Schweiz Sack Dynamit
Als es ihm draußen »zu lärmig« wurde, griff Parlamentspräsident Paul Schmidhalter zu einem bewährten Mittel: Er rief die Polizei.
Mit Tränengas und Gummischrot vertrieben die Ordnungshüter vorigen Mittwoch die wildesten von etwa 500 Demonstrantinnen. Sie hatten das Bundeshaus mit Eiern und Farbbeuteln, die Politiker mit Schneebällen beworfen. Die Volksvertreter mußten sich durch Nebenausgänge an ihre Mittagstische schleichen.
Ausgelöst hatte den Wirbel die Mehrzahl der männlichen Abgeordneten. Sie stimmte gegen eine Frau als Bundesrätin - vorgeschlagen war die Genfer Rechtsanwältin Christiane Brunner, 45 - und wählte an ihrer Stelle Francis Matthey, 50, einen aschgrauen Sozialdemokraten aus Neuenburg.
Der ebenso tüchtige wie konturlose Kantons-Finanzminister paßt tatsächlich besser in das fahle Mittelmaß der überforderten, seit 1848 unverändert siebenköpfigen Schweizer Ministerrunde.
Die Sozialdemokratin Brunner wirkt im Vergleich zu ihrem Fraktionskollegen wie ein Energiebündel, vor dem sich biedere Politiker in Bern hätten in acht nehmen müssen. Sie ist Vorsitzende der Metall- und Uhrenarbeitergewerkschaft und obendrein, verdächtig genug, eine selbstbewußte Frau, die zwei Ehen und eine langjährige freie Beziehung dazwischen aufweist. Christiane Brunner sagt unverblümt ihre Meinung, und sie gab unverfroren zu, daß ihr ein kräftezehrendes Regierungsamt Spaß machen könnte.
Ihren Gegnern mißfällt die Genferin durch unschweizerisches Verhalten. Sie steht der Armee kritisch gegenüber, befürwortet die Fristenlösung und half 1991, einen landesweit befolgten Frauenstreiktag zu organisieren. »Frau Brunner«, erkannte Nationalrat Peter Tschopp, einer ihrer bürgerlichen Fans, »würde der Politklasse die Show stehlen.«
Die sonst duldsamen schweizerischen Sozialdemokraten empfinden das Wahldebakel als Ohrfeige. Ihren eben zum Bundesrat bestimmten Genossen Matthey verdonnerten sie, das Parlament um Bedenkzeit zu ersuchen. Erst in einer Woche, nach Rücksprache mit dem Parteivorstand, werde er erklären, ob er die Wahl annehme oder nicht.
Diese Demonstration von Parteidisziplin darf aber nicht täuschen: Die Sozialdemokraten befinden sich in einer überaus mißlichen Lage. Schicken sie Matthey nach der Denkpause in die Regierung, akzeptieren sie in den Augen der Parteibasis und zahlloser Frauen die Demütigung durch ihre bürgerlichen Koalitionspartner: Christdemokraten, Freisinnige und die Schweizerische Volkspartei. Erzwingen sie - nach einer Absage Mattheys - einen dritten Wahlgang mit ihrer Kandidatin, riskieren sie die weitere Beteiligung an der Regierung.
Die heillose Verwirrung der Politiker entspricht der Ratlosigkeit in großen Teilen der Schweizer Bevölkerung. Erzürnte Frauen forderten noch am mißglückten Wahltag zum Steuerstreik auf. Sie kündigten eine Gegenregierung an oder verlangten »einen Sack Dynamit«, um den »Männerbunker Bundeshaus« zu sprengen.
Das Land, beschrieb die Weltwoche die Lage, erlebe vielleicht »die Implosion des Systems«.