UMWELT Rohr krepiert
Seit Saisonbeginn wird allen Bewohnern und Besuchern der baden-württembergischen Bodenseelandschaft ein bebildertes Faltblatt zugesteckt. Der Landrat des Bodenseekreises, Bernd Wiedmann in Friedrichshafen, appelliert an die »lieben Bürgerinnen und Bürger": »Rettet unser Schilf!«
Mit dem Notruf reagiert Wiedmann auf eine Umweltgefahr, die Fachleute am Bodensee neuerdings ebensosehr beunruhigt wie das grassierende Waldsterben: der Niedergang des Schilfgürtels an Deutschlands größtem Trinkwasser-Reservoir. Wiedmann wirbt per Prospekt dringend um Verständnis für Zäune auf der Wasserseite der Schilfzonen und für Sperrungen von der Landseite her. Anders sei das »immer schnellere Schilfsterben« nicht aufzuhalten.
Bedroht sehen die Behörden einen Biotop, dessen Pflanzenbestand jahrzehntelang Paddlern, Schwimmern wie Anglern eher als Unkraut gegolten hatte: Die dicken Röhrenstengel, bis zu vier Meter hoch, behindern mit ihren scharfrandigen Halmen den Zugang zum Wasser ebenso wie Bootslandungen an romantischen Plätzen.
Erst Warnungen von Gewässer- und Vogelkundlern haben den ökologischen Wert des Schilfdickichts ins Bewußtsein gerückt: Der Pflanzengürtel dient als *___unverzichtbarer Laichplatz und Aufwuchsrevier für ____Bodenseefische und Amphibien, *___Brutstätte, Schutz- und Lebensraum für viele ____Vogelarten, *___biologische Kläranlage, die Schadstoffe bindet und mit ____Hilfe von Kleinstlebewesen abbaut, *___natürliche Uferbefestigung, deren Wurzelwerk den Boden ____mehr als einen Meter-tief durchdringt.
»Eine katastrophale, vielleicht bald irreparable Entwicklung« hat, so Gerhard Thielcke, Vize-Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und selbst am Bodensee zu Hause, dazu geführt, daß das biologische Bollwerk bereits bis auf wenige Reste zerstört worden ist.
Von 1950 bis 1980 schrumpften die Schilfzonen, kaum beachtet, zunächst auf ein Drittel. Am deutschen Ufer, zwischen Sipplingen und Kreßbronn, steht gar nur noch auf einer Länge von 8,5 Kilometern Schilf - das sind, wie Wiedmann errechnete, »fünfzehn Prozent« des ursprünglichen Bestands.
Wieder einmal muß nun der Bodensee als Beispiel für vielfältige Bedrohung und langfristige Beeinträchtigung von Binnengewässern herhalten, aber auch für Sanierungsexempel und für neue Erkenntnisse aus Fauna und Flora.
Übermäßige Phosphat-Belastung durch Abwasser-Einleitungen von Industrie, Haushalten und Landwirtschaft, rücksichtslose Uferbebauung und die Rückstände von Bootsmotoren verschaffen dem südwestdeutschen Feriengebiet schon seit Jahren unliebsame Schlagzeilen. Mehr als 47 000 Boote jeder Größe und Stärke schippern auf dem See; fast
zwei Drittel der 162 Kilometer langen nördlichen schwäbischen Uferzone sind verbaut; 7000 Campingwagen blockieren neunzig Hektar Fläche am See.
Die Überdüngung durch Abwässer schwächt die Schilfhalme und fördert das Algenwachstum. Verfilzte Algenwatte wiederum drückt bei starkem Wellengang (der vom Schiffsverkehr mitverursacht wird) die jungen Halme von der Seeseite her um. Erholungssuchende richten mit Booten und Trampelpfaden die Schilfbestände vollends zugrunde.
Die Folgen sind mittlerweile auch für Laien unübersehbar: Ungeschützte Uferbänke bröckeln ab, das Wasser spült den feinen Boden aus den Schilfbeständen, zurück bleiben Grobkies und Stoppelfelder. Die Selbstreinigungskraft des Sees sei, meinen Fachleute, bereits erheblich geschwächt.
Gleichwohl sind Bodenseenutzer und Bodenseeschützer noch immer uneins darüber, wie die Uferlandschaft saniert werden soll. Die Freizeit-Schiffer nennen den Vorwurf, die vom Bootsverkehr ausgelösten Wellen ließen das Rohr krepieren, in ihrem Fachorgan »IBN« ("Internationale Bodensee- + Boot Nachrichten") »faktisch ein Märchen« und wenden sich gegen die Naturschützer-Forderung, den Motorbootverkehr drastisch zu reduzieren.
Der Deutsche Bund für Vogelschutz (DBV) und der BUND wiederum streiten gegen »blinden Aktionismus« des Konstanzer Landrats Robert Maus, der weiträumig das Schilf mähen will, um so Platz für eine Neubepflanzung zu schaffen. Die Naturschützer verweisen auf Untersuchungen von Testmähflächen, die ergeben haben, daß beispielsweise Rohrsänger in gemähten Revieren oder in Jungschilf ohne Altschilfschutz keine oder kaum Nester anlegen, im ungemähten Bereich jedoch heimisch bleiben.
»Das allgemeine Schilfsterben«, urteilt der DBV, »wurde durch die aufwendigen Pflegemaßnahmen nicht aufgehalten, sondern gefördert... Der Gesamtzustand des Schilfes hat sich durch die Mahd verschlechtert. Die Halme sind dünner und kürzer und deshalb sehr viel anfälliger.«
Beistand erhoffen die Schilfschützer von diversen Gutachtern. In der Landesanstalt für Umweltschutz und an der Universität Konstanz sind Untersuchungsprogramme zur Schilfpflege in Arbeit. Ein Bodensee-Uferplan der Regionalverbände Hochrhein-Bodensee und Bodensee-Oberschwaben soll zum Jahresende vorliegen.
Besorgt verfolgen BUND-Experten die langwierigen Verwaltungs- und Verabschiedungsprozeduren, zumal über eine Finanzierung der anstehenden Kosten in Höhe von mindestens mehreren hunderttausend Mark noch kaum gesprochen worden ist.
»In zwei Jahren«, mahnt Naturschützer Thielcke zur Eile, »ist alles zu spät.«