MANAGER Rolle rückwärts
Wer sich dem schmucklosen weißen Flachdachbau im Münchner Vorort Ismaning nähert, würde kaum auf die Idee kommen, dass dort gerade die deutsche Privatfernsehlandschaft neu sortiert wird. Gegenüber der ehemaligen Firmenzentrale von Leo Kirch steht ein Trecker, ein paar Büromenschen stromern zum Discountmarkt um die Ecke. Doch im Innern des Kirch-Komplexes wird diskret und mit Hochdruck daran gearbeitet, das schillernde Erbe des Medien-Pleitiers zu verteilen.
Es geht um große Sender wie ProSieben und Sat.1. Und es geht um rund 20 000 Film- und 40 000 Serien-Stunden, von Fünfziger-Jahre-Schmonzetten wie »Die Trapp-Familie« bis zu Hollywood-Hits wie »Der Patriot«.
Zumindest der Verkauf der Senderkette ist weit gediehen: Schon vor Weihnachten meldeten die Insolvenzmanager der Kirch-Media, man habe sich mit dem Konsortium aus dem Hamburger Bauer-Verlag und der HypoVereinsbank grundsätzlich geeinigt. Die entsprechenden Verträge sind noch nicht unterschrieben, denn die Verwalter wollen die Senderperlen aus dem Kirch-Nachlass nur zusammen mit den Scherben loswerden. Die Verhandlungen um das Filmrechtegeschäft gestalten sich jedoch ungleich schwieriger, weil man dafür echte Spezialisten braucht.
Bislang haben sich HypoVereinsbank und Bauer-Verlag vor allem auf einen Mann verlassen: Den EM.TV-Vorstandschef und -Großaktionär Werner Klatten, der sich seit 15 Jahren in der Branche tummelt und schon als Sat.1-Chef (1988 bis 1993) so manchen heiklen Filmdeal einfädelte.
Klatten, 57, der danach bis 2001 in verschiedenen Funktionen auch für den SPIEGEL-Verlag tätig war, ging in der Ismaninger Kirch-Zentrale in den vergangenen Wochen ein und aus. Egal, ob über deutsche oder internationale Filmrechte gesprochen wurde oder über ein neues IT-System für die zukünftige Filmrechtehandelsfirma - Klatten war meist dabei, und manchmal brachte er zur Verwunderung der Kirch-Mitarbeiter sogar weitere EM.TV-Kräfte mit. Dabei handelt es sich bei dem einstigen Börsenwunder bis auf ein kleines Joint Venture namens Junior TV ja streng genommen um ein Konkurrenzunternehmen.
Auf Anfrage bestätigt Klatten, mit dem Konsortium einen Beratervertrag in Sachen Filmrechte zu haben, der »nicht unterschrieben ist, dem ich aber inhaltlich im Interesse von EM.TV nachkomme«. Dort rechtfertigte er sein Neben-Engagement intern mit gelegentlich kühnen Gedankenspielen: Man könne ja, so Klatten vor Mitarbeitern, EM.TV oder einzelne Teile irgendwann in die neue Filmrechtegesellschaft einbringen - ein Plan mit viel Charme, besonders für das gebeutelte Biene-Maja-Unternehmen.
Doch seit Anfang vergangener Woche sieht man den agilen Medienmanager in Ismaning deutlich kritischer. Da nämlich hatte der SPIEGEL enthüllt, dass der niederländische Finanzier Constant Marie Vermeulen, der Klatten mit einem Darlehen über 46,3 Millionen Euro den Einstieg bei EM.TV ermöglicht hatte, entgegen allen früheren Dementis über enge geschäftliche Beziehungen zum direkten Umfeld von Leo Kirch verfügt.
Wer, so fragen sich nun auch viele Verhandlungspartner, sitzt uns da wirklich gegenüber? Der Bauer- und Hypo-Berater? Oder womöglich ein Strohmann des alten Hausherren Kirch, der inzwischen aus seinem Stadtbüro in der Münchner Kardinal-Faulhaber-Straße seine Fäden spinnt?
Klatten dementiert weiterhin entschieden, von den Hintergründen seiner EM.TV-Finanzierung gewusst zu haben. Er räumt aber ein, dass Kirch-Vize Dieter Hahn ihn auf Vermeulen aufmerksam gemacht habe und dass er wusste, dass der Luzerner Privatbankier Karl Reichmuth bei seiner komplexen Darlehenskonstruktion eine wichtige Rolle spielte. Reichmuth gehört zu den engen Kirch-Vertrauten: Er saß nicht nur im Verwaltungsrat der KirchSport AG und wirkte beim Verkauf des Sportrechtehandels mit. Der Schweizer hatte zeitweise sogar ein Büro in der Kardinal-Faulhaber-Straße 15 - wie Kirch. »Das war mir nicht bekannt«, sagt Klatten.
