Roter Pullover - DER SPIEGEL
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Roter Pullover

• aus DER SPIEGEL 46/1949
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Kapitän Lebedeff vom Sowjetfrachter »Alexandr Matrosow« seine 17050 Tonnen Zellulose für die Tschechoslowakei in Bremen gelöscht hatte, wollte er den »Blauen Peter«, die Auslaufflagge, hissen. Aber 2100 Dollar nichtbezahlter Hafengebühren hielten das Schiff in Bremen fest.

Bremens Häfen stehen immer noch unter US-Aufsicht. Landes-Commissioner Capt. Jeffs bestand darauf, daß »Schiffe aller Nationen« ihre Hafengebühren in Dollar zu bezahlen haben. Entweder durch das Dollar Offset Account ihres Landes oder durch eine andere gängige Verrechnung.

Nach dieser Mitteilung zeigte Kapitän Lebedeffs Gesicht ungefähr die grellrote Farbe seines Rollkragenpullovers, eines roten Pullovers, der im internationalen Seeverkehr für Kapitäne zur Zeit noch etwas ungewöhnlich ist. Lebedeffs Flüche verstand glücklicherweise niemand von Bremens Hafenbeamten.

Dabei hatte Lebedeff das Anlegemanöver im Bremer Ueberseehafen mit den freundlichen Worten begleitet: »Njet. Ich nix Reparation holen. Ich was bringen.« 1947 war Lebedeff zum erstenmal in Bremen. Damals noch um Reparationsgüter abzuholen. Auch Bremens Presse hatte 1949 dem Sowjetfrachter die gebührende Ankunftsaufmerksamkeit geschenkt.

Ueber Maklerfirma Carl Scholles Fernschreiber im Hansahaus drahtete Kapitän Lebedeff Hilferufe nach Leningrad zur »Sowtorgflot« und zur ostzonalen Hauptseefahrt-Agentur in Berlin-Karlshorst. »Schickt mir Dollar, oder ich muß hierbleiben!«

Der Dollarruf blieb zunächst ungehört. Die von den Bremer Hafenbehörden geforderten Dollar für Lotsen- und Schleppgebühren, Raumgeld, Trinkwassertankung und Unratbeseitigung erhöhten sich mit jedem Tag. Makler Carl Scholle versuchte vergeblich, in Bremen jemand zu finden, der für die 2100 Dollar (etwa 9000 DM) gutsagte. Trotz Zellulosefracht und Presseaufmerksamkeit meldete sich niemand.

An Bord der »Alexandr Matrosow« verzehrten unterdes Kapitän, Offiziere, Mannschaft und die beiden weiblichen Besatzungsmitglieder, die als Stewardess und Funkerin ihren Dienst versehen, ungeduldig einen Teil der für die Rückreise vorgesehenen Verpflegung. »Wir nix D-Mark.«

Lebedeffs urwüchsige Kapitänsstimmung langte auf dem Siedepunkt an. Mit Wodka und Kombüsengerichten hielt er sich sieben Tage lang in seiner mit Stalin-, Lenin- und Molotow-Bildern ausgeschmückten Kabine verborgen. Freundlich lächelnde und sich in einem Gemisch von Russisch-Englisch und Hanseatenplatt versuchende Fotoreporter wies Lebedeff mit einem kalten »Njet« ab. Aufnahmen zu machen sei nicht erlaubt. Bremens Zeitungsredaktionen warteten vergeblich auf Bilder.

Nach sieben Tagen Bremen-Aufenthalt gab Karlshorst endlich für »Alexandr Matrosow« über die American Express Company Dollar-Zahlungs-Garantie. »Das Geld erhält die Bank deutscher Länder zur Umrechnung. Der Gegenwert ist schon auf unser Konto gutgeschrieben worden«, lächelte zufrieden der Maklergeschäftsführer.

Und erläuterte: »Der Sowjetfrachter mußte sieben Tage in Bremen untätig liegen, weil die Sowjetunion wie auch Italien, Finnland und einige Südamerika-Staaten über kein Dollarverrechnungskonto verfügen. Nach JEIA-Richtlinien müssen aber ausländische Schiffe, die einen deutschen Hafen anlaufen, über das Verrechnungskonto ihres Landes die Hafengebühren in Dollar bezahlen.«

»Bei dieser Sperre handelte es sich nicht um eine gegen einen Sowjetfrachter gerichtete Maßnahme, sondern um ein zwar selten angewandtes, aber in solchen Fällen übliches Verfahren«, verdolmetschen mit hanseatisch-traditioneller Vorsicht Bremens Hafenbehörden die US-Dollar-Forderung von »Geld oder hierbleiben«. Von Diskriminierung könne keine Rede sein.

Kapitän Lebedeff klingelte in den Maschinenraum »Volle Fahrt voraus«. Für die 1200 Seemeilen von Archangelsk bis Bremen brauchte seine »Alexandr Matrosow« zehn Tage. Um aus Bremens Ueberseehafen wieder herauszukommen sieben Tage.

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