten. Vor dem Berliner DGB-Kongreß im Mai 1966 zürnte Bauarbeiter-Boß Georg Leber gegen die »politischen Partisanen« außerhalb der Parteien, gegen »politisch heimatlose Intellektuelle und solche, die mit einem zeitgemäßen Kurs der SPD nicht mitgekommen sind, die sich in den Gewerkschaften gerne sturmfreie Buden einrichten möchten«.

Das ergrimmte den Metall-Chef Brenner, der jede Notstandsgesetzgebung als »äußerst gefährlich« ablehnt, und seine Anhänger bei den Gewerkschaften Chemie, Holz, Druck und Papier sowie in einem großen Teil der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV). Sie lehnten mit 251 gegen 182 Stimmen (die vor allem aus der IG Bau, den Post-, Eisenbahner- und Bergbaugewerkschaften und der Gewerkschaft Textil-Bekleidung kamen) »jede Notstandsgesetzgebung ab, welche die demokratischen Grundrechte einschränkt«.

Der DGB-Chef hatte wie stets einen Kompromiß angestrebt: Ablehnung der Notstandsgesetze, jedoch Einflußnahme auf die Entwürfe. Aber, so sagt er heute: »Den einen ging er zu weit, und den anderen ging er nicht weit genug.«

Postgewerkschaftsvize Kurt Gscheidle klagte über Rosenberg, daß »eine entschlossenere und mutigere Führung« im DGB vielleicht eine »einigende Formel« gefunden hätte. Aber: »Indem man an der Spitze erst abwartet, wo sich die stärksten »Bataillone bilden, begibt man sich freiwillig der Führung.«

Ludwig Rosenberg konterte: »Es ist bei uns eine alte Sitte, deshalb aber noch lange kein guter Brauch, dem Geschäftsführenden Bundesvorstand vorzuwerfen, daß er klare Führung vermissen läßt, obwohl man ihn oft genug daran hindert, diese Aufgabe zu erfüllen.«

Einen Monat später hatte er den radikalen Otto Brenner doch soweit, daß der 80köpfige Bundesausschuß einen Kompromiß beschließen konnte: Der DGB wolle sich »bei der Aufrechterhaltung seiner Ablehnung« der Notstandsgesetze »an Erörterungen einzelner Sachfragen beteiligen, um zu versuchen -- wo immer möglich -- auf vorgelegte Entwürfe Einfluß zu nehmen

Doch die Eintracht schwand bald. Westdeutsche Hochschulprofessoren wollten den Kongreß »Notstand der Demokratie« mit Metall-Brenner organisieren, und Otto Brenner gab die Einladung an Rosenberg weiter. Der aber ließ sie über seinen Urlaub hinweg einige Wochen unbeantwortet liegen und informierte auch nicht die anderen 15 Gewerkschaften. Metall-Vorstand Georg Benz: »Ein schweres Versäumnis.«

Rosenberg aber erwirkte im Bundesvorstand, dem außer ihm acht Ressortleiter der DGB-Zentrale und die 16 Gewerkschaftsführer angehören, einen Beschluß gegen die Beteiligung des DGB am Frankfurter Kongreß. Klagte Metall-Pressechef Dr. Werner Thönnessen, 36: »Das war eine Absage an das Bündnis mit der Wissenschaft. Nach dem Berliner Kongreßbeschluß wäre der DGB zur Teilnahme verpflichtet gewesen.«

Wie sehr inzwischen auch führenden Sozialdemokraten das Verständnis für die Balancekünste des DGB-Chefs über dem Abgrund der Notstands-Diskussion fehlt, bewies der Bonner Fraktionsführer Helmut Schmidt. Er verlangte für ein Bonner DGB-Forum, wo er reden wollte, als Gesprächspartner Vorstandsmitglieder des DGB. Rosenberg und die 16 Bosse aber wollten, gewitzt durch Kongreßerfahrungen, nicht diskutieren um die Einheit nicht unnötig Zu belasten. Sie schickten Experten aus dem zweiten Glied aufs Podium, von dem herab SPD-Schmidt den abstinenten Vorstand unter dem Beifall von über 1000 niederen DGB-Funktionären abkanzelte.

Und wie gestört die Beziehungen zwischen Einzelgewerkschaften und Dachverband derweil sind, erwies sich jüngst auf einer geheimen Tagung von Spitzengewerkschaftlern im Taunus. Nach diesem Gespräch mußte der DGB seinen 50-Millionen-Haushalt für 1967 erstmals um knapp 4,5 Millionen Mark kürzen, weil die nach langen Kämpfen verstimmten Stammesfürsten Rosenbergs Wunsch, 13 statt zwölf Prozent der Beiträge an den DGB abzuführen, nicht hatten erfüllen wollen.

Das Düsseldorfer Hauptquartier will nun zum Beispiel alle 39 hauptamtlichen Jugendsekretäre der DGB-Kreise entlassen (ÖTV-Chef Kluncker: »Völliger Wahnsinn"), es hat insgesamt 84 Planstellen für Sekretäre unterhalb der Landesebene gestrichen und verfuhr ebenso mit acht wirtschaftspolitischen Referenten in den Landesbezirken.

In dieser Not erhielt Ludwig Rosenberg unerwarteten Beistand: Otto Brenner, stärkster der Stammesfürsten und mächtigster Kontrahent der DGB-Spitze, demonstrierte Einigkeit der Einheitsgewerkschaftler. Er schrieb seinem »Lieben Ludwig«, daß »wir Dich bei der Ausübung Deines schweren Amtes nach besten Kräften unterstützen werden«.

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