»Sag einfach Schalom«
Als ich am 21. Dezember 1977 aus Ägypten zurückkam, wurde ich in Jerusalem mit einer Mischung aus Neugier und Mißtrauen erwartet. Meine Kabinettskollegen stürzten sich auf mich, um zu erfahren, welche Eindrücke ich aus Ismailia und Kairo mitgebracht hatte. Manche wollten die trivialsten Einzelheiten wissen, so, als wäre ich gerade von einer Vergnügungsreise zurückgekommen.
Ich berichtete genau, wie die Gespräche mit Staatspräsident Sadat und Kriegsminister Gamasi verlaufen waren, das Positive und das Negative. Meine Kollegen konzentrierten sich mehr auf die negativen Punkte. Ihr Mißtrauen zeigte sich schon bald darin, wie sie den ägyptischen Präsidenten charakterisierten -- als verschroben, sprunghaft, unberechenbar.
Die Mitglieder des Verteidigungsapparates versammelte ich zu einem Meinungsaustausch. Sie erfuhren meine Eindrücke und alle Informationen, die von Belang waren. Während meiner militärischen Dienstjahre war mir dergleichen Stabsarbeit zur zweiten Natur geworden.
Ich hoffte, das Kabinett würde das gleiche tun und alle verfügbaren Experten zusammenholen, damit sie ihre Ansichten austauschten und eine politische Linie formulierten. Schließlich ging es um Ereignisse von höchster historischer Bedeutung, und da Ministerpräsident Menachem Begin in seiner unnachahmlichen Rhetorik wiederholt die geschichtliche Dimension hervorhob, erwartete ich, daß er sich meinem Beispiel anschließen würde.
Ich sollte bald feststellen, daß ich mich getäuscht hatte.
Bei der Formulierung seiner Vorschläge für eine arabische Selbstverwaltung der West Bank ließ Begin äußerste Geheimhaltung walten und befand es für richtig, nur eine Handvoll Leute einzuweihen. Andere -- wie beispielsweise sein eigener Berater für arabische Angelegenheiten -- wurden nicht einmal zu Rate gezogen.
Begin ist kein Mann, der wirklich mit dem Kabinett zusammenarbeitet; er regiert nur über das Ministerpräsidentenamt.
Politische Führer dieses Schlages brauchen keine Berater, ihnen genügen Gehilfen. Begin ist außerstande, Meinungen oder Vorschläge in Erwägung zu ziehen, die sich nicht in seine eigene Grundphilosophie einfügen. Die Leute in Begins unmittelbarer Umgebung tragen weder alternative Anregungen noch verschiedene differenzierte Alternativen bei.
Dies geht zum Teil auf die Erfahrungen zurück, die sie in der Vergangenheit gemacht haben und die sie lehrten, daß solche Alternativideen keine Aussichten haben, akzeptiert zu werden; doch der Hauptgrund liegt darin, daß Begin sich Mitarbeiter von einem ganz speziellen menschlichen und politischen Zuschnitt ausgewählt hat.
Sie denken wie er. Sie haben gelernt, Begins Wünsche zu erraten, und versuchen einander darin zu überbieten, Vorschläge zu machen, die nach dem Geschmack des Ministerpräsidenten sind und deshalb zwangsläufig seinen Beifall finden.
Begins Regierungsstil forderte in dem Augenblick seinen Preis, als Israel Kurs auf einen Frieden nahm. Sein unerschütterliches Festhalten an der Idee, die West Bank und der Gaza-Streifen S.186 müßten auf Dauer unter israelischer Herrschaft bleiben, führte ihn zu seinem Autonomieplan.
Es erscheint vielleicht paradox, daß ein Mann wie Begin, der sich den national-historischen Grenzen des Landes Israel so kompromißlos verpflichtet fühlt, einen Plan ersinnen konnte, in dem manche den ersten Schritt zur Errichtung eines Palästinenserstaates sahen.
Tatsächlich aber verhielt Begin sich nur konsequent. Er sah in einer Autonomie nicht den Anfang einer arabischen Selbstregierung, sondern das Mittel, einen israelischen Rückzug zu verhindern. Und er zog niemanden zu Rate, der möglicherweise die Absicht hätte haben können, ihn von seinen Ansichten abzubringen.
