Rote Nullen - DER SPIEGEL
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Vatikan Rote Nullen

Papst Paul VI. fürchtet Enthüllungen aus dem Nachlaß seines Widersachers Kardinal Tisserant. Ein kleiner Prälat hat die Dokumente entführt.
• aus DER SPIEGEL 29/1972
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Wenn man 20 Jahre lang Nummer zwei in Rom war«, sagte einst der französische Kurien-Kardinal Eugène Tisserant. Doyen des »Heiligen Kauegiums«, »dann kennt man viele Geheimnisse, die selbst den Päpsten unbekannt bleiben.«

Am 21. Februar starb »Nummer zwei« -- Papst Paul VI. muß damit rechnen, daß die ominösen Geheimnisse doch noch ans Tageslicht kommen. Denn Monsignore Georges Rache, 65, seit 27 Jahren engster Vertrauter Tisserants, hat einen großen Teil der Tagebücher. Dokumente und Korrespondenz des Kardinals, angeblich mit dessen Einverständnis, ins Ausland gebracht.

Der selbsternannte Ober einer etwas zwielichten kirchlichen Finanzierungsgesellschaft »Opus Coenaculi« gab bereits einen Vorgeschmack dessen, was den Vatikan erwartet. Rache behauptet nämlich, die von ihm sichergestellten Dokumente bewiesen, daß Papst Pius XI. am 10. Februar 1939 im Auftrag von Benito Mussolini ermordet worden sei. Doktor Francesco Saverio Petacci, Vater der Mussolini-Geliebten Clara« habe dem Heiligen Vater eine tödliche Spritze verabreicht, um so zu verhindern, daß dieser eine für den folgenden Tag erwartete öffentliche Abrechnung mit dem italienischen Faschismus vornehmen könne. Mussolini-Sohn Romano verbittet sich dergleichen Angriffe auf die Ehre seines Vaters: Er strengte einen Zivilprozeß gegen Rache und die italienische Wochenzeitung »Domenica del Corriere« an.

Außerdem, so Rache, enthalten die Papiere des Kardinals »explosives Material« über bislang unbekannte Einzelheiten wie:

* die politischen Hintergründe der Heiligsprechung Johanna von Orleans 1920,

* warum Pius XII. den damaligen Monsignore Montini (heute Paul VI.) aus der vatikanischen Staatskanzlei nach Mailand verbannte,

* die vermutlich am Widerstand französischer Kardinäle gescheiterten Verhandlungen zwischen Charles de Gaulle und Paul VI. über ein Kankordat,

* die erste Kontaktaufnahme zwischen de Gaulle und Adenauer, die Tisserant im Auftrag Plus XII. vorbereitet haben soll,

* den angeblichen Widerstand Johannes XXIII. gegen eine diplomatische Anerkennung Israels durch den Vatikan.

Der Vatikan kann kaum noch hoffen, die gedanken- und faktenschweren Erinnerungen des Kardinals auf die Dauer geheimzuhalten. Denn Monsignore Rache trägt -- ebenso wie sein Gönner und Landsmann Tisserant -- Groll gegen den Heiligen Stuhl im Herzen. Die Folge ist »ein Kampf bis zum letzten Blutstrapfen«, wie die römische Zeitung »Il Borghese« behauptete. »Vatikanische Geheimagenten à la James Band« jagen angeblich hinter den verschwundenen Dokumenten des Kardinals her, der 64 seiner 87 Lebensjahre im Vatikan verbracht und sechs Päpsten gedient hat -- freilich mit nicht unbedingt konstanter Zuneigung.

Gerade dies bereitet dem Heiligen Stuhl Sorgen. Kirchenfürst Tisserant, mit ebenso scharfem Intellekt wie spitzer Zunge begabt, galt zu Lebzeiten nicht eben als Freund des jetzigen Papstes. Er hat es nie verhehlt.

Als Tisserant verschied, erschienen wenige Minuten nach seinem Tod die Notare des Heiligen Stuhls in seiner Dienstwohnung in Rom, Via Giovanni Prati 4, um alle gefährlichen Dokumente sicherzustellen. Aber sie kamen zu spät. Zwischen 12 und 40 Kisten voller Papiere waren zuvor in »geheimnisvollen ausländischen Autos« ("FranceSair") ins Ausland gebracht worden.

Ganze zwölf Koffer kannten die päpstlichen Abgesandten nach versiegeln und sicherstellen -- und auch das nur widerrechtlich, wie Mademoiselle Paule Hennequin, Großnichte und einzige Erbin des entschlafenen Kirchenfürsten, per Gerichtsurteil nachweisen will.

Der Heilige Stuhl hatte vom Kardinal und dessen postmortalen Tricks nun vollends genug: Er weigerte sich, die Beerdigung zu bezahlen, und verlangte, daß die aufsässige Kardinalsnichte die Dienstwohnung des Entschlafenen sofort zu räumen habe.

Während Paule Hennequin vom Vatikan fordert, was dieser nur noch zum geringsten Teil besitzt, hat Monsignore Rache in der italienischen Zeitschrift »Panorama« mit der Veröffentlichung eines Teils der beiseite geschafften Dokumente begannen. Immerhin: Zum ersten Male in der Geschichte erfuhr die Öffentlichkeit das genaue Ergebnis einer Papstwahl. »Panorama« druckte das Faksimile einer Tagebuchnotiz Tisserants, nach der 36 von 54 Kardinälen für Johannes XXIII. votierten.

Der Vatikan bemüht sich, Schlimmeres zu verhüten: Der französische Verleger Robert Laffont, der eine Buchausgabe ebenfalls von Rache beschaffter Erinnerungen Tisserants vorbereitet. wurde zu einem Besuch im Vatikan mit persönlicher Audienz beim Papst eingeladen.

Als Paul VI. das Dienstalter für Kardinäle per Dekret auf 80 Jahre beschränkte, verstand der damals 86jährige Tisserant dies als eine Herabwürdigung der Kardinäle zu »roten Nullen«. Er signierte Briefe fortan nicht mehr als Kardinal, sondern nur noch als Mitglied der Académie française (seit 1961) und mochte gar den Vatikan-Paß nicht mehr leiden: Er beantragte ein französisches Reisedokument.

Schon jahrelang hatte der Kardinal wenig dezent darauf aufmerksam gemacht, daß er einiges über den Papst wisse -- Unerfreuliches. Paul VI. reagierte prompt: Per Gesetz ordnete er am 14. Juni 1969 an, daß alle im Besitz von Kurien-Kardinälen befindlichen Dokumente unmittelbar nach deren Tod in den Vatikan zu transportieren seien. Die Maßnahme schien dem Purpurträger, nicht ganz unbegründet, speziell auf ihn gemünzt zu sein. »Er verfiel in heiligen Zorn«, so der französische »Nouvel Observateur«.

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