GEHEIMDIENSTE Rückkehr der Pensionäre
Abdul Haq war ein afghanischer Warlord nach dem Geschmack der Amerikaner. Der einflussreiche Paschtune sprach gut Englisch, schlürfte Cola Light und erging sich gern in Fragen der Strategie. Er hatte gegen die sowjetischen Invasoren Krieg geführt und später im Exil in Dubai ein Import-Export-Geschäft aufgebaut, jetzt wollte er dazu beitragen, die Taliban zu stürzen.
In seinem Schlepptau in Peschawar, wo sich die Goldgräber und Kriegsgewinnler gegenseitig den Rang ablaufen, traten die Brüder Joseph und James Ritchie auf, zwei reiche Geschäftsleute aus Chicago, in Afghanistan aufgewachsen. Der dritte Amerikaner im Bund war Ronald Reagans einstiger Nationaler Sicherheitsberater Robert McFarlane, der sich als informeller Berater Haqs bezeichnete.
Die CIA hegte zuletzt Misstrauen gegen den Afghanen und seine Entourage. Die Geheimdienstagenten hielten Haq für einen Angeber und Außenseiter. Er prahlte damit, er könne mit seiner Autorität den Taliban die Gefolgschaft abspenstig machen. Gleichwohl hat die amerikanische Regierung derzeit allergrößtes Interesse an Renegaten unter den Afghanen. Sie ist auf Erfolgsmeldungen angewiesen, weil das Dauerbombardement ins Leere zu gehen scheint, die Nordallianz keineswegs ein ruhmreicher Verbündeter ist und die Taliban bemerkenswerten Widerstand leisten.
Als Haq Waffen, ein Funkgerät und einen Hubschrauber verlangte, der ihn von Peschawar hinüber ins östliche Afghanistan fliegen sollte, schlug die CIA seine Bitten ab. Die Agenten in Peschawar boten ihm ersatzweise ein Satellitentelefon an, doch davon besaß er schon einige.
So jedenfalls erzählt Mc-Farlane die Geschichte, nachdem die Taliban Haq in einen Hinterhalt gelockt, ihn gefangen und hingerichtet hatten. Und wieder stand der große, stolze, selbstgefällige Geheimdienst der Supermacht Amerika als Versager da: die Lage falsch eingeschätzt, in tödlicher Gefahr nicht rechtzeitig Hilfe geschickt, dem Feind einen Triumph beschert.
Die größte denkbare Katastrophe hatte die CIA am 11. September ereilt, als der Geheimdienst keinen Schimmer von den geplanten Terroranschlägen in New York und Washington hatte. CIA-Chef George Tenet verdankt seine Verweildauer im Amt allein den Zwängen des Patriotismus, der Opferungen im Regierungsapparat vorerst verhindert. Paradoxerweise aber verschafft nun der Krieg gegen den Terrorismus dem Dienst eine unverhoffte Renaissance.
Schon im September hat Präsident George W. Bush eine Anweisung unterschrieben, womit er die CIA zur Jagd auf Osama Bin Laden und zur Zerstörung von al-Qaida ermächtigt. Für die verdeckten Aktionen stehen dem Geheimdienst eine Milliarde Dollar zur Verfügung. Um Bin Laden »aufzuspüren, auszuräuchern und zur Strecke zu bringen«, wie der Präsident die gewünschte Abfolge in Wildwest-Diktion nennt, sollen die Agenten und das Militär in Afghanistan zusammenarbeiten, anstatt sich wie üblich mit gegenseitiger Nichtachtung zu strafen.
Nun dürfen die Geheimdienstler auch wieder, was ihnen vor 25 Jahren verboten worden war: töten. Der damalige Präsident Gerald Ford hatte 1976 unter dem Druck der Öffentlichkeit einen Erlass unterzeichnet, der es Angestellten des Dienstes verbot, im Auftrag zu töten. Nach dem Vietnamkrieg und nach der Watergate-Affäre war herausgekommen, dass amerikanische Agenten mindestens achtmal versucht hatten, Fidel Castro zu ermorden.
In Afghanistan steht die CIA in Idealkonkurrenz mit heimischen Warlords. Die Agenten, die im Kriegsgebiet und in der pakistanischen Etappe wieder ihrem aufgewerteten Job nachgehen, sollen lokale Führer, Religionsgelehrte und Clan-Älteste davon überzeugen, dass die Zukunft bei Amerika und nicht bei den Taliban liegt. Jeder Angesprochene dürfte sich nach dem Mord an Haq das Überlaufen zweimal überlegen.
Ohnehin offenbaren sich nun einige verhängnisvolle Schwächen der CIA: Der Dienst verfügt über viel Satellitentechnik im All und im Analysezentrum in Langley (Virginia), aber nicht über genügend Agenten, die sich wie Fische im Wasser bewegen, die Sprache des jeweiligen Einsatzlandes beherrschen und seine Kultur verstehen.
Nach dem 11. September gab es im 18 000-Mitarbeiter-Apparat der CIA genau einen, der fließend Paschtu sprach, und der war fürs Außenministerium abgestellt worden. In der Zentrale war ein Mann für Saudi-Arabien zuständig, der kein Arabisch konnte. Mangels größerer Auswahl stellte der Dienst ein, was auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen war: unerfahrenen Durchschnitt.
Mittlerweile hat die CIA einige pensionierte Agenten an ihre früheren Wirkungsstätten, vor allem im Nahen Osten und am Persischen Golf, zurückgeschickt, weil sie sich in den Gegenden auskennen, in denen Terrorismus blüht. Der Dienst sucht auf seiner Website (www.cia.gov) Leute, die fließend Arabisch, Paschtu oder Dari sprechen. Und jetzt finden auch wieder Agenten Aufnahme, die Vorstrafen aus der Vergangenheit mitbringen.
Alles wieder wie früher? Diesmal kann der Präsident nicht leugnen, was auf seinen Befehl hin passiert - auch nicht, wenn's schief geht. GERHARD SPÖRL