Gesellschaft Rolling Home
Als in der Wahlnacht Ursula Schulz starb, inserierte Jochen Schulz, SPD-Vorstandssprecher, in der »Süddeutschen Zeitung«: »Meine Frau Ursula ist gestorben.« Datum, Ort und Name - mehr nicht.
Die Wortwahl, die Trauer nur durch Nachricht vermittelt, ist ungewöhnlich. Vom Sterben ist gemeinhin nicht die Rede, wenn in Familiennachrichten der Tod mitgeteilt wird. Denn meist sind sie nicht »gestorben«, sie sind »heim« oder »von uns gegangen«, wurden »abberufen« oder haben die Welt einfach »verlassen«.
Vor allem aber sind sie »entschlafen«. Der Bremer Pastor Klaus Dirschauer, 36, hat 10 258 Todesanzeigen geprüft, die von Anfang Januar 1971 bis Ende September vorigen Jahres im Lokalblatt »Weser-Kurier« veröffentlicht wurden. In 6614 Fällen (fast 65 Prozent) war davon die Rede, daß jemand »entschlafen« sei.
Dem Annoncen-Analytiker Dirschauer erscheint das erklärlich in einer Zeit, da dem Todkranken »das Sterben als letzte Möglichkeit und Wirklichkeit der Individualität seines Lebens genommen« wird. Der Ritus des Sterbens, der sich einst in vertrauter Umgebung, zu Hause, vollzog, hat sich zu einer klinischen Routine in den Krankenhäusern fortentwickelt, die Hans-Christoph Piper, Seelsorger an der Medizinischen Hochschule Hannover, .Sterbefabriken« nennt. Dort wird in der Tat. konstatiert Dirschauer, mit Hilfe von Narkotika ein »schlafähnlicher Zustand angestrebt«. Und weil häufig niemand dabei ist, wenn der Tod eintritt, wird gern die barmherzige Standard-Version der Ärzte und Schwestern übernommen, der Kranke sei friedlich »eingeschlafen«.
Die Formel, die den Tod verbrämt, indem sie kein Sterbenswörtchen über ihn verliert, scheint nachgerade unersetzlich. Sie gilt selbst dann als tauglich, wenn - so geschehen in Bremen einer volltrunken vom Barhocker fällt und einem Herzschlag erliegt; und dieser Bürger war, wie dann die Anzeige kundtat, »entschlafen« - allerdings »plötzlich und unerwartet«.
Eine Minderheit von Trauernden nur bedient sich anderer Metaphern. Dirschauer zählte 631 Anzeigen (6,2 Prozent), die vom »Verlassen« sprechen: Das Sterben wird gleichsam als Ortsveränderung gekennzeichnet. Und erst an sechster Stelle, noch nach dem »Erlöst«-Sein und dem »Von uns gehen«, wird erstmals Tod wörtlich genommen freilich starb da noch keiner, sondern ist, feierlicher, »verstorben« (4,4 Prozent).
»Die Vermeidung des eigentlichen Wortes«, sagt Dirschauer, macht den »verhüllen den, zugleich jedoch gehobenen Sprachgebrauch aus«. Völlig Unverhülltes kommt erst ganz am Schluß: Nur 69, knapp sieben von tausend, wagen den Tod auf »Sterben« zurückzuführen.
Die einschlägigen Dienstleistungsbetriebe meiden Wörter wie »Sterben« und »Tod« denn auch folgerichtig wie die Pest. Das Bremer »Gemeinwirtschaftliche Bestattungs-Institut (Ge-Be-In)« etwa bietet seine Dienste »bei einem Trauerfall« an; in den »Vorlagen und Größenmustern« des »Weser-Kurier« fehlen Tod und Sterben gleichermaßen - und die Hinterbliebenen orientieren sich daran.
Dirschauer, der über den »totgeschwiegenen Tod« eine Dissertation gefertigt hat - sie erscheint in diesem Monat als Buch* -, hat neben 33 Möglichkeiten, das Ableben teils medizinisch (»Ein Herz hat aufgehört zu schlagen«), teils religiös (»Gab sein Leben zurück in die Hand des Schöpfers«) zu umschreiben, auch 128 »Sprüche« gesammelt, die den sogenannten lieben Toten gewidmet wurden.
Daß einer »immer Vorbild, stets hilfreich und gut« gewesen ist. fleißig gearbeitet hat (»Bis Dir brach die Lebenskraft«) und seine »nimmermüden Hände« nun endlich ruhen oder er nach einer »reich gesegneten Erdenwanderung ... in den ewigen Osten abberufen worden« ist - das sind für Dirschauer neue Varianten des alten Brauchs« dem Toten ein Motto mit auf den Weg zu geben. Was »damals Zaubersprüche« waren, wäre demnach heute »der Versuch einer öffentlichen Würdigung«.
Manchmal überlegen Hinterbliebene, was denn wohl der Tote am liebsten selber noch gesagt hätte (»Ich wäre so gern noch geblieben, aber der Wagen, der rollt«), und mitunter werden auch Kommentare zum Tod veröffentlicht. »Zur gleichen Zeit«, so die Klage eines Bremers, »da wir Menschen daran arbeiten, die Lebensbedingungen im Weltraum zu erforschen, mußte meine Frau erfahren, daß es andererseits noch nicht gelungen ist, wenigstens die schwersten Krankheiten hier auf unserem Kontinent ... zu erforschen.«
Geradezu versöhnlich wurde dagegen ein Kapitän und Schiffseigner aus Bremen verabschiedet, der »nach schwerer Krankheit seine letzte große Fahrt angetreten« hatte. Eine Shanty-Zeile zeigte die Richtung an: »Rolling Home«.
* Klaus Dirschauer: »Der totgeschwiegene Tod«. Schünemann Universitätsverlag Bremen; ca 320 Seilen; 22 Mark.