Als er am Vorabend seiner Abreise nach Washington, im Dezember 1977, seinen Plan enthüllte, war nicht nur die israelische Öffentlichkeit, sondern auch sein eigenes Kabinett überrascht. Kaum einer der Minister hatte von dem Plan auch nur andeutungsweise gewußt. Er wurde dem Kabinett fix und fertig hingeworfen, wodurch auch die kleinsten Änderungen zu einer schwierigen Sache wurden.
Der Stabschef war nicht zu Rate gezogen worden, nicht einmal, was die Sicherheitsaspekte des Plans betraf. Begin unterbreitete die Vorschläge, 26 Punkte zu der Frage, welches Beratungsgremium für die West Bank gewählt werden, welche Hilfsmaßnahmen man ergreifen sollte und anderes mehr -- und akzeptierte dann auch prompt seine eigenen Empfehlungen.
»Ein genialer Plan!« urteilte Jigal Jadin, der stellvertretende Ministerpräsident. Ich teilte seine Begeisterung nicht. Ich wußte, daß die Ägypter ihn in seiner Gesamtheit nicht akzeptieren würden. Weder Sadat noch Carter hatten von Autonomie gesprochen, sondern von einer Lösung des Palästinenserproblems.
Der Ministerpräsident reiste mit seinem Autonomieplan nach Washington und legte ihn tatsächlich Präsident Carter vor -- als Vorschlag für eine Regelung einer Zwischenphase auf dem Weg zur Annexion.
Doch als Carters Berater den Plan analysierten, sahen sie darin etwas ganz anderes. Nach ihrer Auffassung würde die Gewährung einer Autonomie für die Araber in der West Bank und im Gaza-Streifen schließlich zur Gründung eines Palästinenserstaates führen.
Dies war vielleicht der Grund, warum sie sich spontan für den Plan aussprachen. Menachem Begin ging in die Falle und kehrte, jubelnd und stolz auf seinen Erfolg, aus Amerika zurück.
»Alle, die den Plan gesehen haben, lobten ihn in den höchsten Tönen«, erklärte er wiederholt. Und über Carter sagte er: »Seit meinem Lehrer Jabotinsky bin ich keinem solchen Geist mehr begegnet.«
Tatsächlich aber hatte Carter nur gesagt: »Der Plan ist sehr interessant.« Jeder interpretierte den anderen verkehrt -- und die Folgen dieses Mißverständnisses traten dann in Camp David zutage.
Ein paar Tage später, am 25. Dezember 1977, brach Begin nach Ismailia auf, zu seiner zweiten Zusammenkunft mit dem ägyptischen Präsidenten.
Sadat und Begin vereinbarten zwar die Einsetzung eines politischen und eines militärischen Ausschusses, aber in den wesentlichen Fragen wurde kein Fortschritt erzielt. Beide Seiten beharrten hartnäckig auf ihren Standpunkten: Die Konferenz von Ismailia endete als Fehlschlag. Außerdem hatte sie die grellen Gegensätze zwischen den Führern beider Seiten scharf beleuchtet.
Als unsere vorbereitenden Kontakte mit den Ägyptern ergaben, daß wir wahrscheinlich viel vom Sinai würden aufgeben müssen, wenn nicht sogar die ganze Halbinsel, schlug Agrarminister Arik Scharon vor, rasch für »vollendete Tatsachen« zu sorgen. Woran er dachte, waren praktisch nur Scheinsiedlungen.
Er wollte Wohnwagen stationieren, Wassertürme bauen und Verteidigungsstellungen ausheben -- und diese Anlagen jeweils zu Siedlungen erklären.
Meine Kollegen waren mit Scharon sofort einverstanden. Die vorherrschende Meinung war: Wenn die Ägypter unsere »Kolonisation« hinnahmen, hatten wir gewonnen; wenn sie aber die neuen »Siedlungen« nicht duldeten, konnte Israel sie -- als generöse Geste -- aufgeben gegen das Recht, die bereits vorhandenen Siedlungen zu behalten.
