RAUSCHGIFT Rote Christbaumkugeln
Langsam surrte der Hubschrauber über die Wipfel der gewaltigen Redwoodbäume im nordwestkalifornischen Humboldt County. Der Beamte der amerikanischen Drogenbehörde DEA, der neben dem Piloten saß und mit einem Fernglas das Unterholz absuchte, erspähte plötzlich grellrote Tomaten an hohen, saftig-grünen Pflanzen. Über Funk meldete der Drogenagent seine Entdeckung an die Kollegen im Jeep.
Die Bodentruppe bahnte sich mühsam einen Weg durch den Wald: Am Tatort standen hinter einem dichten Zaun aus Hühnerstalldraht einige hundert buschige Pflanzen. An den Seitentrieben der bis vier Meter hohen Gewächse baumelten rote Christbaumkugeln.
Der Tomatentrick ist nur ein Beispiel für den Einfallsreichtum amerikanischer Pflanzer, deren Erzeugnisse in keiner offiziellen Statistik erscheinen, obwohl sie in vielen kalifornischen Landkreisen mittlerweile mehr einbringen als die Wein-, Walnuß- oder Baumwollernten:
»Marihuana«, erklärte der amerikanische Wirtschaftsprofessor Milton Friedman S.194 in einem SPIEGEL-Gespräch, »ist in der kalifornischen Landwirtschaft vom Umsatz her der eindeutige Spitzenreiter.« Der geschätzte Großhandelswert der Marihuana-Ernte im bevölkerungsreichsten US-Staat beläuft sich dieses Jahr auf über eine Milliarde Dollar.
Ähnliche Dimensionen, argwöhnen Sheriffs und Drogenexperten, könnten Anbau und Ernte der illegalen Rauschpflanze schon bald auch in anderen US-Staaten annehmen. In Oklahoma etwa dürfte die Marihuana-Ernte dieses Jahr einen Umsatz von 200 Millionen Dollar erzielen - nur die Weizenfarmer werden mit geschätzten 751 Millionen mehr umsetzen.
Im Mittelwest-Staat Illinois »hat sich die Marihuana-Herstellung als ein Untergrundwirtschaftszweig fest etabliert«, weiß der einheimische Drogenexperte Rick Pariser, und in West-Virginia beschlagnahmten die DEA-Fahnder in nur zehn Wochen, von Juli bis September dieses Jahres, zehn Tonnen Marihuana mit einem Wiederverkaufswert von knapp zehn Millionen Dollar.
Jeder zehnte Amerikaner raucht, nach Ansicht des National Institute on Drug-Abuse, wenigstens einmal monatlich seinen Joint. In Blumentöpfen, Gewächshäusern und Hinterhofgärten ziehen etwa eine Million US-Bürger Marihuana-Pflanzen für den Eigenverbrauch, schätzt die Nationale Organisation für die Reform der Marihuana-Gesetze. Etwa 1000 Pflanzer, schätzen die Drogenbehörden, betreiben den Pot-Anbau professionell.
Der gegenwärtige Anbau-Boom setzte vor fünf Jahren ein, als die Behörden in Mexiko versuchten, die Marihuana-Ernte mit Hilfe des Giftes Paraquat zu vernichten: 1979 sank das Angebot an mexikanischem Import-Marihuana von 2200 auf 1500 Tonnen. Für den Ausgleich auf dem Drogen-Markt sorgten außer erhöhten Einfuhren aus Jamaika und dem Hauptlieferland Kolumbien vor allem amerikanische Pot-Pflanzer.
Bei der Vermarktung, so die »Washington Post«, seien die Marihuana-Anbauer vorgegangen, »als hätten sie ihre Marketing-Lektion auf der New Yorker Madison Avenue gelernt«.
Kostet kolumbianisches Marihuana im Großhandel etwa 40 Dollar je Unze (31,1 Gramm), erzielen einheimische Pflanzer für die gleiche Menge bis zu fünfmal mehr. Da die Anzahl der schmuggelnden Zwischenhändler begrenzt und der Vertrieb deshalb einfacher und risikoloser ist, sind die Gewinnspannen enorm.
