AUSSTELLUNGEN Rosa Schleifchen
Im Morgengrauen des 5. August 1888 bugsierten eine Mannheimer Hausfrau und ihre beiden Söhne ein seltsames, dreirädriges Motorgefährt über das knubbelige Pflaster ihrer Heimatstadt - Erfindergattin Bertha Benz unternahm jenen legendären Ausflug, der als erste große Public-Relations-Veranstaltung in die Geschichte der deutschen Automobilindustrie einging.
Mutter Benz steuerte, angeblich ohne Wissen des ihr angetrauten Autopioniers Carl Benz, dessen klapprigen »Motorwagen« rund 100 Kilometer weit, bis nach Pforzheim. So weit hatte es bis dahin noch kein Lenker eines motorisierten Gefährts geschafft. Bertha Benz hatte die vielgefeierte Ersttat aus »Indresse« an der Arbeit ihres Mannes »und fürdn Verdienscht au« gewagt.
Eine Firma, die ihre Wurzeln auf Benzens Mannheimer Bastler-Schuppen zurückführt, will nun den Wagemut der geschäftigen Ehefrau wieder aufleben lassen. Auf einer Ausstellung, die der Daimler-Benz-Konzern am 29. Oktober auf dem Killesberg zu Stuttgart eröffnet, dreht sich alles um die »epochemachende Fahrt« der Bertha Benz mit dem damals erst zwei Jahre zuvor patentierten Vehikel. Unter dem Titel »Frau und Auto« soll dort, auf 2000 Quadratmetern Fläche, »die Geschichte der automobilen Emanzipation vom einstigen Herrengefährt zum modernen Automobil, das auch den Frauen ganz selbstverständlich dient«, dokumentiert werden.
Auf Photowänden, groß wie Wohnzimmer, zeigen die Aussteller, wie mutig Frauen bei Rennen mitrasen, wie Frauen kleinere Pannen eigenhändig beheben, wie entschlossen berühmte Schauspielerinnen das Lenkrad packen. Schonungslos gegen ihresgleichen heben die Mercedes-Männer aber auch mit Beispielen hervor, wie Frauen in der Werbung mißbraucht werden »als Staffage, um Männern das Auto zu verkaufen«.
Sogar die zwischenmenschlichen Beziehungen der Geschlechter im Straßenverkehr finden ihren Platz. In der Abteilung »Amouröses rund ums Auto« gibt es zwar - jugendfrei und schwäbisch sauber - weder verknautschte Liegesitze noch die unter Lastwagenkutschern so beliebten Porno-Aufkleber zu sehen. Aber dafür, so ergrübelten die Mercedes-Manager, könnten vielleicht andere erogene Verkehrszonen erforscht werden, beispielsweise der »Flirt von Auto zu Auto an der Ampel«.
Zwischen Litfaßsäulen voller historischer und aktueller Informationen sollen zwei Dutzend hochglanzpolierte Vorzeige-Stücke aus der Mercedes-Produktion mehrerer Jahrzehnte parken - berührt werden dürfen sie nicht. Grabbelfreudigen Auto-Verehrern wie gemäßigten Besuchern der 1,5 Millionen Mark teuren Schau wollen die Geldgeber gleichwohl »endgültig« klarmachen, »wie wenig das Auto jemals allein Männersache war«.
Die Statistik erweist: Frauen rücken immer häufiger ans Steuer. Schon mehr als jeder zweite Pkw-Führerschein ging dieses Jahr an weibliche Prüflinge. Die Zacken des Daimler-Benz-Emblems sehen allerdings nur wenige Fahrerinnen auf den Hauben ihrer Autos. Frauen bevorzugen kleinere Fahrzeuge - ihre Favoriten, fand Infratest heraus, heißen VW Polo, Lancia Y 10 und Opel Corsa, übersichtliche Minis, die eine der größten weiblichen
Schwächen überwinden helfen - die Furcht vorm Einparken.
Mit der Ausstellung »Frau und Auto«, die später auch in Hamburg und weiteren Städten gezeigt werden soll, möchte sich Mercedes die weibliche Kundschaft geneigter machen. Bislang sind neun von zehn Mercedes-Käufern Männer.
Doch auch die Verkäufer der Konkurrenzmarken träumen davon, ihre Neuwagenschlüssel künftig öfter in Damenhände zu übergeben. Bis zum Jahr 2000 lassen sich nach den Erwartungen der Marktforscher die Absatzzahlen im Männermarkt kaum noch steigern. Daher hoffen die Autobauer auf deftige Zuwachsraten bei den Frauen, um deren Gunst etliche Firmen schon buhlen.
Ein VW-Händler ließ beispielsweise von der Hamburger Modeschöpferin Jil Sander eine auf weibliches Feeling zugeschnittene Golf-Cabrio-Version entwerfen. Opel bot eine Flotte von Kadett-Modellen auf, mit denen ausschließlich Damen-Teams zur »Autolady-Rallye« durch Deutschland starten durften. Jaguar lud Damen zu pompösen Wochenendausfahrten im Cabrio ein, und bei Porsche werkelt seit 1986 eine Projektgruppe »Frauen erleben Porsche« an Werbekonzepten, um mehr reputierliche Damen, am liebsten Ärztinnen, Rechtsanwältinnen und Unternehmerinnen, für die Marke zu gewinnen.
Aber Vorsicht: Die Planer der Daimler-Schau, Gisela Zimmermann und Hans Günter Merz aus Stuttgart, warnten ihre Auftraggeber in dem »reinen Männer-Konzern« vor der Gefahr, »eine Art IAA mit rosa Schleifchen drum« aufzubauen, womöglich gar auf »Herrenwitz-Niveau«. Um Frauen als »Käuferpotential« zu gewinnen, müsse die Ausstellung »psychologisch klug und mit einer Portion Eigenkritikfähigkeit« untermauert werden. »Dem guten Stern«, so die beiden Macher, »würde dadurch keine Zacke aus der Krone fallen.«
Daimler-Benz bemüht sich: In der Fach-Abteilung »Frauen und Fahrverhalten« soll sogar ein Sachverhalt angerührt werden, den die (männlichen) Motorkritiker, wie von Gockelstolz geleitet, oft übergehen. Frauen fahren weniger riskant, verursachen weniger Unfälle und werden bei Verkehrsverstößen nur halb so oft erwischt wie Männer. Und wer immer noch zweifelt, erfahre dies: Während jeder sechste autofahrende Mann in der Flensburger Verkehrssünderkartei landet, ist dort von den Fahrerinnen nur jede 25. eingetragen.
Doch muß trotz allem die alte Bertha Benz noch mal ran, Vorurteile gegen die Frau am Steuer vollends auszuräumen. Ausführlich rühmen die Aussteller die technischen Fertigkeiten der kühnen Autotouristin von 1888:
So sei es ihr gelungen, »mit der Hutnadel den Vergaser zu säubern« oder gar, bei einer anderen Panne, »per Strumpfband eine durchgescheuerte Isolierung zu sichern«.