Ich äußerte energisch Widerspruch. Ich war höchstens bereit, die vorhandenen Rafah-Siedlungen zu verstärken. Dabei konnte ich entmutigende Vergleiche zwischen der Haltung, die Scharons Vorschlägen zugrunde lag, und der von Sadat nicht zurückhalten.
Der ägyptische Präsident sprach vom »großen Geschäft« -- und wir verloren uns in Kleinigkeiten, noch dazu solchen, die den ganzen Friedensprozeß vereiteln konnten. Das war schlimmer als Kurzsichtigkeit: Ich sah darin einen monströsen Versuch, den Friedensprozeß zu unterlaufen, und bewußtes Ignorieren des neuen Verhältnisses zwischen Israel und Ägypten, das eben erst entstand.
»Ich schlage vor, daß wir Scharons Vorschlag einstimmig annehmen«, sagte Begin. Er, Dajan und Jigal Hurwitz, damals Handels- und Industrieminister, unterstützten Scharons Vorschlag. Jadin und Simcha Ehrlich, damals Finanzminister, enthielten sich der Stimme. Die Würfel waren gefallen.
Mit Hilfe eines Privatunternehmens ließ Scharon Wasserbohrtürme und alte Busse an verschiedenen Orten des Sinai aufstellen -- und zwar an Plätzen, von denen wir den Ägyptern ausdrücklich gesagt hatten, wir seien bereit, sie zurückzugeben. Der Boden um das Gelände wurde aufgepflügt, um unsere S.188 Absicht, Anspruch auf die Sanddünen zu erheben, noch stärker zu unterstreichen. Beduinenposten bewachten das Gelände.
In der Wüste bleibt nichts geheim. Die örtlichen Beduinenstämme beobachteten die Arbeiten und beeilten sich, den ägyptischen Geheimdienst zu informieren. Gleichzeitig erfuhren die Amerikaner durch Satellitenaufnahmen, was sich dort abspielte. Die Ägypter sagten immer noch nichts.
Aber dann gab der israelische Rundfunk das Geheimnis preis, und die Hölle brach los. Die ägyptische Presse stellte Fragen. Präsident Carter explodierte vor Wut und schrieb Begin einen gepfefferten Brief: Die Amerikaner verlangten eine Erklärung.
Auch innerhalb Israels wütete der Sturm. Viele Leute warfen der Regierung vor, die Friedensbemühungen zu sabotieren. Minister wurden als Trottel hingestellt. Begin geriet ins Kreuzfeuer, der Hauptvorwurf fiel allerdings auf Scharon.
Das war absolut ungerechtfertigt -das Kabinett hatte den Beschluß ja gebilligt. Aber Begin schwieg; er sah zu, wie die Medien einen Angriff nach dem anderen auf Scharon starteten. Die Glaubwürdigkeit des Ministerpräsidenten sank auf einen neuen Tiefpunkt.
Noch ehe die Welt diesen Zwischenfall ganz hatte verdauen können, gab es einen neuen Aufschrei, als die Nachricht von einem Plan, weitere Siedlungen im Sinai zu errichten, in die Medien sickerte.
Ich war wie vom Donner gerührt. Niemand hatte eine solche Entscheidung genehmigt; sie hatte dem Kabinett nicht einmal zur Erwägung vorgelegen. Hatten denn meine Kollegen nichts aus den Reaktionen in Israel und im Ausland auf ihr vorheriges Husarenstück gelernt?
Ich äußerte mit schonungsloser Offenheit Widerspruch, ohne sonderlich auf die Wahl meiner Worte zu achten. Ich sagte meinen Kollegen, wenn wir darauf aus seien, »vollendete Tatsachen« zu schaffen, könnten wir den Ägyptern nicht erzählen, wir seien bereit, ihnen die Sinai-Halbinsel zurückzugeben.
Ich blieb dabei, daß unsere Bemühungen darauf zielen sollten, die Rafah-Siedlungen und die Flugplätze zu behalten. Ich sah dies als potentiell erreichbares Ziel -- vorausgesetzt, wir setzten unsere Energien für diese Verhandlungen ein und verschwendeten sie nicht für Phantom-»Fakten«.
