ROTE OPTIK - DER SPIEGEL
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Briefe

ROTE OPTIK
• aus DER SPIEGEL 28/1964
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ROTE OPTIK

Sieben sowjetische Journalisten besuchten Deutschland. Die Eindrücke von unserer Bundesrepublik, die Sie im SPIEGEL wiedergeben, sind erschütternd und für diese sieben Herren beschämend. Wenn man alles, aber auch alles durch eine derartig verzerrende Brille betrachtet, dann sieht es rabenschwarz aus um eine Verständigung unter den Völkern. Aber vielleicht liegt es weniger an diesen sieben Journalisten, vielleicht liegt es vielmehr an den Initiatoren, die in der Bundesrepublik diese Reise »organisiert« haben. Wäre es nicht richtiger gewesen, die Herren nicht an einem Gängelband durch unser Land zu führen, sondern sie dorthin reisen zu lassen, wohin sie wollten?

Pöhlde (Nieders.) OTTO KOBLITZ

Wenn die auf der Journalistenreise in der Bundesrepublik erlebten Tatsachen in ähnlicher Weise zu Hause kommentiert werden, wie dies Lew Besymenski in »Nowoje Wremja« tat, so muß befürchtet werden, daß die Schilderung aus Deutschland weiterhin mit umgekehrten Vorzeichen an die russische Bevölkerung geschieht. Das wäre sehr betrüblich.

Lew Besymenski behauptet, in der »Wehr und Wirtschaft« »Dummheiten der verschiedensten Art« gelesen zu haben, insbesondere die Werbung für die deutsche Beteiligung an der multilateralen Atomrüstung der Nato. Genau das Gegenteil ist der Fall. »Wehr und Wirtschaft« ist sicher die einzige militärisch-wirtschaftliche Zeitschrift in diesem Lande, die sich von Anfang an mit guten Argumenten gegen dieses sinnlose Bewaffnungsgeschäft auf Atombasis der Amerikaner gewandt hat, wobei ausdrückliches Gewicht auf die Feststellung gelegt werden muß, daß diese Haltung selbstverständlich aus anderen Beweggründen geschieht als aus jenen, die in der russischen Sicht maßgeblich sein sollten.

München PAUL GROSS-TALMON

»Wehr und Wirtschaft«

Sie veröffentlichen Auszüge aus Berichten, die von sowjetischen Journalisten über die Bundesrepublik publiziert worden sind. In einem dieser Berichte von Moler Sturua, erschienen im Regierungsorgan »"Iswestija«, fanden wir den nachstehenden Absatz:

Am Tag darauf waren wir bei den Mitgliedern des Hamburger Senats zum Essen geladen Einer der ehrwürdigen Herren Senatoren beklagte sich bei mir über seine Kinder: Meine älteste Tochter macht mir und meiner Frau regelmäßig Vorwürfe, weil wir Hitler geduldet haben! Um unsere 'Sünden' wiedergutzumachen, tanzt sie nur mit Juden, obgleich ihr das, wie ich weiß, sehr unangenehm ist.«

Hierzu bemerken wir, daß die sowjetischen Gäste im Hamburger Rathaus zwar eine vom Deutschen Presseklub Hamburg veranstaltete Begegnung mit Hamburger Journalisten (im Remter des Ratsweinkellers) hatten. Ein weiteres

Gespräch fand im Bürgersaal des Rathauses mit Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft statt, doch ist es nicht zu einer Begegnung mit Hamburger Senatoren gekommen. Das von Ihnen zitierte Gespräch muß, falls es stattgefunden hat, was nicht bestritten werden soll, mit einem anderen Gesprächspartner geführt worden sein. Die Zahl der Gesprächspartner der sowjetischen Journalisten in Hamburg war allerdings sehr groß.

Hamburg ERICH LÜTH

Staatliche Pressestelle

Sie gaben einen Bericht wieder, den die sieben sowjetischen Journalisten, die durch die Bundesrepublik gereist sind, veröffentlicht haben. Darin heißt es unter anderem: »Und der Westberliner Sozialdemokrat Mattick war ein noch gehässigerer Gesprächspartner als der CSU-Baron.«

Meine angebliche Gehässigkeit lag in folgender Bemerkung: Nachdem das Gespräch an der Frage des Selbstbestimmungsrechtes festgelaufen war, bat ich die Herren, sich die deutsche Lage doch einmal auf die Sowjet-Union projiziert vorzustellen. Ich sagte: »Sie sind doch sicher alle gute russische Patrioten. Wenn nun der Krieg anders ausgegangen wäre, eine fremde, eventuell faschistische Macht hätte ein Drittel der Sowjet-Union besetzt und diese Macht hätte diesem Drittel des russischen Volkes ein fremdes, nicht gewolltes Gesellschaftssystem aufgezwungen. Es hätte diesen Teil des Volkes daran gehindert, mit dem größeren Teil zusammenzuleben und zusammenzutreffen. Die Familien wären auseinandergerissen worden, freies Verlassen des Raumes wäre nicht möglich, der Versuch, es zu tun, wäre mit Lebensgefahr verbunden gewesen. Eine

Vasallenregierung täuscht nationale Selbständigkeit vor.

Hätten Sie sich, meine Herren, anders verhalten als wir Deutschen?« Das war meine Frage. Die Antwort nach einer Schweigeminute: »Solche Lage ist für die Sowjet-Union nicht denkbar!«

Bonn KURT MATTICK

SPD-MdB Mattick*

* Vorsitzender des Landesverbandes Berlin der SPD.

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