Ruhe nötig - DER SPIEGEL
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SCHULEN / BRANDT-SOHN Ruhe nötig

• aus DER SPIEGEL 17/1967
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Erhart Zühlke, Direktor der WestBerliner Schadow-Oberschule, tadelte Vater und Sohn. »Ich weiß nicht«, so Zühlke ironisch, »was ich mehr bewundern muß, den Großmut des Außenministers oder die geistige Unreife seines Sohnes.«

Daß es Willy Brandts Erstgeborenem an Reife gebricht, folgert der Schulmann vor allem aus der jüngsten Tat seines durch Aufmüpfigkeiten stadtbekannten Zöglings.

Denn Ende März war in der Schadow-Schülerzeitung »Roter Turm« ein gegen spanischen Polizeiterror gerichteter Artikel erschienen, den »Turm«-Redakteur Peter Brandt, 18, bestellt und im Redaktionskollegium durchgesetzt hatte. Verfasser Jochen Ebmeier, Student zu Berlin und wie Brandt junior Mitglied der in Berlin linksgewirkten Jugendbewegung »Die Falken«, teilte den »Turm«-Lesern darin mit: »Der heute 38jährige Bergarbeiter Silvino Zapico (wurde) am 15. September 1963 während der großen Streiks in Asturien in der Polizeiinspektion von Sama de Langreo durch Verbrennen der Hoden kastriert.« Sein Wissen bezog Ebmeier aus einem offenen Brief, den 102 spanische Intellektuelle aus Protest an den Informationsminister der Franco-Regierung gerichtet hatten.

Direktor Zühlke und dem Lehrkörper schien die Veröffentlichung des Ebmeier-Artikels in einer Schülerzeitschrift unangebracht. »Der Rote Turm«, nach der Backstein-Zinne der altehrwürdigen Schule benannt, wurde am ersten Tag des neuen Schuljahres verboten; die gesamte bereits gedruckte Auflage (1000 Exemplare) wurde eingezogen.

Die Möglichkeit, den Oberprimaner, der die Noten »sehr gut« in Gemeinschaftskunde und »gut« in Deutsch erhielt, einmal ordentlich zu rüffeln, kam der Schulleitung gelegen. Denn dem Lehrerkollegium mißfällt seit geraumer Zeit, daß und vor allem wie sich der Politiker-Sohn außerhalb der Schule engagiert.

Zum Gaudi der Mitschüler ficht des Außenministers Ältester dafür, »daß die Antibaby-Pille frei verkauft wird« (so in einem Antrag der Berliner »Falken« an Bundesgesundheitsminister Frau Käte Strobel); er protestierte »auf das schärfste gegen die fortwährenden militärischen Interventionen der USA gegen Vietnam«; er demonstrierte gegen seinen Vater ("Wer hat uns verraten -- Sozialdemokraten">.

Vaters Namen dankt es der junge Heißsporn, daß alle seine Auftritte von den Berliner Boulevard-Zeitungen ausführlich gewürdigt werden. Und seinen Mitschülern kann er es denn auch »nicht verdenken«, daß sie Illustriertenphotos sammeln, auf denen der dürre, lang aufgeschossene Brillenträger als Freizeit-Filmheld Mahlke im Graß-Lichtspiel »Katz und Maus« nabelabwärts ein Ritterkreuz baumeln läßt.

Auf ein Vaterwort aus Bonn -- Peter wohnt seit dem Umzug der Familie bei einem Schulfreund -- hoffte Oberstudiendirektor Zühlke freilich auch beim jüngsten Sündenfall des Brandt-Filius vergeblich. Denn Willy Brandt hat es längst aufgegeben, seinem Ältesten zu bedeuten, daß für einen Schüler Mathematik und Musik wichtiger seien als Mao und Marx.

»Wenn ich will, daß etwas verändert wird, muß ich mich dafür einsetzen und etwas dafür tun«, sagt Radikaldemokrat Brandt junior. Anders Schulleiter Zühlke, der sich mit seinem Zögling mittlerweile ausgesprochen hat: »Was wir brauchen, ist Ruhe. Unsere Schule muß endlich aus den Schlagzeilen der Presse verschwinden.«

* In einer Redaktionskonferenz; 3. v. r.: Peter Brandts jüngerer Bruder Lars.

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