Im letzten Monat noch nach ein bißchen mehr Land zu grapschen, barg die Gefahr, unsere Verhandlungsposition in der Frage der Rafah-Siedlungen zu schwächen, anstatt sie zu stärken.
Die Ägypter waren außer sich. Ihre Presse beschimpfte Begin, veröffentlichte diskreditierende Karikaturen mit antisemitischen Parolen, auf denen Israels Ministerpräsident als Shylock dargestellt war.
Die Amerikaner machten aus ihrer Enttäuschung kein Hehl. Washington sah in den Phantom-Siedlungen den kleinkarierten und nur allzu durchsichtigen Versuch, die amerikanische Regierung ebenso wie den ägyptischen Präsidenten zum Narren zu halten.
Das Weiße Haus überschwemmte die amerikanische Presse mit Material, aus dem hervorging, daß Carter Israels Besiedlung der besetzten Gebiete ablehnte.
Auch von den Medien des Westens sah sich Israel angeklagt. Die windigen Türme und rostigen Busse wurden zum Lieblingsmotiv der Photographen, die Aufnahmen wurden über Satellit in jedes Haus auf der ganzen Welt übertragen. Auf den Bildschirmen erschienen sie als Monumente israelischer Halsstarrigkeit und als Zeichen der Unfähigkeit unserer Führer, die ungeheure Bedeutung der Gelegenheit zu begreifen, die uns durch die Friedensinitiative geboten wurde.
Wieder einmal stand Sadats Großmut im Rampenlicht. Gegen das israelische Vorgehen, das weltweit als Provokation um der Provokation willen gesehen wurde, nahm sich Sadats unnachgiebige Forderung, den Sinai zu räumen, wie eine bloße Formalität aus. Seine Beliebtheit im Westen, vor allem in den Vereinigten Staaten, drängte Israel völlig in den Hintergrund.
Unter diesen Umständen konnte es sich Sadat leisten, seinen Anspruch in Form eines scharfen Ultimatums zu artikulieren: »Nicht eine einzige israelische Siedlung soll im Sinai bleiben!«
In dieser Atmosphäre gegenseitiger Beschuldigungen und erneuten Mißtrauens begannen wir mit den Vorbereitungen für die Konferenzen der Militärkommission in Kairo und der politischen Kommission in Jerusalem. S.189
Das erste Treffen der Militärkommission in Kairo war für Mitte Januar 1978 angesetzt. Dort sollten die israelischen Verteidigungseinrichtungen im Südabschnitt diskutiert werden. Niemand konnte wissen, wie sich die Dinge am Konferenztisch entwickeln würden.
Bei den Verhandlungen der Militärkommission in Kairo schien man in drei Punkten einer Einigung nahe zu sein: auf beiden Seiten der Grenze eine Pufferzone, eine entmilitarisierte Zone und möglicherweise eine militärisch verdünnte Zone. Doch die Verhandlungen der politischen Kommission in Jerusalem scheiterten.
Paradoxerweise war es ein kriegerisches Manöver Israels, das mich davon überzeugte, daß Ägypten wirklich am Frieden interessiert war. Wir starteten im Libanon das Unternehmen Litani, die größte Operation unserer Streitkräfte seit dem Ende des Jom-Kippur-Kriegs. Sie war die Antwort auf den Überfall palästinensischer Terroristen auf die Küstenstraße Haifa--Tel Aviv am 11. März 1978. Sie fand vielleicht nicht den Beifall der Ägypter, doch fühlten sie sich auch nicht bemüßigt, uns -wie früher -- mit Flüchen und Beschimpfungen einzudecken. Zum erstenmal schwieg Kairo zu einer israelischen Militäroperation.
Wir hätten dies als selbstverständlich betrachten können, doch hielt ich es nur für recht und billig, die Ägypter wissen zu lassen, daß wir den Wandel ihrer Politik und ihres Verhaltens zu würdigen wußten.
