Rote Rakete - DER SPIEGEL
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FRANKREICH / STUDENTEN-UNRUHEN Rote Rakete

• aus DER SPIEGEL 21/1968
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Am 13. Mai 1958 stiegen französische und Bauern in Algier auf die Barrikaden und stürzten die Vierte Republik in Agonie. Das Volk verlangte nach Charles de Gaulle.

Am 13. Mai 1968 stiegen französische Studenten und Schüler in Paris auf die Barrikaden und stürzten die Fünfte Republik in ihre schwerste Krise. Das Volk verdammte Charles de Gaulle.

Etwa 800 000 Demonstranten zogen am Montag letzter Woche durch die Straßen von Paris. In Sprechchören skandierten sie: »Zehn Jahre reichen uns«, und »de Gaulle ins Museum«.

Während die Revolutions-Armee das linke Seine-Ufer besetzte, riegelten Polizeikommandos die Brücken zum rechten Ufer ab. Dort hielt im Elysée-Palast Frankreichs Staatschef Gericht mit sich selbst und zehn Jahren Gaullismus.

»Die Analogie des Jahrestages ist nur oberflächlich«, versuchte sich das gaullistische Mini-Organ »La Nation« zu trösten, »denn diesmal wollte die Kommunistische Partei nur ihre zu den Trotzkisten und Maoisten übergelaufenen Truppen wieder in den Griff bekommen.

Aber der Aufstand gegen den General war nicht vornehmlich eine rote Revolution. Er war auch eine Revolution der Demokraten gegen die Autorität, eine Revolution der politischen Individualisten gegen den Apparat, eine Revolution des Intellekts gegen die technokratische Macht.

Wie diesseits des Rheins hatte eine Minorität französischer Studenten das Feuer gelegt. Wie diesseits des Rheins hat eine Knüppel-Polizei das Feuer zu einem Großbrand entfacht.

Zehn Tage lang tobten in Paris Straßenschlachten, wie nie zuvor in der Nachkriegszeit. Polizei-Kolonnen der »Compagnies républicaines de sécurité« (CRS) traten Ende vorletzter Woche gegen etwa 30 000 Demonstranten im Universitäts-Viertel, dem Quartier Latin, an. Die Studenten hatten sich hinter Barrikaden aus umgestürzten Autos, Baugerüsten und Betonplatten verschanzt. Mit Brechstangen und Preßluftbohrern rissen sie Straßen auf und versorgten sich mit steinernen Wurfgeschossen.

Noch kurz vor der Explosion versuchte der Privatsender Radio Luxemburg einen Dialog zwischen Obrigkeit und Rebellen zu vermitteln.

Vize-Rektor Chalin über Funk: »Ich bin bereit, zu Ihnen zu kommen, wäre das möglich?«

Studentensprecher Alain Geismar: »Ja, aber nur, wenn Sie uns über die Freilassung der eingesperrten Studenten berichten können.«

Chalin: »Sie werden verstehen, daß ich dazu ohne Rücksprache mit dem Minister (Erziehungsminister Peyrefitte) nichts Bindendes sagen kann. Aber ich werde mit ihm sofort Kontakt aufnehmen.

Geismar: Wenn der Minister eine Erklärung abgeben will, kann er sich gleich hier an die Demonstranten wenden. Es genügt. wenn die Anwohner ihre Radios in die Fenster stellen.«

Die Anwohner stellten ihre Radios in die Fenster -- aber Peyrefitte schwieg. Dafür meldete sich nach 52 Minuten vor Millionen Zuhörern in Frankreich und im Ausland Rektor Roche: Keine Entscheidung. Ich habe dem Minister Möglichkeiten zur Lösung der Krise erläutert, mehr habe ich nicht zu sagen.«

»Ein einziges Wort von seiten der Regierung in dieser tragischen Nacht«, schrieb »Le Monde«, »hätte zweifellos eine neue« blutige Kraftprobe verhütet. »~

Statt eines Wortes stieg eine rote Leuchtrakete über die Dächer von Paris: Für die Polizei der Befehl zum Sturm auf die etwa 60 Barrikaden der studentischen Rebellen.

