FINNLAND Rote Erde
Unmittelbar vor Beginn der Sondierungsgespräche diese Woche ist die Zusammensetzung der künftigen Regierung und damit das politische Schicksal von Premier Paavo Lipponen, 61, völlig ungewiss. Ohne die große Wahlgewinnerin Anneli Jäätteenmäki, 48, geht nichts. Obwohl erst neun Monate an der Spitze, hat die beliebte Abgeordnete ihre bäuerlich-bürgerliche Zentrumspartei zum größten Wahlsieg seit 1930 geführt. Das Zentrum wurde mit 24,7 Prozent der Stimmen (plus 2,3) stärkste Kraft im Reichstag. Lipponens Sozialdemokraten, die ebenfalls 1,6 Prozent zulegen konnten, landeten mit 24,5 hauchdünn geschlagen auf Platz zwei. Am wahrscheinlichsten gilt nun eine »Koalition der Sieger«, die in Helsinki - unter Anspielung auf ihre politischen Ursprünge - »rote Erde« genannt wird. Zum Leidwesen des populären Premiers hat Jäätteenmäki, die 1994/95 für gerade mal elf Monate Justizministerin war, nach anfänglichem Zögern ihren Führungsanspruch unmissverständlich deutlich gemacht. Die drei letzten Ministerpräsidenten - Lipponen 1995 inklusive - hätten ebenfalls ohne rechte Regierungserfahrung das Amt des Premiers übernommen, ließ sie den Sozialdemokraten wissen. Lipponen setzt auf seinen Amtsbonus. Er fordert vom Zentrum Abrüstung bei den Wahlversprechungen »über ein paar hundert Millionen Euro« und sähe die Wahlsiegerin am liebsten als seine Stellvertreterin. Denkbar wäre auch eine Fortsetzung der alten Regenbogenkoalition von Sozialdemokraten, Konservativen, Grünen und Linken oder eine Mitte-rechts-Regierung unter Führung des Zentrums.