Roter Peter - DER SPIEGEL
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ENGLAND Roter Peter

Die Labour-Opposition erlitt eine schwere Wahlschlappe. Parteiführer Michael Foot aber ist überzeugt, er könne Margaret Thatcher ablösen.
• aus DER SPIEGEL 10/1983
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Michael Foot stopfte ein paar Unterlagen in die Hosentasche, lief zum Mikrophon und kanzelte mit starken Worten einen jungen Mann ab, der 1981 Abgeordneter der Labour Party werden wollte. »Dieser Herr besitzt nicht das Einverständnis des Parteivorstandes«, rief der Oppositionschef aus, »und von mir wird er es auch nie bekommen.«

Freund und Feind im Unterhaus waren verblüfft. Denn der Linke Peter Tatchell, den ein Londoner Labour-Kreisverband gerade erst als Kandidaten für die nächste Parlamentswahl nominiert hatte, wirkte mit seinem Idealismus eher wie ein Zögling des Parteivorsitzenden.

Der heute 31 Jahre alte Sozialarbeiter hatte zu »verstärkten Aktionen außerhalb des Unterhauses« aufgerufen und einen Marsch zum Amtssitz der Premierministerin verlangt, um dort gegen die Massenarbeitslosigkeit zu demonstrieren. Oft genug aber, wenn Rentner, Arbeitslose oder Rüstungsgegner auf die Straße gingen, marschierte Michael Foot mit seinem landesweit bekannten Wurzelstock ganz vorneweg.

Foot rückte zwar später vom Einspruch gegen Tatchell wieder ab. Er demonstrierte sogar Einigkeit mit ihm, als der bisherige Labour-Abgeordnete des Südlondoner Wahlbezirks Bermondsey sein Unterhausmandat aufgab und auf diese Weise eine Parlamentsnachwahl verursachte. Doch der Beistand, nicht gerade enthusiastisch, kam zu spät.

Bermondsey verwandelte sich in eine Katastrophe für die Partei von Michael Foot. Der frühere Labour-Abgeordnete Bob Mellish, ein Kanalarbeiter der Parteirechten, kämpfte gegen den linken Kandidaten Tatchell - Labour wirkte zerstritten wie in schlimmsten Zeiten.

Als vorletzten Freitag das Resultat von Bermondsey vorlag, war ein Labour-Sitz verlorengegangen, der seit mehr als 60 Jahren einer der zehn sichersten in England gewesen war - ein Erdrutsch.

Erstmals auch verlor die Arbeiterpartei bei einer Nachwahl gegen die Allianz aus Liberalen und Sozialdemokraten (SDP). Deren Führer sahen denn auch schon das ganze Königreich als ein großes Bermondsey. »Dies war mehr als nur ein Sieg«, triumphierte David Steel, der Chef der Liberalen, »dies war die Vernichtung eines Gegners.« »Herrlich, sensationell«, frohlockte SDP-Leader Roy Jenkins.

Bei Labour saß der Schock so tief, daß sogar Foots Stellung als Parteichef und Herausforderer von Margaret Thatcher auf dem Spiel zu stehen schien. »Wenn Labour überhaupt noch eine Chance haben will«, warnte der Abgeordnete Walter Johnson, »muß ein Wechsel an der Spitze her.« Die »Times« meldete, noch ehe in Bermondsey die Auszählung der Stimmen anfing, daß eine »Mehrheit im Schattenkabinett« sich für den Rechten Denis Healey, den Stellvertreter Foots, als neuen Boß der Arbeiterpartei entschieden habe.

Foot jedoch schüttelte die angebliche Rebellion ohne Mühe ab. Vor der Millionen-Audienz des sonntäglichen Fernsehprogramms »Weekend World« agierte der 69jährige keineswegs als der genervte Greis, als den ihn die rechte Massenpresse unermüdlich darstellt.

»Der Führer der Labour Party wird nicht von Meinungsumfragen oder Kampagnen der konservativen Presse bestimmt«, erklärte »Footie«, wie ihn seine Freunde nennen. Würde er nun nachgeben, bedeute dies, »daß ich nicht fit bin, die Partei zu führen. Ich bin aber fit«. Dann schnitt Foot dem Interviewer barsch das Wort ab und hielt eine Wahlrede zu den Themen Arbeitsplätze, Renten, Kindergeld und Cruise Missiles, »Angelegenheiten, die die Leute wirklich interessieren«.