Frankreichs Polizei griff den Rebellenhort an -- nicht nur mit Tränengas: Im CRS-Arsenal -- so berichtete »Le Monde« -- lagerten auch Chlor- und Phosphorgranaten sowie Gasmunition, wie sie im Ersten Weltkrieg im Grabenkampf gegen die Preußen verwendet wurde.

Kampfgas-Spezialist Professor Kahn bezeugte später: »Ich habe sichere Beweise dafür, daß die von der Polizei eingesetzten Granaten den Grundstoff CB (Chlorobenzolmalonitril) enthalten, der Verbrennungen auf der Haut und Krämpfe der Atmungsorgane verursacht sowie bis zu 24stündiger Betäubung führen kann«.

Die Polizisten schossen nicht nur Kampfgas, sie knüppelten, so Zeuge Pastor Roger Parmentier, »selbst Rotkreuzhelfer zu Boden und rissen Verletzte von den Tragbahren« Sie drangen auch in Hausflure ein und malträtierten dort liegende Verwundete.

Mit dem Schrei »Zieht die Biene aus« stürzten sich CRS-Polizisten auf eine junge Anwohnerin, die selbst gar nicht demonstriert habe, berichtete Zeuge Daniel Moureaud. Die Ordnungshüter rissen der »Biene« die Kleider vom Leib und zerrten die schreiende Nackte auf die Straße.

Frankreichs Polizisten prügelten brutaler und ausdauernder als ihre Kameraden in der Bundesrepublik. Aber sie hatten auch einen stärkeren Feind. Denn Frankreichs Schüler und Studenten blieben nicht allein, die Bürger kämpften mit -- jenseits des Rheins auf der Seite der Rebellen.

Während Berliner Hausfrauen den Studenten Wasser auf die Köpfe gossen, bombardierten Pariser Hausfrauen die Polizei mit Blumentöpfen. Während Hamburger Zuschauer Demonstranten bespuckten. brachten Pariser Familienväter den Revoluzzern frische Tücher zum Schutz vor Gas und Rauch. Die Verletzungen der Polizisten, berichtete »Le Monde«, waren in der Regel schwerwiegender als die der Studenten.

Den Franzosen war Staatsmacht stets suspekt, Autorität stets fragwürdig, Ruhe nie erste Bürgerpflicht. Zucht und Ordnung üben sie im Denken, nicht im Gehorsam zum Staat. »Sie sind die gewissenhafteste Nation« schreibt Essayist Gottfried Benn, und »sie sind größere geistige Arbeiter als die Deutschen«.

Selbst der Durchschnittsfranzose hat seine politische Philosophie -- grob gehäkelt vielleicht, aber konsequent. »Warum diese Kanonen?«, fragte Popsänger Antoine in einem populären Wiegenlied, »um Krieg zu führen, mein Kind!« -- »Warum Krieg?« -- »Damit die Fabriken produzieren können!« -- »Warum Fabriken?« -- »Um Arbeit zu verschaffen!« -- »Warum Arbeit?« -- »Um Geld zu verdienen!« -- »Warum Geld?« -- »Um Kanonen zu kaufen.«

Lateinischer Geist und romanische Klarheit führten in Frankreich zu machiavellistischer Staatsräson -- aber auch zu wachem Bürgersinn. Die Gallier bewahrten ihn trotz einer Dekade gaullistischer Politik, die den Bürgern das Politisieren austreiben sollte.

Während der Durchschnittsdeutsche seine Intellektuellen verpinschert, hört der Durchschnittsfranzose auf sie.

»Ich verstehe euch zwar nicht ganz«, gestand ein Renault-Arbeiter in einer Studenten-Diskussion, »aber es wird schon so stimmen, wie ihr es sagt.«

Als de Gaulles Polizei die letzten Rebellen-Barrikaden erstürmte, hatte die Regierung zwar auf der Straße gesiegt, in der politischen Arena aber verloren. Denn anders als diesseits des Rheins hatten sich Frankreichs Oppositionsparteien und Gewerkschaftsorganisationen auf die Seite der Revoluzzer geschlagen. Nie zuvor in der Fünften Republik hatte sich ein besserer Anlaß zum Sturm auf die gaullistische Bastille ergeben. Nie zuvor aber auch drohten außerparlamentarische Rebellen der etablierten Opposition die Initiative zu entreißen.

