Rotes Tuch - DER SPIEGEL
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Rotes Tuch

• aus DER SPIEGEL 8/1949
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sozialismus auf nationaler Grundlage, Vierzig-Stunden-Woche, absolute Trennung von Kirche und Staat, gegen Bürgerkrieg und bewaffneten Aufstand.« Extrahiert läßt sich so zusammenfassen, was die Berliner Freie Kommunistische Partei Deutschlands in 12 Punkten jetzt veröffentlichte. Der Ton liegt auf national.

Die FKPD hieß vor einem Monat, als sie ihre Arbeit begann, noch Kommunistische Partei-Opposition (KPO). Den neuen Namen halten die Inspiratoren aber für besser. Sie betrachten sich als gänzlich neue Partei, nicht nur als Opposition. Lizenzanträge sind bei den Westalliierten gestellt.

Karl-Heinz Scholz, Jahrgang 07, Kommunist seit 1928, ist FKPD-Chef und Parteigründer. »Wir werden als Kommunisten den Kampf gegen die SED energisch aufnehmen«, führte er sich auf West-Berlins politischem Pflaster ein. Parteihauptquartier ist vorläufig die Scholz-Wohnung in einer grauen Mietskaserne in Berlin-Wedding, Malplaquetstraße 40 (französischer Sektor).

Genosse Heinz - das Karl fällt parteiintern fort - will die FKPD mit einem Zentralkomitee nach dem Schema der Vor-33er-KPD aufbauen. »Nur, daß wir die Entscheidung der Mitglieder wünschen«, sagt er mit sächsischem Akzent.

Im Gegensatz zur SED haben die Freien Kommunisten nur einen Vorsitzenden (bei der SED Pieck und Grotewohl) und ihr ZK hat nur 12 Mitglieder (SED ursprünglich 16, jetzt 18). Vorsitzender Scholz und der Org.-Leiter vertreten die Partei gerichtlich und außergerichtlich. Wer Org.-Leiter ist, möchte Scholz noch nicht sagen. Auch die Namen der anderen 11 ZK-Männer nicht. »Weil einige aus dem Ostsektor sind.« Mit den freien kommunistischen Finanzen sieht es noch trübe aus. Nach Lizenzerteilung soll das Parteiorgan helfen. Der Titel liegt fest: »Rote Fahne.«

Seit Wochen hat Karl-Heinz Scholz, Vater von drei Kindern, keine Zeit mehr, Geld zu verdienen. An der Wohnungstür steht noch metallgraviert unter seinem Namen: »Geldschrank- und Eisenbau«. (Scholz ist Geldschrankspezialist und Treuhänder einer Geldschrankfabrik.) Daneben auf weißem Pappkarton: »FKPD-Landesverband Berlin«, handgeschrieben.

In die Nachkriegszeit startete Berlins neuer Parteichef 1945 als Polizei-Inspektionskommandeur am Wedding. Aus dieser Zeit stammt auch seine gute Bekanntschaft mit Berlins sowjetsektoralem Volkspolizeipräsidenten Paul Markgraf. Eigentlich sei der gar nicht so sehr rußlandhörig, meint Scholz. Nur könne er jetzt nicht mehr zurück, der Dienststellung wegen. Scholz stieg bei der Polizei aus, als er bei SED-Genossen Korruptionen vertuschen sollte.

Vorübergehend wurde er Privatmann und Mitglied beim Seglerclub in Tegel. Der Dreieck-Clubwimpel ist das einzige Abzeichen auf seinen dunkelblauen Revers. FKPD-Embleme gibt es noch nicht. Hammer und Sichel scheiden aber von vornherein aus. Sowjetstern auch. Rot als Fahnentuch bleibt.

Wie Marx und Engels ist auch Karl-Heinz Scholz von bourgeoisem Herkommen. Sein Vater war Generalstabsarzt. Sehr früh kam es zu Familiendifferenzen. Die Generalstabsarzt-Hausordnung trieb Karl-Heinz schon damals in die Opposition. Kaum 21jährig - er war noch nicht lange vom Gymnasium herunter - , hatte er das kommunistische Parteibuch in der Tasche.

Im Dritten Reich kam er dann dahinter, daß jede Diktatur ihre Schwächen habe, auch die Diktatur des Proletariats. Sie könne zu leicht in die Diktatur über das Proletariat ausarten. Als Arbeiter müssen nach Karl-Heinz Scholzens geläutertem anti-lenistischem Marxismus heute alle betrachtet werden, die in einem lohnabhängigen Arbeitsverhältnis stehen. Sie können sich in der FKPD als Arbeiter und Mitglieder registrieren lassen.

Die sozialdemokratische Berliner Regierungspartei reagierte ziemlich sauer auf seine Gründung Die Freien Kommunisten seien Moskau-inspiriert und sollten SED-Unzufriedene einfangen. Scholz dementierte. Er hält das für ein Schreckgerücht aus russischer Quelle. Auch die KP-mißtrauischen West-Allierten hat er schon oft beschwören müssen: »Habt Vertrauen, wir meinen wirklich, was wir sagen.«

Illegal wollen die Freien Kommunisten auch in der Sowjetzone agitieren. Eine illegale Zeitung ist geplant. Und ein Rundfunksender, wenn möglich. Die guten Erfahrungen des roten Radiobundes aus der Weimarer Zeit dienen als Vorbild, mit wenig Geld viel zu erreichen. Darüber, wo man ihn aufstellen soll, zerbrechen sich die Freien Kommunisten noch den Kopf. Sie neigen zu einem Wandersender.

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