Dem öffentlichen Auftritt hatte Foot eine Entscheidung vorgeschaltet, mit der niemand gerechnet hatte. Noch am Tag des Bermondsey-Debakels beantragte er für den 24. März die nächste Parlamentsnachwahl, diesmal in dem nordenglischen Eisenbahner-Wahlkreis Darlington. Dort war ein Labour-Abgeordneter gestorben, der um gut 1000 Stimmen vor dem konservativen Kontrahenten lag. Zurücktreten aber, so hörten es die TV-Zuschauer, werde Foot auch nach einer neuen Labour-Niederlage nicht. »Hypothetische Sargnägel«, so Foot siegesgewiß, seien für ihn »kein Thema«.

Foot ist überzeugt, daß die Eisenbahner Labour treu bleiben und stärken, weil die Regierung Thatcher gerade erst die Schließung eines Waggonreparaturwerks unweit Darlington verfügte. 3500 Beschäftigte verlieren deshalb ihren Arbeitsplatz. Günstig für den Labour-Führer ist möglicherweise auch die persönliche Abneigung Margaret Thatchers gegen Eisenbahnen, seit ihrem Amtsantritt ist sie nie Zug gefahren.

Ein weiteres Plus, das der Labour-Kämpe für sich anführt: Darlington, wo viele Straßen die Namen alter Dampfloks tragen, ist eine Quäkerstadt. Die Freikirche der Quäker aber wettert gegen S.141 die Aufstellung von Cruise Missiles und verlangt, wie Foot, die einseitige Atomabrüstung Großbritanniens.

Und schließlich braucht Foot in Darlington nicht zu fürchten, daß sich Fleet Street so sehr auf den Labour-Kandidaten einschießt, wie das in Bermondsey der Fall war.

»Roter Peter fuhr zu Schwulen-Olympiade« lautete etwa die Schlagzeile der »Sun«. Der »Daily Express« dagegen erspähte den angeblichen Olympioniken auf dem Jahreskongreß des Gewerkschaftsverbandes, wo Tatchell »in einem makellosen Anzug umherschlich«.

Foot wähnt sich deshalb jetzt schon als Sieger. Weder ging, wie von der »Times« angekündigt, eine Resolution beim Labour-Vorstand ein, in der Foots Abdankung verlangt wurde, noch kam es zum Aufstand im Schattenkabinett. »Michael Foot wird uns in die nächste Wahl führen«, versicherte Partei-Vize Healey, »ich werde ihn dabei loyal unterstützen.«

Noch wichtiger für Foot indessen war der Rückhalt der Gewerkschaften, die das größte Mitspracherecht bei der Wahl des Parteichefs haben. Die »Unions« nämlich fürchten, daß ein Rücktritt Foots neue Flügelkämpfe zwischen rechts und links zur Folge haben würde - und einen sicheren Sieg Margaret Thatchers bei den innerhalb der nächsten 14 Monate fälligen Neuwahlen. »Es ist absolut nötig, daß Michael im Amt bleibt«, meint Frank Chapple, Chef des Gewerkschaftsdachverbandes TUC, »wenn er geht, werden wir alle gehen müssen.«

Foot, der laut Parteisatzung auch nicht zum Abdanken gezwungen werden kann, glaubt an einen Labour-Sieg: Frau Thatcher sei zwar polulär, nicht aber ihre Politik.

Und in der Tat: Seit Falkland gewannen die Sozialisten fünf Nachwahlen hintereinander, darunter einen Wahlkreis, den zuvor die Tories hielten. Den Konservativen dagegen glückte es bei insgesamt 16 Parlamentsnachwahlen seit 1979 nur einmal, ihren Stimmenanteil zu erhöhen - in Beaconsfield, wo sie sogar auf dem Höhepunkt der Falklandschlacht nur um 0,1 Prozent hinzugewannen.

Mit Foot, der noch bei keiner Wahl geschlagen wurde, der allerdings auch noch nie für Downing Street 10 kandidierte, sei deshalb zu rechnen, warnte der »Economist": »Niemand hat 1980 auch geglaubt, daß Francois Mitterrand Staatspräsident von Frankreich wird.«

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