Rumoren im Reich der Inseln - DER SPIEGEL
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SÜDOSTASIEN Rumoren im Reich der Inseln

Die Geiselnehmer von Jolo gehören zu einem Krisenbogen, der von Sumatra bis nach Mindanao reicht. Radikale Muslime wollen dort den Gottesstaat.
Von Jürgen Kremb
• aus DER SPIEGEL 33/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Höfisch nach vorn gebeugt, näherte sich der Adjutant dem schlafenden Präsidenten. Es dauerte ein Weile, bis Abdurrahman Wahid, 60, zu sich kam. Erst schien dem fast blinden Staatenlenker gar nicht klar, dass er auf der Tribüne der Beratenden Volksversammlung in Jakarta eingenickt war.

Doch von Helfern geführt, trat er schließlich am Mittwochabend ans Rednerpult. »Nach all der Kritik, die in den letzten Tagen an meinem Arbeitsstil vorgetragen wurde«, sagte der Staatschef der mit 210 Millionen Einwohnern viertgrößten Nation der Welt, »habe ich mich entschlossen, meiner Stellvertreterin, Frau Megawati, fortan die Führung der täglichen Amtsgeschäfte zu überlassen.«

Wahids schlaftrunkener Rückzug verheißt wenig Gutes. Politisch gilt die Tochter von Staatsgründer Sukarno als äußerst unerfahren. Seit Beginn der gemeinsamen Amtszeit vor zehn Monaten hatte Wahid die Politikerin praktisch nur mit einer Aufgabe betraut: »Mega« sollte helfen, die Konflikte zwischen radikalen Muslimen und der christlichen Minderheit in Indonesien zu schlichten. Dabei hat Megawati aber kläglich versagt. Tausende starben auf dem tropischen Archipel bei religiösen und separatistisch motivierten Auseinandersetzungen.

Das könnte sich nicht nur für das Reich der 17 500 Inseln als gefährliches Menetekel erweisen, sondern bald zur Katastrophe für die ganze Region auswachsen.

Denn nicht im Nahen und Mittleren Osten leben die weitaus meisten Muslime, sondern in Süd- und Südostasien: insgesamt 570 Millionen - knapp 190 Millionen allein in Indonesien. Die meisten von ihnen sind Anhänger einer gemäßigten Linie des Islam. Doch an den Rändern der Glaubensgemeinschaften entsteht eine gefährliche Tendenz zur Radikalisierung und Militarisierung.

Zwischen Aceh in Sumatra, Jolo und Mindanao im Süden der Philippinen sowie Ambon auf den Molukken, den früheren Gewürzinseln, kämpft derzeit knapp ein Dutzend bewaffneter islamistischer Gruppen um die Unabhängigkeit. Sie massakrieren Christen und fordern einen Gottesstaat samt islamischer Gerichtsbarkeit.

Dabei ist die Kooperation der Splittergruppen über die Grenzen hinweg eher die Ausnahme. Doch auch das könnte bald Vergangenheit sein, wie vor kurzem der Anschlag auf die Residenz des philippinischen Botschafters in Jakarta bewies. Entweder wurde die Bombe von philippinischen Muslimen gelegt, vermutet die Polizei, oder indonesische Gesinnungsgenossen handelten in deren Auftrag.

Längst verfügen die Fundamentalisten über moderne Waffen, von Flugabwehrraketen bis zu weit reichenden Geschützen, die den ohnehin schlecht ausgerüsteten Armeen Südostasiens empfindliche Verluste zufügen können.

Auch über Nachwuchs brauchen sich die Radikalen keine Sorgen zu machen. Wegen der Armut und Verelendung im Nachlauf der Asienkrise sind mehr und mehr junge Männer und selbst Frauen - wie etwa in Aceh an der Nordspitze Sumatras - bereit, im Kampf für ein eigenes Land ihr Leben zu lassen. In Aceh sind die forderndsten Muslime Indonesiens beheimatet. Im Dezember 1976 rief dort Hasan di Tiro, Nachfahre des letzten Sultans, die Unabhängigkeit der Provinz aus, die reich an Erdgas ist. Mehr als 600 seiner schwer bewaffneten Guerrilla namens »Gam« (Bewegung Freies Aceh) erhielten seitdem eine militärische Ausbildung in Libyen. Bis zu 30 000 Acehnesen und Soldaten Jakartas sollen seit 1989 in dem Bürgerkrieg getötet worden sein.

