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SPD Rote Mappe

Haftbefehl gegen Wienand: Hat ein Mittelsmann versucht, Spuren zur Stasi zu verwischen?
• aus DER SPIEGEL 8/1995
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der herzkranke Patient, diagnostizierte der Kölner Professor Erland Erdmann, könne vermutlich »nach Ablauf der Reha-Maßnahmen wieder seinen Geschäften nachgehen«. Der Mediziner mahnte den Kranken allerdings »in einsichtsvoller Weise Risikofaktoren« zu meiden - vor allem Aufregung.

Die Einsicht war da, aber sie konnte die Aufregung nicht verhindern. Am vorigen Freitag mittag wurde gegen Karl Wienand, 68, den einstigen Fraktionsgeschäftsführer der SPD, Haftbefehl wegen Flucht- und Verdunkelungsgefahr erlassen. Wienand darf allerdings unter Auflagen vorläufig in der Herz-Kreislauf-Klinik zu Bad Berleburg bleiben.

Der Fall des angeblichen Ost-Agenten Karl Wienand ist für ständig neue, bizarre Überraschungen gut.

Der Prozeß gegen den alten Haudegen der SPD sollte am 18. Januar vor dem 4. Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf beginnen. Die Anklage lautet auf geheimdienstliche Agententätigkeit für die DDR. Doch das Verfahren fällt, bis auf weiteres, aus.

Erdmann hat den Kranken verhandlungsunfähig geschrieben. Es mache nicht den Eindruck, so der Mediziner, als könne Wienand »der Situation angemessene klare Gedanken fassen«.

Das ist schwer genug, denn der Fall ist kompliziert. Wienand bestreitet energisch, mit der Stasi kooperiert zu haben.

Doch für den SPD-Mann wurde es immer enger. Im Haftbefehl ist jetzt erstmals von »dringendem« Tatverdacht die Rede. In Bonn war der Vermerk Willy Brandts aus dem Jahre 1992 aufgetaucht, der den bösen Verdacht gegen Wienand formulierte, er habe für den »dortigen Dienst« gearbeitet (SPIEGEL 4/1995).

Seit voriger Woche ist ein neuer Akteur im Spiel: Klaus Handrischick, ein ins Rheinland gewechselter Ostdeutscher mit sächsischem Akzent.

Der Mann ist eine schillernde Figur. Wegen Betrugsverdachts saß Handrischick voriges Jahr in U-Haft. Rechtsanwalt Ulrich Syttkus, 66, aus Sankt Augustin bei Bonn holte ihn aus dem Knast. Der Mandant bot dem Anwalt aus Dankbarkeit Unterstützung an. Die konnte Syttkus brauchen, denn er wollte, koste es, was es wolle, dem alten Kumpel Wienand aus der Klemme helfen. Syttkus, auch Sozialdemokrat, kennt den Angeklagten seit 39 Jahren. Und seit einiger Zeit berät er, hinter dem Vorhang, seinen Freund Wienand beim Umgang mit drei Anwälten.

Mandant Handrischick prahlte mit seinen Verbindungen zu den dunklen Mächten der Stasi. Er wolle, so verstand ihn Syttkus zunächst, für Wienand entlastendes Material herbeischaffen.

An einem Wochenende im Januar lieh der Anwalt dem Ostdeutschen seinen Daimler. Handrischick tourte durch Berlin. In einem Umschlag trug er 2000 Mark bei sich, die er von Syttkus bekommen hatte. Das Geld war für einen Detektiv bestimmt, der sich um Stasi-Akten über Wienand bemühen sollte.

Als Handrischick von seiner Reise zurückkam, kassierte er 500 Mark Spesen und machte seinem Auftraggeber ein interessantes Angebot: Er könne über Mittelsmänner für 15 000 Mark einen gefälschten Revisionsbericht der Stasi beschaffen, der Wienand entlaste. Es gebe auch die Möglichkeit, eventuell belastendes Material zu vernichten.

Handrischick wirbelte weiter. Er machte sich so wichtig mit seinen Informationen über Wienand, daß Bonner Ermittler auf ihn aufmerksam wurden.

Der Rechercheur erzählte wilde Geschichten. Er habe den Auftrag gehabt, wichtige Zeugen zu beobachten und zu verunsichern. Auch sollte er für Syttkus und Wienand gefährliche Unterlagen aufspüren und vernichten. Er habe die Spur in Richtung KGB legen sollen.

Ein Oberstaatsanwalt aus Karlsruhe reiste an. Am vorvergangenen Wochenende wurde Handrischick richterlich vernommen. Inzwischen ist er untergetaucht und wird per Haftbefehl gesucht.

Am Montag durchsuchte der Bonner Staatsanwalt Andreas Schütz die Kanzlei von Syttkus wegen Verdachts versuchter Strafvereitelung. Er stellte Aktenvermerke, Terminkalender sowie etliche Dokumente wie »rote Mappe Wienand, blauer Ordner Wienand« sicher.

Wienand versichert, von den Aktivitäten des Anwalts nichts gewußt zu haben. Doch die Auswertung der Funde und Vernehmungen erhärtete den Verdacht der Ermittler, daß die alten Kumpel Wienand und Syttkus ohne Kenntnis der Wienand-Verteidiger versuchen wollten, die unklare Affäre um Wienand noch ein wenig unklarer zu machen.

Auf »Verdunkelungsgefahr« deutet jedenfalls ein schmales Papierchen, das in einer Schatulle gefunden wurde: »Am 18.1.95 habe ich 2500,- DM nach Absprache mit K.W. am 17.1.95 für Informationsbeschaffung an Handr. ohne Quittung ausgezahlt.« Y

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