USA / VIETNAM-POLITIK S. o. b.
Im Haus Nummer 1600 an der Pennsylvania Avenue zu Washington knallten die Türen. Der Hausherr hatte seinen Gast beleidigt.
»Das Blut amerikanischer Jungen«, so US-Präsident Lyndon Baines Johnson, »wird an Ihren Händen kleben. Wenn Sie so weiterreden, werden Sie innerhalb von sechs Monaten in diesem Land keine politische Zukunft mehr haben.« Und: »Ich will Ihre Meinung über Vietnam nie mehr hören.«
Johnson-Gast Robert ("Bobby") Kennedy verbat sich den rüden Ton: »Ich muß hier nicht sitzen und mir diese Scheiße anhören.« Laut »Time« nannte er den Präsidenten gar einen Hurensohn (son of a bitch -- »s. o. b.") und stürzte dann aus dem Zimmer.
Der seit langem schwelende Konflikt zwischen dem derben Texas-Rancher und dem Harvard-Absolventen entflammte in den vergangenen Wochen zur »offenen Schlacht« ("Newsweek").
Nach Meinung des Oberbefehlshabers Johnson gibt es »keine andere Möglichkeit«, Hanoi an den Verhandlungstisch zu bringen, als durch militärischen Druck. Robert Kennedy glaubt, die Einstellung der amerikanischen Bombenangriffe auf Nordvietnam würde die Kommunisten zu Friedensgesprächen bewegen.
Bobby-Bruder Edward, Senator des US-Bundesstaates Massachusetts und wie alle Kennedys ein Gegner des derzeitigen Staatsoberhauptes, schürte das Feuer gegen den Präsidenten mit. In Boston prophezeite er, Johnson und die Demokraten würden 1968 die Präsidentschaftswahlen verlieren, falls der Krieg bis dahin nicht beendet sei.
Lediglich 40 Prozent der US-Bevölkerung, so ermittelte Meinungsforscher Louis Harns unlängst, sind mit der Kriegführung Johnsons einverstanden; 15 Prozent fordern -- wie Kennedy -- die Einstellung der Bombenangriffe. Der Senator aus New York, von Johnson stets als »dieser Junge« abqualifiziert, nutzt die lückenhafte Rückendeckung des Präsidenten an der Heimatfront.
Mehrere Monate lang feilte er an dem Manuskript für eine Vietnam-Rede im Kongreß. Auf einer Europareise machte er sich mit den Gedanken der amerikanischen Verbündeten vertraut.
In Paris habe er, so wird in Washington kolportiert, Friedensfühler aus Nordvietnam verspürt. Das geheime Angebot Hanois habe schließlich den offenen Krieg zwischen Johnson und Kennedy ausgelöst.
Die Ex-Präsidentenberater, Historiker Arthur Schlesinger und Schriftsteller Richard Goodwin, zahlreiche Professoren und der Kennedy-Stab im Washingtoner Senatsbüro leisteten ihm für den Vietnam-Vortrag Schützenhilfe. Sie lieferten Ideen, Zahlen und Analysen.
Lyndon Baines Johnson fürchtete die Rede des Senators, der bis spätestens 1972 das politische Erbe Johnsons antreten möchte. Er glaube, so ließ er Kennedy einen Tag vor dem Redetermin durch einen hohen Beamten des Außenministeriums mitteilen, daß Hanoi durch die Kennedy-Ausführungen möglicherweise in der unnachgiebigen Haltung bestärkt werde. Die US-Regierung, so erfuhr Kennedy weiter, werde ihm dankbar sein, falls er das Vietnam-Thema vorläufig ruhen lasse.
Kennedy lehnte das Ansinnen ab. Erst wenige Stunden vor dem Vortrag schickte er dem Regierungschef das 6000 Worte umfassende Rede-Manuskript. Freunde und Journalisten hatten es früher erhalten.
Johnson beeilte sich, das Interesse der Öffentlichkeit von dem Kennedy-Vortrag abzulenken. Er hielt zwei Ansprachen, bat Kongreßabgeordnete zu einem Empfang, sprach auf einer Pressekonferenz und verriet den Journalisten schließlich eine schlagzeilenraubende Neuigkeit: Die Sowjets hätten sich bereit erklärt, über die Einschränkung des Raketen-Wettrüstens zu verhandeln.
Das Ablenkungsmanöver mißlang. Die 45-Minuten-Rede des Senators beherrschte die Schlagzeilen der meisten US-Zeitungen.
Der Senator schwenkte in seiner Rede auf den Kurs des Uno-Generalsekretärs U Thant ein und folgte einer Empfehlung des Papstes: Er verlangte erneut das Ende der Bombardierung Nordvietnams, Verhandlungen »innerhalb einer Woche« und die Berücksichtigung aller politischen Gruppen -- einschließlich des Vietcong.
Aus Südvietnam meldete sogleich der Oberbefehlshaber der dort stationierten US-Truppen, General Westmoreland, Bedenken an. Die von Kennedy geforderte Bombardierungspause »werde viele zusätzliche Leben kosten und wahrscheinlich den Krieg verlängern«. Der republikanische Ex-Vizepräsident Richard Nixon bezeichnete Kennedy als »völlig verrückt«. Präsident Johnson antwortete auf die Kennedy-Vorschläge, indem er die Eskalations-Schraube noch fester anzog.
Anfang letzter Woche beriet der Präsident auf der Pazifikinsel Guam mit Ministern, Botschaftern und Generalen sowie Südvietnams Premier Ky über den künftigen Kriegs-Kurs. Die Kommunisten, so beschloß die Konferenzrunde, sollen durch eine weitere Verschärfung des Krieges in die Knie gezwungen werden.
Nach der Rückkehr des Regierungschefs nach Washington attackierte Kennedy seinen Kontrahenten erneut.
Vizepräsident Hubert Humphrey bagatellisierte die Gegensätze zwischen der Kennedy- und Johnson-Politik als »Meinungsverschiedenheiten über Details«. Und der Führer der demokratischen Senatsfraktion, Mike Mansfield, versuchte die Parteianhänger mit dem Hinweis zu beruhigen, die Kennedy-Ausführungen bedeuteten keinen »Bruch zwischen der Regierung und dem Senator aus New York«. Dazu »Time": »Er war mit seiner Ansicht fast allein.«