ROTE OPTIK - DER SPIEGEL
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Briefe

ROTE OPTIK
• aus DER SPIEGEL 31/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

ROTE OPTIK

Den Untersuchungen des Psychologen Wolff zufolge beschäftigt sich der Bundesbürger nicht mit dem Kommunismus. Politik stehe außerhalb seines engeren Interessenbereiches. Da jedoch die politische und wirtschaftliche Struktur eines Staates die Existenzmöglichkeiten des Einwohners bestimmen, verkennt der Bundesbürger durch seine Verhaltensweise offensichtlich seine objektiven Interessen: die Herstellung einer ein würdiges Leben garantierenden Staatsform. Dieses negative Bewußtsein ist bedingt durch den unheimlichen Verdrängungsprozeß (im politischen Bereich), der insbesondere durch die Werbepsychologie und andere Lenkungsmanöver forciert wird. Der »Erfolg": Der unpolitische und konsumierende Wohlstandsbürger. Hinzu kommt die Lektüre von »Bild« oder »Welt«.

Nürnberg RUDOLF SCHWIMM

Was Ihr Beitrag zu diesem Thema aufgedeckt hat, ist alarmierend. Die Auskünfte, die der Meinungsforscher Wolff erhielt, sind dermaßen kindlich, daß es höchste Zeit wird, die Bürger unseres Staates nachhaltig zu informieren. Wie soll sich eine Gesellschaft geistig mit dem Kommunismus auseinandersetzen, wenn sie nichts von ihm weiß, wenn sie primitivstem Klischeedenken verhaftet ist? Die wirklichkeitsfremden Äußerungen selbst geistiger Führungskräfte und die Forderung, man brauche keine politische Psychologie, sondern die Polizei, sind zutiefst deprimierend.

Hanau HEINZ R. KÖHLER

Es ist doch tatsächlich gruselig zu erfahren, welchem primitivem Haß, welcher Angst und wieviel kleingeistiger Überheblichkeit man begegnet, wenn man sich der geringen Mühe unterzieht, kommunistischer Ambitionen verdächtigt zu werden.

Gelsenkirchen DETLEF MARWIG

Gelegentlich mache ich mir den Spaß, Bekannte oder Leute, die ich kennenlerne, mit der Bemerkung zu provozieren, einige kommunistische Thesen seien immerhin diskutabel. Die Reaktionen bewegen sich fast immer auf folgender Skala: Erstaunen, Ungläubigkeit, Blicke, als inspiziere man etwas Ekelhaftes, Entrüstung und Verbal-Attacken, mit denen man in früheren Zeiten wahrscheinlich Ketzer bedacht hat.

Bad Lippspringe WILLI KÖHLER

Ähnliche Vorstellungen, wie sie der Psychologe H. E. Wolff bei Alltagsmenschen feststellte, herrschen wohl auch in verantwortlichen Hochschulkreisen Wie wäre es sonst möglich, daß in der Lesehalle der Uni Heidelberg nur Zeitschriften aus dem befreundeten westlichen Ausland ausliegen? Wie sollen sich die Studenten über den Ostblock informieren, wenn man ihnen zum Beispiel ostzonale Zeitungen vorenthält?

Heidelberg ADOLF ZIEGLER

Unter anderem stellte der Umfrager fest, »die meisten Befragten« seien »an solchen Kenntnissen auch nicht interessiert«. Nun steht aber Havemanns »Dialektik ohne Dogma« in der folgenden SPIEGEL-Ausgabe an neunter Stelle in der Bestsellerliste. Die Leute, die Bücher kaufen, interessieren sich also doch für den Kommunismus.

Hat Wolff für seine Untersuchung nur Analphabeten herangezogen oder ist der Prozentsatz der Leute, die Bücher lesen, also überhaupt an allgemeinem Wissen interessiert sind, so verheerend gering? Dann ist das von Wolff dargelegte Übel weniger politischer als kultureller Art.

Paris WALTER LACHENMANN

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