Dem ausführlichen Lagebericht, der dem ägyptischen Kriegsminister über unsere libanesische Operation zuging, fügte ich ein paar Zeilen hinzu: »Wir verfolgen Ihre Ansichten und Äußerungen im Hinblick auf die neue Krise«, schrieb ich. »Wir sind erfreut über die von Ihnen gezeigte Zurückhaltung.«
Nicht alle meine Kabinettskollegen sahen die Sache wie ich. Einige hielten Sadats Verhalten sogar für völlig normal und ganz alltäglich, so, als ob er eigentlich schon immer so hätte handeln müssen.
In privaten Gesprächen mit mehreren meiner Kollegen strich ich heraus, wie sehr die Operation im Libanon Sadats Zwangslage innerhalb des arabischen Lagers noch verschärft hatte. Doch ich konnte sie nicht dazu bewegen, die Zurückhaltung Ägyptens anzuerkennen.
Für mich aber waren die jüngsten Ereignisse ein wichtiger Test für die künftigen Beziehungen zwischen Ägypten und Israel. »Eine der wichtigsten Fragen für die von mir erzielte Vereinbarung«, bemerkte ich während unserer Gespräche, »ist, ob dieses Abkommen dem Druck der Ereignisse in anderen Gebieten standhält und wirksam bleibt.«
»Na, großartig!« war der höhnische Kommentar eines Ministers.
Meine wachsende Neigung, das Positive an unseren Friedenskontakten zu sehen, brachte einige Minister gegen mich auf und machte mich zur Zielscheibe von Anschuldigungen oder dummen Witzen, und zwar immer dann, wenn in Kairo irgendein Unsinn bekannt wurde.
Einige Minister reagierten auf mich, als sei ich ägyptischer Botschafter in Jerusalem, Ombudsmann und Heiler jedes Gebrechens der Friedensgespräche in einer Person.
»Sie wissen doch sicher, was Sadat mit Folgendem gemeint hat ...« Derlei maliziöse Fragen wurden mir immer dann gestellt, wenn der ägyptische Präsident einmal einen härteren Ton anschlug oder seine Angriffe und Beschuldigungen steigerte.
Man konnte den Kabinettsmitgliedern kaum einen Vorwurf machen. Im großen und ganzen hatten sie wenig Einfluß auf die Friedensgespräche. Da sie häufig erst nach einem Beschluß oder kurz zuvor darüber informiert wurden, war ihnen jede Gelegenheit genommen, die von Premier und Außenminister -- häufig auch von mir -- gefällten Entscheidungen zu ändern oder hinauszuzögern.
Ende März 1978 schien der Friede wieder einmal in Gefahr. Kairo, Jerusalem und Washington wetteiferten geradezu miteinander, jeden nur erdenklichen Fehler zu begehen.
Ich wußte wenig von den Überlegungen und Lagebeurteilungen, durch die sich Ägypten und die USA leiten ließen, doch schienen in Jerusalem personelle Faktoren die nationalen Überlegungen im Entscheidungsprozeß stark zu färben. Ich war einer der Beteiligten an diesem Prozeß, eine Seite des durch Begin und Dajan vervollständigten Dreiecks.
Wie zu erwarten, zeigte die amerikanische Hauptstadt Menachem Begin und Mosche Dajan die kalte Schulter, als die beiden im März 1978 zu ihrem Treffen mit Carter ins Weiße Haus kamen. Der farbenfrohe Empfang für die beiden -- auf dem Rasen des Weißen Hauses, zu den Klängen der israelischen Nationalhymne -- konnte die schrillen Akkorde nicht übertönen, die von der Regierung und vom Präsidenten kamen.
Mein kurzer Aufenthalt in Washington hatte mich gelehrt, daß die Melodien des politischen Orchesters im Weißen Haus ziemlich kräftige Mißtöne enthalten konnten.
Der ägyptische Präsident war zu einer Übereinkunft mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten gelangt; Begin hingegen, der seine Amtszeit mit der stolzen Erklärung begonnen hatte, es bestehe kein weiterer Bedarf nach strategischer Koordinierung mit dem Weißen Haus, sah sich jetzt einer Koalition zwischen Carter und Sadat gegenüber.
