Rote Schulterstücke - DER SPIEGEL
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ZEITGESCHICHTE Rote Schulterstücke

Der Schwede Raoul Wallenberg verschwand 1945 in Sowjet-Gewahrsam. Wer gab den Befehl?
• aus DER SPIEGEL 34/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zehntausende ungarischer Juden verdankten ihm Sicherheit vor den Nazis und ihr Leben: Raoul Wallenberg, mit 100 000 Dollar einer US-Hilfsorganisation ausgestatteter schwedischer Diplomat in Budapest, stellte den Verfolgten schwedische Schutzpässe aus und quartierte sie in exterritoriale Wohnungen ein.

Doch als die Befreier endlich kamen, geriet der Retter selbst in Gefangenschaft.

Unter dem Befehl des Marschalls Malinowski eroberten Sowjettruppen der »Zweiten Ukrainischen Front« (einer Heeresgruppe), unterstützt von Einheiten der Dritten Ukrainischen Front unter Marschall Tolbuchin, im Januar 1945 den Ostteil von Budapest. Alle ausländischen Diplomaten, befahl Malinowski, hätten die ungarische Hauptstadt sofort zu verlassen.

Am 17. Januar begab sich Legationsrat Wallenberg, 32, mit zwei sowjetischen Offizieren in Malinowskis Hauptquartier und kehrte danach noch einmal kurz in sein Büro Tatra-Straße 6 zurück - womöglich um Geld und Schmuck zu holen, den ihm viele seiner Schützlinge anvertraut hatten.

Dafür spricht, daß er bei der Ausfahrt aus Budapest mehrfach an seinen Schutz-Wohnungen und einem Krankenhaus anhielt und an die Insassen große Geldbeträge verteilte. Begleitet war er von einem Sowjetmajor mit roten Schulterstücken, angeblich ein NKWD-Mann. Doch die sowjetischen Staatspolizisten trugen damals grüne Schulterstücke und grüne Mützen - Rot war die Farbe der Infanterie.

Wallenberg erklärte noch, man werde ihn wieder zu Marschall Malinowski bringen: »Ich weiß nicht, ob als Gast oder als Gefangener.«

Seither ist Wallenberg verschwunden - vielleicht in einer Art Sippenhaft: Raouls Onkel Jacob Wallenberg knüpfte damals Kontakt zu deutschen Widerständlern, die einen Separatfrieden mit den Westalliierten anstrebten. Onkel Marcus Wallenberg hatte schon 1940 den finnisch-sowjetischen Waffenstillstand gemakelt.

Sowjet-Außenminister Gromyko gab später bekannt, Wallenberg sei 1947 im Moskauer NKWD-Hauptquartier Lubjanka gestorben. Zweifel daran sammelte ein internationales Hearing in Stockholm im Januar: Auch nach 1947 noch will ein halbes Dutzend Zeugen den Verschollenen in Sowjet-Lagern gesehen haben, möglicherweise auch S.101 noch 1978 in der Psycho-Anstalt Blagoweschtschensk.

Amerikas Präsident Jimmy Carter erkundigte sich 1979 beim Salt-Festival in Wien sogar persönlich bei Sowjetchef Breschnew nach Wallenbergs Verbleib - ohne Ergebnis. Vielleicht wisse Stalin mehr, befand Breschnew, doch der sei tot.

Im selben Jahr erhielt in Moskau der invalide Sowjetbürger Jakow Leontjewitsch Lachowskij-Menaker für sich und seine Tochter eine Ausreisegenehmigung nach Israel.

Dort lebt der Emigrant, 60, nun bei Nazareth mit einer Rente von kaum 500 Mark im Monat. Aber er weiß etwas, so sagt er, das ihn um sein Leben bangen läßt - weshalb er nur nach seinen Initialen »Informant Jlm« genannt werden will. Seine Geschichte:

Jlm war 1945 Sergeant im Regiment 571 der 317. Division, die zur 18. Armee der Vierten Ukrainischen Front (Befehlshaber Armeegeneral Petrow) gehört habe. Das Regiment von Jlm bestand fast ausschließlich aus Sicherheitsbeamten und war, so Jlm, für einen Frontsektor bei Budapest zuständig, der »das Fenster« genannt wurde. Dort schleusten die Russen Agenten hinter die deutschen Linien.

Nach dem Krieg schrieb Jlm das Fronttagebuch seiner Division. Zum Sammeln der Erinnerungen seiner Kameraden bereiste er die ganze Sowjet-Union. Im Juli 1976 machte Jlm bei einem Veteranen-Treffen in der Stadt Slatoust die Bekanntschaft eines Hauptmanns Aminjew, eines Tataren, der mit dem Alexander-Newski-Orden ausgezeichnet worden war - weil er auf Befehl des Politkommissars der 18. Armee die Entführung des Schweden Wallenberg aus Budapest geleitet hatte. Jlm wurde davor gewarnt, das in der Regiments-Geschichte zu erwähnen - es sei ein Staatsgeheimnis.

Ein Jahr später traf Jlm auf einem Kameradschaftsabend im polnischen Krakau seinen früheren Regimentskommandeur, Oberst Lewin, der ihm bestätigte, Wallenberg sei auf Anordnung des Politkommissars entführt worden. Auch Lewin warnte davor, etwas zu schreiben oder zu sagen, denn »schließlich wissen wir ja beide, wer damals der Politruk der 18. Armee war«. Es war der Oberst Leonid Breschnew, heute Partei- und Staatschef.

Ein Jahr später veröffentlichte Breschnew seine eigenen Kriegserinnerungen, die 1943 enden. Bisher ist nicht bekannt, daß er danach nach Budapest gekommen sei. Tatsächlich leistete seine Truppe, die 18. Armee der Vierten Front, nur ganz am Rande - von Ostpolen aus - im Oktober 1944 Beistand bei der Eroberung Nord-Ungarns. Auch gehörte Jlms 317. Division gar nicht zur 18. Armee und seit 14. November 1944 nicht mehr zur Vierten Front. Im Januar 1945 stand Breschnew schon in der Tschechoslowakei.

Bei einer Feier aus Anlaß des Breschnew-Buches ("Das kleine Land") will Jlm acht Regiments-Kameraden getroffen haben, darunter wieder Aminjew, den er diesmal direkt zum Fall Wallenberg befragte.

Aminjew: »Es war nicht besonders schwer, Wallenberg zu entführen. Wir haben ihn einfach abgeholt. Er war nicht einmal bewaffnet. Doch ich darf natürlich keine Einzelheiten über dieses Staatsgeheimnis enthüllen. Wir haben ihn einfach in das Hauptquartier der Armee, zur politischen Abteilung, gebracht. Es war sicher eine hochwichtige Sache, denn der Befehl kam direkt von Breschnew.«

Nach dieser Unterhaltung wollte Aminjew nicht mehr mit Jlm reden.

Jlm will ein Buch schreiben. Er streut sogar den Verdacht aus, Breschnew habe die bei Wallenberg gefundenen Wertsachen und Gelder zweckentfremdet, Wallenberg sei außerdem noch am Leben. Er hofft, seine Enthüllungen würden zu erneutem Druck auf Moskau führen, den Diplomaten endlich auf freien Fuß setzen.

Für Informationen, die zu Wallenbergs Auffindung führen, haben das schwedische und das amerikanische Wallenberg-Komitee im Februar einen Preis ausgesetzt: eine Million Dollar.

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