»Mit knapp 3000 Dollar Eigenkapital«, so der kalifornische DEA-Agent David Schickedanz, »läßt sich eine Marihuana-Ernte im Wert von 100 000 Dollar einfahren.« Das von schädlichen Herbiziden freie Rauschmittel, made in USA, sei, so räumen die DEA-Experten ein, »allerdings auch das beste Pot weit und breit«. Denn während zum Beispiel im kolumbianischen Marihuana der Anteil des »high« machenden Wirkstoffes Tetrahydrocannabinol (THC) etwa 0,5 Prozent beträgt, kommt das California-Pot auf einen sechsprozentigen THC-Gehalt.
Diesen Qualitätsschub erreichen die amerikanischen Untergrundfarmer mit einer gezielten Auslese-Technik. Sobald S.196 das Geschlecht der Marihuana-Pflanzen erkennbar ist, werden die männlichen Pflanzen ausgerissen. Die weiblichen Pflanzen schießen in die Höhe und produzieren verstärkt THC. Jede dieser »Sinsemilla«-(spanisches Kunstwort für »samenlose")Pflanzen bringt bis zu drei Pfund reines Marihuana.
Bei der »Operation Sinsemilla« in 17 der 58 kalifornischen Landkreise entdeckten die DEA-Agenten voriges Jahr insgesamt 740 Marihuana-Felder; 527 Anbauer wurden vorübergehend festgenommen, knapp 130 000 Pot-Pflanzen (110 Tonnen Marihuana) ausgerissen und verbrannt.
Doch die kalifornische Marihuana-Ernte sank nach der Strafexpedition nur um rund zehn Prozent. Zu spürbaren Engpässen auf dem Sinsemilla kam es nicht, zumal Farmer aus anderen Bundesstaaten zunehmend für Nachschub sorgen: »In jedem US-Staat, in dem Gemüse angebaut werden kann«, weiß DEA-Agent Schickedanz, »läßt sich auch Marihuana zur Reife bringen.«
Sicher ist auch, daß die illegalen Marihuana-Farmer vielerorts der kommunalen Wirtschaft zu unverhofftem Aufschwung verhelfen. Nutznießer sind Verkäufer von Bewässerungsrohren und Düngemitteln, Banken, die landwirtschaftliche Kurzkredite vermitteln, und Autohändler, von denen die Pflanzer die allradgetriebenen Nutzfahrzeuge erwerben, die sie für die Überlandfahrt zu ihren versteckten Anbaugebieten in der Wildnis brauchen.
Umfragen in diesen Geschäftszweigen verhalfen dem Landwirtschaftsexperten des wichtigsten kalifornischen Weinanbaugebietes Mendocino, Ted Eriksen, im vergangenen Jahr zu der Erkenntnis, daß der Marihuana-Anbau mit einem Umsatz von 100 Millionen Dollar mehr einbringt als die Traubenindustrie (20 Millionen).
Wahrheitsgetreu setzte Eriksen denn auch Marihuana an die Spitze seiner jährlichen Statistik landwirtschaftlicher Produkte. Doch bevor der Report veröffentlicht wurde, mußte der Wirtschaftsexperte - auf Anweisung seiner Vorgesetzten - in sämtlichen Exemplaren die zwei einschlägigen Seiten eigenhändig zusammenkleben.
Daß sich der Marihuana-Anbauboom mit »solcher Totschweigetechnik nicht in Luft« auflöst, meint nicht nur Eriksen. Richard, ein 30jähriger ausgebildeter Botaniker und Profi-Pot-Pflanzer aus dem Marin County, glaubt sogar, daß in den USA Marihuana bald so selbstverständlich und legal wie Weizen und Baumwolle angebaut werden wird: »In zehn Jahren werden die Tabakfarmen das Pot-Business betreiben, und sie werden dann Leute wie mich als Anbauberater oder Farmer engagieren.«
Dann sei zwar »der Spaß vorbei«, doch irgendeiner müsse ja »das Zeug anbauen: Auf den Bäumen wächst es schließlich nicht«.