Doch den Waffenstillstand, auf den die Guerrilla sich mit Präsident Wahid im Frühjahr geeinigt hat, nutzen die Dschungelkrieger jetzt aus, um ihre militärische Infrastruktur zu stärken.

Auch ist die Gam längst zum Nährboden weiterer Fundamentalistengruppen geworden. In Bogor, 60 Kilometer vor den Toren Jakartas, übten sich im April 3000 selbst ernannte »Dschihad«-Krieger in Karate und Wehrsport. Anschließend schwärmten sie auf Schiffen zum Heiligen Krieg auf die Molukken aus. Dort tobt seit 1999 ein Religionskonflikt zwischen Christen und Muslimen.

Die Zeitungen Jakartas nennen die Provinzhauptstadt Ambon das »Sarajevo Indonesiens«. Scharfschützen haben sich auf Hausdächern eingenistet und nehmen Christenviertel unter Beschuss.

Doch mittlerweile brennt das Feuer des radikalen Islam nicht nur in den Armenhäusern Südostasiens. Im nordwestmalaysischen Bundesstaat Perak stürmten Anfang Juli 15 Mitglieder der fundamentalistischen Sekte »al-Ma''una« zwei Armeedepots und entwendeten mehr als hundert Schnellfeuergewehre, Granatwerfer und Munition. Zwei ihrer nichtmuslimischen Geiseln wurden erschossen.

»Sie planten den Staatsstreich«, wetterte Malaysias Ministerpräsident Mahathir Mohamad. Beim Blick über die Inseln der Sulu-See ins Nachbarland Philippinen bekommt es der wegen seines autokratischen Führungsstils gefürchtete Premier mit der Angst zu tun.

Die vor ihrer spektakulären Geiselnahme vom Ostersonntag noch weithin unbekannte Terrorgruppe Abu Sayyaf hat dort nach philippinischen Polizeiangaben bisher 5,5 Millionen Dollar Lösegeld erpresst.

Ihr Anführer Galib Andang, alias Commander Robot, der noch immer die deutschen Geiseln Marc und Werner Wallert in seiner Gewalt hält, ist damit fast unangreifbar geworden. In den letzten Wochen erwarb Robot für seine gut 1700 Gefolgsleute M-16- und M-14-Schnellfeuergewehre und M-203-Granatwerfer.

»Dabei ist Abu Sayyaf im Vergleich zu uns bestenfalls eine kleine machtlose Splittergruppe«, brüstet sich Shariff Julabbi, 54, Sprecher der Moro Islamic Liberation Front (MILF). Die MILF kämpft seit 1984 für die Einrichtung eines islamischen Staats auf Mindanao. Das führte zu einem Dschungelkrieg, in dem seit den Tagen der Marcos-Diktatur 120 000 Menschen ums Leben gekommen sind. Nach Ansicht von Experten verfügt diese Guerrilla über gut 15 000 schwer bewaffnete Kämpfer.

Der Krieg hat vor allem sozioökonomische Ursachen. Die muslimische Bevölkerung Mindanaos fühlt sich von der katholischen Bevölkerungsmehrheit auf den Philippinen von ihrem Land verdrängt.

Als Friedensgespräche im April erneut scheiterten, erklärte Präsident Joseph Estrada der MILF den »umfassenden Krieg«. Seitdem sind auf beiden Seiten mehr als 2000 Gefallene zu beklagen, 100 000 Menschen befinden sich auf der Flucht.

»Die südlichen Philippinen stehen am Rande eines Krieges«, befürchtet das englische Militärfachblatt »Jane''s Intelligence Review«. Beobachter bezweifeln auch, dass es der Regierung wirklich gelungen sei, unter Einsatz von Hubschraubern und Kampfbombern das gut hundert Quadratkilometer große Dschungelgebiet der MILF - Camp Abubakar - dem Erdboden gleichzumachen. »Der Krieg ist lange nicht vorüber«, sagt die Autorin Marites Vitug. »Die MILF hat ihren Kampf von konventioneller Kriegführung lediglich auf Guerrillataktik umgestellt.«

Vor seiner Flucht ins ägyptische Exil erklärte MILF-Führer Haschim Salamat im Juli Manila den Heiligen Krieg der 4 Millionen Moros gegen die 60 Millionen katholischen Filipinos. Seitdem vergeht kaum ein Tag mehr in der Inselrepublik ohne Terroranschläge. JÜRGEN KREMB

* Am vorigen Mittwoch in der Beratenden Volksversammlung inJakarta.

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