Roter Puilover - DER SPIEGEL
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Roter Puilover

• aus DER SPIEGEL 52/1949
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Italiens Film erhielt einen kräftigen Schlag. Sein atemberaubendstes Pin-up-Girl zieht sich ins Privatleben zurück. Silvana Mangano selbst verkündete das den ungläubigen Journalisten nach der römischen Premiere ihres Films »Bitterer Reis« Die gesamte Männlichkeit des Landes wird lange brauchen, um sich von dieser Enttäuschung zu erholen.

Die erst neunzehnjährige Silvana Mangano (auf der ersten Silbe zu betonen: Mángano) war kometengleich aufgestiegen Eine Propaganda größten Stils stempelte sie zur »italienischen Super-Atombombe«.

Grell-aufreizende Plakate rühmten ihre »kühne Schönheit mit knallrotem Pullover«. Der »Paris-Match« nannte sie »Rita Hayworth mit Jane Russels Brust«. Nun erwartet auch sie ein Kind.

1946 wurde die brünette Silvana mit den schwarzsamtenen Augen und den makellosen Formen zur »Miss Roma« gewählt. Sie ist gebürtige Römerin, Tochter eines sizilianischen Vaters und einer englischen Mutter. In Rom besuchte sie sieben Jahre eine Tanzschule. Mit der Wahl zur schönsten Römerin begann ihre Karriere.

Mannequin in einem großen Modehaus, eine kleine Charge in einem Opernfilm, dann die Hauptrolle in dem Film »Bitterer Reis« und endlich die in »Der Wolf der Sila«. Vor einigen Monaten heiratete sie ihren Filmproduzenten, Dino de Laurentiis. Der Komet stürzte in den Hafen der Ehe.

Das Pin-up-Girl ist zur Hausfrau geworden. Sie versorgt selbst ihren Mann und ihren schwarzen Cocker »Sonny«, den sie vor ihrer Villa an der Via Appia spazieren führt. Das Reiten hat sie eingestellt, wie das Filmen. In grünledernem Album sammelt sie ihre Kritiken. Mit den allermeisten kann sie zufrieden sein. Noch begeisterter schreiben Tausende ihrer Verehrer. Die Briefe füllen schon einen Schrank.

Der Regisseur Giuseppe de Santis ist weniger zufrieden. Schon in Cannes, wo der »Bittere Reis« uraufgeführt wurde, war die Aufnahme geteilt. In Italien wird er jetzt von der Kritik noch schärfer beschossen.

Der »Messagero« nennt ihn einen »völlig verfehlten Film«. Der »Osservatore Romano« überschreibt seine beißende Kritik mit »Bitteres Grinsen"*) Das Publikum aber stürmt die Kassen. Denn es ist die vorletzte Gelegenheit, Silvana und all ihre »kühne Schönheit« bewundern zu können.

Der Film spielt in der Po-Ebene unter den jungen Reisarbeiterinnen, die in jedem Frühsommer vierzig Tage lang die Reispflanzen von Unkraut säubern müssen. In morastigem Wasser stehend, von der Sonne verbrannt, von Moskitos zerstochen. Bitter erkämpft ist der Reis, den sie am Schluß als Lohn erhalten. Manche bekommen außerdem Rheuma oder Arthritis fürs ganze Leben.

Unter den Arbeiterinnen ist Francesca (die Amerikanerin Doris Dowling). Ihr Geliebter, der Juwelendieb Walter (Vittorio Gaßmann), verguckt sich rasch in die sinnliche Schönheit Silvanas, Francescas Kollegin. Mit allen Konsequenzen. Bald ist Silvana dem Verbrecher verfallen.

Skrupellos organisiert Walter den Diebstahl des Reises, den die Arbeiterinnen als Lohn erhalten sollen. Um die Aufmerksamkeit vom Reisspeicher abzulenken, öffnet Silvana die Schleusen. Die Reispflänzchen, Arbeit von Wochen, drohen davonzuschwimmen. Inzwischen aber hat Francesca einen Feldwebel (gespielt vom einstigen Rechtsaußen des »FC Torino«, Raf Vallone) mobilisiert.

Im Reisspeicher kommt es zum wütenden Kampf zwischen den Männern, bis beide kampfunfähig sind. Von Francesca erfährt Silvana, wer und was Walter ist. Unter ihrem tödlichen Schuß fällt er. Silvana stürzt sich von einem hohen Turm. Francesca samt Feldwebel bleiben lebend übrig.

Mit dieser Mischung aus Verbrechen und sozialer Anklage wollte der kommunistische Regisseur de Santis zusammen mit viel bildlichem Sex-appeal einen künstlerischen Propagandafilm machen. Sumpfige Reisfelder, leichtgeschürzte Mädchen, soziale Ungerechtigkeit und Unbilden der Natur: mit blendender Fotografie wirkungsvoll vermischt. De Santis wollte das schwere Los der Reisarbeiterinnen verherrlichen. »Doch«, so schreibt der führende Kritiker Angelo Solmi, »er verherrlichte nur die Brust, die Hüften und die Schenkel von Silvana Mangano«.

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