Kambodscha Rückkehr zum Jahr Null
Die Jubiläumsansprache zum elften Jahrestag der Befreiung fiel düster aus. Am vorletzten Sonntag konnte Kambodschas Premier Hun Sen, 38, keine optimistische Regierungsbilanz vorlegen, statt dessen bat er eindringlich um neue Soldaten: »Wir müssen die Streitkräfte stärken«, forderte der Ministerpräsident, »ohne sie können wir nicht überleben.«
Der grimmige Appell entsprach der militärischen Lage. Verbände der Roten Khmer hatten die Provinzhauptstadt Battambang angegriffen, und sogar in der Hauptstadt Pnom Penh waren, strengen Sicherheitsvorkehrungen zum Trotz, gleich mehrere Bomben explodiert.
Battambang, zweitgrößte Stadt des Landes, brenne »lichterloh«, verkündeten die Roten Khmer. Die Kommandozentrale der Regierungstruppen sei vernichtet, der Flughafen »schwer beschädigt« und die Nationalstraße 5, strategische Verbindung zur 230 Kilometer entfernten Hauptstadt, unterbrochen.
Zwar dementierte die Regierung in Pnom Penh die Siegesmeldung der Partisanen, gestand aber »brutale« und »wütende« Kämpfe ein. »Unsere Truppen«, schloß die Meldung, »haben die Feinde vertrieben.«
Jedenfalls vorläufig. Selbst wenn der Sturm auf die 85 000-Einwohner-Stadt zunächst abgewehrt wurde, am Flughafen von Battambang nur ein paar Treibstofftanks in Brand geraten waren und auch die Detonationen in Pnom Penh keine schweren Zerstörungen hinterließen - der psychologische Schaden der Attacke war erheblich: Erstmals seit der Vertreibung der Roten Khmer durch die vietnamesische Armee 1979 erreichte der Bürgerkrieg die städtischen Zentren des Landes. Die Angst vor einer Rückkehr der mörderischen Steinzeitkommunisten wurde physisch greifbare Realität. Den Kambodschanern droht die Rückkehr zum Jahre Null.
Denn als Anbruch eines neuen Zeitalters hatten die von Pol Pot geführten Roten Khmer ihre Machtübernahme 1975 gedeutet: Doch die »radikale, hundertprozentig sozialistische Revolution« voll »gigantischer Entwicklungen« und »Wundertaten« entartete unter dem Führungsclan von Freunden und Familienangehörigen des gelernten Schreiners schnell zur barbarischen Terrorherrschaft.
Die fortschritts- und fremdenfeindlichen Dschungel-Revolutionäre mordeten Moslems und Mönche, Ärzte und Lehrer. Beeinflußt von den Ideen Mao Tse-tungs, predigten die ultralinken Ideologen einen kruden Agrar-Sozialismus und knechteten die Bevölkerung mit sinnloser Sklavenarbeit. Auf Kambodschas Killing Fields starben binnen drei Jahren und acht Monaten 1,5 bis 2 Millionen Menschen.
Erst der Einmarsch der Vietnamesen beendete den Völkermord. Obwohl viele Kambodschaner die »solidarische Hilfsaktion« zunächst als »Befreiung« priesen, werteten die USA, China und die asiatischen Nachbarstaaten den Feldzug der Vietnamesen als völkerrechtswidrige Invasion.
Als späte Rache für die Niederlage in Vietnam finanzierte Washington nun den Guerillakrieg der Pol-Pot-Soldaten, die flugs zu »Freiheitskämpfern« gegen »Hanois Besatzungstruppen« aufstiegen. 1982 gingen sie mit den Truppen des früheren Staatschefs Sihanouk und seines ehemaligen Premiers Son Sann eine Widerstandskoalition ein. Peking, geplagt vom Trauma eines vietnamesisch beherrschten Indochina, lieferte Waffen und Medizin.