Der EM.TV-Chef, der angekündigt hatte, den Sachverhalt selbst zu prüfen und aufzuklären, will dabei in der vergangenen Woche »keine neuen Erkenntnisse« gewonnen haben. Nicht einmal zu einem Termin mit seinem eigenen Finanzier Vermeulen sei es bislang gekommen: »Er war offensichtlich verreist.« Auch zu Leo Kirch und dessen ehemaligem Vize Dieter Hahn habe es bislang »keine Kontakte gegeben«.
Dabei drängt die Zeit. Mittlerweile steht für Klatten mehr als nur sein guter Ruf auf dem Spiel: Es geht um seine Rolle als Vorstandschef und Großaktionär von EM.TV, aber auch um seinen Part bei der Neuordnung des Kirch-Nachlasses. In der vorigen Woche jedenfalls häuften sich in der mondänen EM.TV-Zentrale die Hiobsbotschaften:
* EM.TV-Gründer und Immer-Noch-Großaktionär Thomas Haffa forderte von Klatten in einem anwaltlichen Schreiben am Freitag eine weitere persönliche Bestätigung, dass Leo Kirch nichts mit Klattens Finanzierung zu tun und keinen Einfluss auf das Unternehmen habe. Für den Fall, dass Klatten nicht unterzeichne, drohte der ehemalige EM.TV-Chef gegenüber Vertrauten, den Verkauf seiner Anteile an Klatten rückgängig machen zu wollen - eine furiose Rolle rückwärts. Offenbar würde Haffa die Anteile nicht selbst behalten wollen, sondern an einen neuen Investor weiterreichen - etwa seinen alten Freund, den US-Medien-Milliardär Haim Saban. In seinem Schreiben an Klatten, das dieser bis Freitagabend nicht beantwortet hatte, argumentiert Haffa mit dem Kartellrecht. Das Bundeskartellamt hatte Leo Kirch, der ein Vorkaufsrecht für die Haffa-Anteile besaß, einst signalisiert, dass es kaum zustimmen werde, sollte er versuchen, die Aktien zu erwerben. EM.TV hält nämlich 45 Prozent an der Firma von Herbert Kloiber, Kirchs Hauptwettbewerber auf dem deutschen Filmrechtemarkt.
* Kloiber selbst protestierte beim Kartellamt mit Bezug auf die SPIEGEL-Enthüllungen, die zeigten, dass Amt und Öffentlichkeit »hinters Licht geführt« worden seien. Klatten soll die Hintergründe seiner Finanziers nicht gekannt haben? »Für mich ist das absolut nicht glaubhaft«, betont Kloiber gegenüber dem SPIEGEL. Beim Kartellamt will man den Hinweisen jetzt nachgehen.
* Konsequenzen zogen auch diederzeitigen Verantwortlichen der KirchMedia, die mit Klatten über Forderungen aus dem Joint Venture Junior TV und über einen Einstieg von EM.TV in das Deutsche Sportfernsehen (DSF) verhandelt hatten. »Wir haben diese Verhandlungen abgebrochen und ausgesetzt«, sagt Kirch-Manager Hans-Joachim Ziems. Das Insolvenzrecht verbiete Geschäfte mit Personen, die im Verdacht stehen, dem alten Unternehmen und dessen handelnden Personen nahe zu stehen.
* Der auf Anlegerrecht spezialisierte Münchner Anwalt Klaus Rotter weist auf mögliche rechtliche Konsequenzen hin, sollte Klatten tatsächlich Kirchs Strohmann gewesen sein: »Fehlerhafte Auskünfte auf einer Hauptversammlung sind strafbar.«
Auch beim Bauer-Verlag und bei der HypoVereinsbank haben die Neuigkeiten über den Berater Klatten für Irritation gesorgt. Bei der Bank, für die bei der Kirch-Pleite eine halbe Milliarde Euro auf dem Spiel steht, will man sich zu dem Vorgang nicht äußern. Der Verlag gibt sich demonstrativ gelassen. Klattens Beratungstätigkeit sei »nicht tangiert«, sagt Bauer-Sprecher Andreas Fritzenkötter. Intern sind die Planspiele, EM.TV oder Teile davon in die neue Filmrechtegesellschaft einzubringen, aber vom Tisch. Gespräche über einen Vorstandsposten, etwa in der neuen Filmrechtehandelsgesellschaft, habe es »mit Herrn Klatten oder jemandem anderen bislang ohnehin nie gegeben«, so Fritzenkötter.
Der EM.TV-Chef will auch nie entsprechende Pläne gehabt haben: »Ich habe kein Interesse an irgendeinem anderen Job. Ich bin Vorstandsvorsitzender von EM.TV und habe hier genug spannende Aufgaben zu lösen.« MARCEL ROSENBACH