Carters Statements hatten sich im Tonfall wie im Inhalt geändert. Nicht zufrieden mit seiner Rolle als ehrlicher Makler, versuchte er nun, den Verlauf der Verhandlungen zu beeinflussen, S.190 und bot Lösungen an, die den Vorschlägen Sadats entsprachen.
Begin war fix und fertig, als er Washington verließ, um nach Israel zurückzufliegen. Vorher war er so stolz darauf gewesen, daß Carter seinen Friedensplan befürwortet hatte, jetzt aber schilderte ein ernüchterter Begin die Gespräche mit dem US-Präsidenten als »die schwersten meines Lebens«.
Carter und Begin hatten einander damit gedroht, das einzusetzen, was jeder als seine eigene Geheimwaffe betrachtete: das Repräsentantenhaus, den Senat, die amerikanischen Juden.
Präsident Sadats Erfolg bei seinem Versuch, Carter und die öffentliche Meinung Amerikas in seinen Bann zu ziehen, blieb nicht ohne Wirkung auf die jüdische Gemeinschaft. Vielleicht zum erstenmal fingen viele Führer der amerikanischen Juden an, Sadat und sein Land als die geschädigte Partei im Nahen Osten zu betrachten.
Angesichts der Tatsache, daß Sadat eine Position nach der anderen eroberte und mit Erfolg Israels bisherige starke Stellung untergrub, drängte ich meine Kabinettskollegen und den Vorsitzenden, ihre Handlungen zu überdenken. Doch niemand hörte auf mich.
Begin, der sich an jede einzelne Klausel und jeden Paragraphen seines Programms klammerte, weigerte sich, unsere schwierige internationale Lage auch nur in Betracht zu ziehen. Für den Ministerpräsidenten war die Sache einfach: Carter hatte den israelischen Plan befürwortet, und wenn er nun einen Schwenk unternommen hatte, dann war das sein Problem.
Der ägyptische Staatschef verlor allmählich die Geduld bei dem Schneckentempo, in dem die Gespräche vorankamen. Ich teilte seine Überzeugung, daß ein Vorantreiben der Friedensverhandlungen Vorteile bringen würde, nicht zuletzt auch gegenüber den anderen arabischen Staaten.
»Ezer!« flehte mich Sadat einmal fast an, »wenn wir es richtig anfangen, werden die Araber folgen. Ägypten ist immer noch der Führer der arabischen Welt, aber wenn wir nicht schnell in Richtung Frieden voranschreiten, werden wir auch diese Position einbüßen.«
Der Aufschrei aus den anderen arabischen Staaten, die Aktivitäten der PLO, das Wiederaufleben der innenpolitischen Opposition in Ägypten, die Ablehnung fast aller Vorschläge Sadats durch Israel -- das alles machte Sadats Position immer unhaltbarer.
Er wurde verbittert und verschlossen und ließ sogar von seiner Gewohnheit, sich gelegentlich unter das ägyptische Volk zu mischen. Die Anzahl der Leibwächter um ihn herum nahm zu. Wer ihn traf, erzählte, daß er verändert sei. Er habe den Schwung verloren.
Wie Sadat mußte ich zusehen, wie die letzten flackernden Hoffnungen auf Frieden erloschen, während ich daranging, unsere militärischen Aktionen im Libanon zu überwachen.
Ein chiffriertes Telegramm von unserer Militärmission in Kairo belebte meine Hoffnung wieder. Meine Kollegen im Oberkommando und im Verteidigungsministerium sahen zwar keine Aussichten für eine Wiederaufnahme der Friedensgespräche, solange unsere Streitkräfte aktive Operationen im Libanon durchführten, doch das streng geheime Telegramm warf alle unsere Prognosen über den Haufen: Der ägyptische Präsident forderte mich auf, ihn am 30. März 1978 zu einem Gespräch aufzusuchen.
Ich war außer mir vor Freude. Solange die Gespräche wieder aufgenommen wurden, bestand immer noch eine gewisse Hoffnung auf Frieden.