Konservative Anhänger des gaulilstischen Koalitionspartners Giscard d"Estaing und Linksgaullisten, Sozialisten und Kommunisten erklärten sich solidarisch mit den rebellierenden Studenten,

Die Kommunisten nicht ohne Not: Noch vor zwei Wochen hatte ihr Parteiblatt »l'Humanité« den teutonischen Studentenführer Daniel Cohn-Bendit und Genossen als »eine Handvoll abenteuerlicher Linksabweichler unter der Führung eines deutschen Anarchisten« abgekanzelt.

Aber politisches Kalkül zwang KP-Chef Waldeck Rochet zur Volksfront-Opposition.

Erstmals in der Fünften Republik riefen die kommunistische Gewerkschaft CGT, die katholische CFDT, die sozialistische FO, die Lehrergewerkschaft Fen und die Studentenorganisation Unef gemeinsam den Generalstreik aus.

Regierungschef Pompidou, eilends aus Afghanistan zurückgekehrt ("Ich habe eigene Ideen mitgebracht"), versuchte seinen Staat zu retten. In einer Fernsehansprache ("Ich habe tiefe Sympathie für die Studenten") gestand er den Rebellen zu, was sie verlangt hatten: Abzug der Polizei, Wiedereröffnung der Sorbonne und Freilassung der bereits verurteilten Studenten. Den Generalstreik konnte er dennoch nicht verhindern.

Hinter einem straßenbreiten Transparent »Studenten, Professoren und Arbeiter sind solidarisch« marschierten blaubedreßte Metallarbeiter und Kunstakademiker in fleckigen Malerkitteln, Gymnasiallehrer und -Schüler, Sozialisten- und Kommunistenführer, eine Abordnung der Handelsreisenden und das Köchesyndikat sowie eine glöckchenschwingende Hippie-Delegation. Sie sangen die Marseillaise und die Internationale, sie schwenkten die rote Kommunisten-Fahne und die schwarze der Anarchie.

Die Polizei hielt sich zwei Kilometer von der Demonstranten-Schlange entfernt, den Verkehr regelten weißbehelmte Studenten. Kommunistische Ordner bahnten Rebellenführer Cohn-Bendit den Weg ins Quartier Latin, nachdem sie den »Pseudo-Revolutionär« ("l'Humanité") noch am 1. Mai beim traditionellen Arbeiter-Defilee an der Bastille als Störenfried vom Platz gewiesen hatten.

Störenfried Cohn-Bendit lenkte seine linken Heerscharen zur Sorbonne, um durch die »Machtergreifung des schöpferischen Geistes« die Examensfabrik in eine riesige Studentenkommune umzumodeln.

Während eine Jazzband im Uni-Hof den Revolutions-Beatschlug, strömten Professoren und Studenten zum Teach-in. Sie diskutierten Tag und Nacht -- eine Woche lang.

Aber Mitte der vergangenen Woche drohte die Studentenrevolte zum Volksaufstand zu werden -- und die Nation zu zerreißen. Am Mittwoch hatten Arbeiter die Flugzeugwerke von Sud-Aviation besetzt, am Donnerstag das staatliche Automobil-Unternehmen Renault, am Freitag Fabriken im ganzen Land.

Regierungschef Pompidou -- von seinem nach Rumänien verreisten Staatschef mit Sondervollmachten versehen -- eilte ein zweites Mal vor die Fernsehkameras und warnte sein Volk »vor enragierten Gruppen, die Unordnung im ganzen Land verbreiten wollen. Die Regierung wird ihre Pflicht tun und bittet Sie, ihr zu helfen«.

Hilfe freilich kam von unerwarteter Seite: Frankreichs Kommunisten-Partei bremste den Revolutionseifer und verbot seinen Mitgliedern die Teilnahme am Studentenmarsch zum staatlichen Rundfunksender ORTF -- sie fürchtete, Pompidou zu provozieren.

Im Mai 1958 hatten französische Truppen die strategischen Punkte von Paris besetzt, um de Gaulle zur Macht zu verhelfen. Im Mai 1968 besetzte sie de Gaulles Polizei erneut, um dem General die Macht zu erhalten. Die Große Nation stand zum zweiten Mal in der Nachkriegszeit vor der Anarchie -- vorm Bürgerkrieg.

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