Erst seit dem Rückzug der vietnamesischen Truppen aus Kambodscha im vergangenen September wurde die in sich zerstrittene Koalition zur Gefahr für Pnom Penh. Die 60 000 Regierungssoldaten sind den 50 000 Guerillas ohne die Hilfe der kampferprobten Verbündeten nicht gewachsen.
Jetzt bröckelte die rund 500 Kilometer lange Dschungelfront: Im Nordabschnitt stehen Verbände von Sihanouk und Son Sann vor der Stadt Sisophon, weiter südlich belagern die Roten Khmer - das räumt auch Pnom Penh mittlerweile ein - noch immer Battambang. Pailin, unweit der thailändischen Grenze, fiel schon am 22. Oktober.
Die Verteidigung der Grenzstadt, Zentrum für den Diamantenabbau des Landes, hatte Hun Sen zum Testfall für die Stärke seiner Regierung erklärt. Er mußte erleben, daß seine Soldaten in die Flucht geschlagen wurden, zum Feind desertierten oder sich nach Thailand absetzten. Seine demoralisierten Truppen sind den modern ausgerüsteten Angreifern unterlegen, die Waffen veraltet, Munition und Nachschub knapp.
»Wir haben einige Positionen verloren«, gestand vergangene Woche Verteidigungsminister General Tie Banh. Den »Kampf um die Herzen der Kambodschaner« werde die Regierung aber auf jeden Fall gewinnen.
Auch das ist nicht mehr sicher. Die Angst vor den Roten Khmer sitzt tief, aber auch der Ruf der Regierung hat durch Korruption und Machtmißbrauch gelitten. Polizisten fordern Schutzgelder von Geschäftsleuten und Barbesitzern, Milizionäre an den Straßensperren lassen Lastwagen nur gegen Zigaretten oder Bares passieren.
Unter Intellektuellen ist nicht vergessen, daß Premier Hun Sen und Staatspräsident Heng Samrin selbst ehemalige Genossen der Roten Khmer waren, bevor sie von den Vietnamesen in ihre Ämter eingesetzt wurden. Die kambodschanischen Wendehälse werden mit der gleichen Skepsis betrachtet wie die kosmetischen Reformen des vergangenen Jahres, als der Buddhismus wieder Staatsreligion wurde und die »Volksrepublik« den schlichten Namen »Staat Kambodscha« erhielt.
Nach den Erfolgen der Roten Khmer war Hun Sen vergangene Woche zu neuen Friedensgesprächen bereit, aber eine Zusammenarbeit mit Pol Pot soll es auch in Zukunft nicht geben. »Könnten Sie sich vorstellen«, fragt ein hochrangiger Beamter in Pnom Penhs Erziehungsministerium, »daß sich zehn Jahre nach der Niederlage Nazi-Deutschlands Leute wie Hitler, Göring, Himmler um eine Regierungsbeteiligung bewerben?«
Weil an dieser Frage Friedensverhandlungen im vergangenen Jahr scheiterten, beraten seit Anfang dieser Woche die Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats in Paris einen neuen Plan. Er sieht vor, daß bis zu freien Wahlen 200 Uno-Beamte eine Interimsregierung stellen und 7000 Uno-Soldaten die Einhaltung eines Waffenstillstands überwachen sollen.
»Der Frieden hat nur dann eine Chance«, befürchtet das Magazin Asiaweek, »wenn alle Fraktionen Grund zu der Annahme haben, daß ihnen ein Kompromiß mehr bringt als neue Kämpfe.« Doch Pol Pots Partisanen setzen auf einen militärischen Sieg. Von ihren Basislagern in den Kardamom-Bergen begannen sie Ende vergangener Woche neue Offensiven auf die Region Battambang, Angriffe meldeten die Roten Khmer auch rund um die Tempelstadt Angkor.
»Es wird einen Waffenstillstand geben«, lautet die düstere Prophezeiung eines Bangkoker Diplomaten, »aber erst, wenn sich alle Kambodschaner gegenseitig umgebracht haben.«