Ruppige Annäherung
Der Gastgeber reagierte haargenau, wie seine Gäste erwartet hatten: Ärgerlich dementierten Anfang Oktober nordkoreanische Diplomaten Behauptungen ihrer Besucher aus Washington, Pjöngjang arbeite - wider alle Vereinbarungen und Zusicherungen - weiter an Atomwaffen. Doch das Dementi hielt kaum 24 Stunden.
Schon tags darauf und völlig unerwartet bestätigte der Vizeaußenminister der Steinzeitkommunisten, Kang Sok Joo, den amerikanischen Verdacht: Ja, Nordkorea verfüge über ein Programm zur Anreicherung von Uran - einer der beiden Königswege zum Bau eigener Atomwaffen.
Zugleich kündigte Pjöngjang gegenüber US-Sonderbotschafter James Kelly die Genfer Vereinbarung von 1994 auf. Darin hatte sich Nordkorea bereit erklärt, auf die Entwicklung von Atomwaffen zu verzichten. Im Gegenzug hatten die USA Pjöngjang den Bau zweier Leichtwasser-Reaktoren sowie jährliche Öllieferungen von einer halben Million Tonnen zugesagt.
Doch statt auf Krieg setzt Washington im Fall Pjöngjang lieber auf Diplomatie. Ein Waffengang auf der Halbinsel würde nicht nur die 37 000 US-Soldaten gefährden, die dort stationiert sind. Eine militärische Strafaktion der Supermacht Amerika würde zudem unweigerlich in eine Konfrontation mit Pjöngjangs Schutzmacht China führen - ein Alptraum für die ganze Region.
Schon früher hatte der stalinistische Überlebenskünstler Kim Jong Il und sein mittlerweile verstorbener Vater mit der atomaren Keule gedroht: 1993 wollte Nordkorea aus dem Atomwaffensperrvertrag aussteigen und ertrotzte sich damit die Zusagen des Genfer Abkommens. Bereits damals, nach dem Zerfall der verbündeten Sowjetunion, stand die Kim-Dynastie vor dem Ruin. Die jährlichen Öllieferungen der USA hielten das isolierte Regime am Leben - trotz der schweren Versorgungskrise, in deren Verlauf rund zwei Millionen von Kims Untertanen verhungert sein sollen.
Seitdem muss Kim verstärkt um die Zukunft seines maroden Regimes bangen. Vom kapitalistischen Süden hat er kaum Hilfe zu erwarten. Präsident Kim Dae Jung, durch Korruptionsskandale politisch angeschlagen, kann bei den Wahlen am 19. Dezember nicht wieder kandidieren. Seine Sonnenscheinpolitik ist im eigenen Land umstritten.
Mit dem reichen Japan vereinbarte Diktator Kim zwar Gespräche über die Normalisierung der Beziehungen. Doch bis die einstige Kolonialmacht - wie von Kim gefordert - Milliarden Dollar an Wiedergutmachung leistet, dürfte noch längere Zeit vergehen.
Bleiben nur die USA - seit Jahren der eigentliche Adressat nordkoreanischer Hoffnungen. Dass Kim die Existenz seines Nuklearprogramms gleichsam offiziell besiegelte, deuten Fachleute in Seoul als ruppigen Annäherungsversuch des Führers, um die Supermacht zur Aufnahme von Beziehungen zu drängen.
Das Atomprogramm ist praktisch das letzte Druckmittel, das Kim noch besitzt, um von den USA als Gefahr ernst genommen zu werden.
Damit, dass die USA Nordkoreas atomares Geständnis ausgerechnet jetzt enthüllen, warnen sie vor allem die verbündeten Japaner: Washington fürchtet, dass Tokio sich mit Nordkorea über eine Normalisierung ihrer Beziehungen einigt, ohne die USA zuvor gebührend um Rat zu fragen.
Dazu jedoch müsste Washington erst einmal selbst genau wissen, wie es künftig mit Nordkorea umspringen will.
WIELAND WAGNER