Ruhiger Grundton - DER SPIEGEL
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MEDIEN Ruhiger Grundton

Gute Beziehungen zur Sowjet-Union ermöglichen dem Ost-Berliner ARD-Korrespondenten Fritz Pleitgen ungewöhnliche Beiträge. Sein Rezept: Ein »politisch-therapeutischer Ansatz«.
• aus DER SPIEGEL 8/1981
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Als Fernsehkorrespondent Fritz Pleitgen, heute 42, sich vor gut zehn Jahren nach Moskau aufmachte, gab ihm seine Russisch-Lehrerin einen guten Rat mit auf den Weg. Seinen Vornamen müsse er »unbedingt ändern«. Denn der gelte dortzulande als »die Inkarnation des bösen Deutschen«.

Doch der »Fritz« aus dem Westfälischen firmierte nicht zum weniger verdächtigen »Ferdinand« um, der als zweiter Vorname zur Verfügung gestanden hätte -- und er fuhr, journalistisch wie privat, bislang gut damit. Obwohl Pleitgen schon seit 1977 das Ost-Berliner ARD-Studio leitet, ermöglichen ihm die Sowjets bis heute Kabinettstückchen, die kein anderer in den westdeutschen Medien aufführt.

Erst am Montag vergangener Woche wartete Pleitgen wieder mit einem sowjetischen Prominenten auf, der selbst für die kommunistische Parteipresse ein rarer Gesprächspartner ist: mit Pjotr Andrejewitsch Abrassimow, Moskaus Botschafter in Ost-Berlin.

Gleich dreimal konnten bundesdeutsche Fernsehzuschauer die Meinung des Spitzen-Diplomaten und ZK-Mitglieds zur internationalen Lage an einem Tag vernehmen, kurz in der Tagesschau, eine Stunde später ausführlicher im Magazin »Kontraste« und schließlich in voller Länge im Dritten WDR-Programm.

Einerseits bot der Botschafter auf neunzehn Pleitgen-Fragen selten mehr als strenge Variationen über bekannte sowjetische Standpunkte. Etwa: Amerikas neue Regierung solle, statt »Lügen und Verleumdungen über die Sowjetunion« zu verbreiten, lieber zum »konstruktiven Dialog« zurückkehren; oder: Polen sei und bleibe »ein integriertes Glied der ganzen Familie der Länder des Sozialismus«; schließlich: Die UdSSR brauche »nur eines -- den Frieden, einen festen und dauerhaften Frieden«.

Andererseits begegnen solche Bekenntnisse westdeutschen TV-Konsumenten selten genug -- ein ranghoher sowjetischer Funktionär, der geduldig und jedenfalls nicht unglaubwürdig vor der West-Kamera erläutert, warum sein Land keinen Krieg wollen könne und der dafür »das zerstörte Berlin« des Jahres 1945 ebenso bemüht wie »die in Ruinenfelder verwandelten sowjetischen Städte, darunter auch meine Heimatstadt Minsk«.

Seit Pleitgen für die ARD aus Ost-Berlin berichtet, war dies bereits sein drittes Abrassimow-Interview. Der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko stand dem WDR-Mann ebenso Rede und Antwort wie in früheren Jahren Partei- und Staatschef Leonid Breschnew, den Pleitgen in seiner Moskauer Zeit gleich mehrmals befragen und filmen durfte.

1973, vor Breschnews Besuch in Bonn, stellten die Russen ihrem Fernseh-Fritzen sogar binnen 45 Minuten ein Sonderflugzeug zur Verfügung, damit das exklusive Filmmaterial rechtzeitig vor der Staatsvisite in der Bundesrepublik sein konnte.

Daß die Sowjets ihm vertrauen, obwohl er als Moskauer Korrespondent auch um Dissidenten durchaus keinen Bogen machte, daß sie ihm mitunter sogar Orientierungshilfen für Bonner Koalitionspolitiker mit auf den Weg gaben, führt Pleitgen vor allem auf das zurück, was er den »politisch-therapeutischen Ansatz« seiner Arbeit nennt: »Die Sowjet-Union nicht an der Elle unserer Vorurteile messen, das vorherrschende falsche Rußland-Bild korrigieren und den Gesprächspartnern die Sicherheit geben, daß man sie nicht bei der erstbesten Gelegenheit in die Pfanne haut.«

Pleitgen ist bedacht auf »Entdämonisierung« -- der DDR nun ebenso wie der UdSSR, und daß er Entspannung für unverzichtbar und Nachrüstung für eine Torheit hält, bekennt er gern. Bei solch programmatischem Anspruch mag es kein Zufall sein, daß Pleitgen in Moskau und Ost-Berlin jeweils Studios übernahm, die in ihren Beziehungen zum Gastland und damit in ihren Arbeitsmöglichkeiten auf dem Nullpunkt angelangt waren.

Beide Male war Pleitgens unmittelbarer Vorgänger der Journalist Lothar Loewe gewesen. Der hatte Ende 1976 seine Ausweisung aus Ost-Berlin kassiert, nachdem er in einem Kommentar den DDR-Oberen eingerieben hatte, sie ließen an ihrer Staatsgrenze »auf Menschen wie auf Hasen« schießen.

Pleitgen hingegen hütet sich vor Originalton West und verbessert dadurch seine Chancen. So durfte er beispielsweise bei der diesjährigen Diplomatenjagd im thüringischen Ollendorf filmen, und bei dieser Gelegenheit, off limits selbst für DDR-Presse, erlebte der ARD-Journalist den SED-Generalsekretär Honecker denn auch »als einen souveränen Mann mit Mutterwitz und Lebenserfahrung, ganz anders als das hiesige Honecker-Klischee«.

Frontberichterstattung zu vermeiden -- in diesem Ziel weiß sich Pleitgen mit seinem vom NDR nach Ost-Berlin abgestellten Kollegen Lutz Lehmann einig: Ihre Team-Arbeiten über DDR-Landschaften von Rügen bis zum Rennsteig, aber auch ihre aktuellen Berichte zeichnen sich durch ruhigen Grundton und Abwesenheit von antikommunistischer Aggressivität aus. Daß »die DDR es ja auch schwer mit uns hat«, ist Pleitgen jedenfalls »ständig im Bewußtsein«.

Freilich auch der nächste Knüller, den er anvisiert: zum zehnten Jahrestag der Unterzeichnung des Berlin-Abkommens eine Fernsehdiskussion im Berliner Kontrollratsgebäude mit den Vertragsvätern -- den damaligen Botschaftern der vier Kriegsalliierten. Interview-Spezi Abrassimow immerhin, so hat Pleitgen schon erfahren, sei »nicht abgeneigt«.

S.106Bei der Diplomatenjagd in Ollendorf.*

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