Ich rief den Ministerpräsidenten an und informierte ihn über die unerwartete Einladung. Am anderen Ende der Telephonleitung war ein wütender und beleidigter Begin, der sich erneut einer Verleumdungskampagne durch Ägyptens halbamtliche Presse ausgesetzt sah.
Begin meinte, daß da nichts zu machen sei. Sadat könne ihn nicht leiden -- Weizman sei ihm lieber.
Ich glaube, wenn es ihm möglich gewesen wäre, hätte der Ministerpräsident ein Veto gegen meine Reise nach Ägypten eingelegt. Doch konnten weder er noch seine Regierung sich das leisten. Statt dessen rief er die Minister zu einer Beratung zusammen.
Ministerielle »Konklaven« dieser Art waren erfahrungsgemäß von geringem Wert -- sie fanden in der Atmosphäre eines Debattierklubs statt. Begin gab jedem Gelegenheit, sich zu äußern, doch es war offensichtlich, daß er bereits im voraus eine Entscheidung getroffen hatte -- entweder allein oder zusammen mit Außenminister Dajan.
Ich ging auf diese Vorspiegelung von Demokratie ein und spielte dabei meine Rolle so, daß niemand einen Vorwand fand, die bevorstehenden Friedensgespräch zu durchkreuzen. In vielen Fällen waren diese Beratungen jedoch pure Zeitvergeudung.
Als mich Sadats chiffriertes Kabel erreicht hatte, war Kairo gerade Treffpunkt der arabischen Außenminister, die zu einer Konferenz der Arabischen Liga zusammengekommen waren. Eine Einladung an den israelischen Verteidigungsminister, während israelische Streitkräfte noch auf libanesischem Boden standen, war eine offene Herausforderung an die arabische Welt.
Wiederum hatte Sadat die Initiative ergriffen: Er blieb am Zug, steckte den Kurs fest und überrumpelte uns.
»Meine Herren!« sprach ich die Ministerrunde an. »Die Situation ist ziemlich heikel, und die Ägypter haben gebeten, das Treffen geheimzuhalten.«
Die Minister nickten; ein Zeichen, daß sie begriffen hatten. Ich hoffte, daß der Frieden ihnen wichtig genug war, sie wenigstens dies eine Mal davon abzuhalten, die Medien zu informieren.
»Was soll ich den Ägyptern sagen?« fuhr ich fort.
»Sag einfach ''Schalom''«, witzelte Finanzminister Ehrlich. Angesichts der politischen Klemme, in der wir steckten, war mir das Lachen vergangen. So viel Zeit war ohne direkte Kontakte zwischen uns und den Ägyptern vergangen, daß ich dachte, wir müßten wieder ganz von vorn beginnen.
»Der Verteidigungsminister muß bekräftigen, daß es keine Partei in Israel S.192 gibt, die einem Abbruch der Siedlungen zustimmen würde«, sagte Begin und schlug damit den unversöhnlichen Ton an, der die weitere Diskussion beherrschen sollte.
Begin: »Sagen Sie ihnen folgendes: ''Was Ihr Ägypter wollt, ist unser totaler Rückzug und die Errichtung eines palästinensischen Staates. Beides ist unannehmbar. Sind Sie bereit, irgendwelche anderen Bedingungen zu akzeptieren?''«
Ich machte mir klar, daß Begins schriller Ton zurückzuführen war auf den Druck, unter den er gesetzt wurde -- von Amerika, Ägypten, Europa und auch von der israelischen Innenpolitik. Die Spannung war groß, die Atmosphäre explosiv. Es war wichtig, die Bombe zu entschärfen.
»Soll ich ein Treffen zwischen Ihnen und Sadat vorschlagen?« fragte ich Begin. Der fuhr auf. »In diesem Stadium? Nein!« donnerte er. Dann rechtfertigte er seine Ablehnung damit, daß er glaube, der Vorschlag würde bestimmt zurückgewiesen und er selber nur zum Gespött gemacht.
Ich spürte, daß er mir nicht zutraute, bei der Begegnung etwas zu erreichen. In der Atmosphäre des Mißtrauens, die er nach und nach um mich schuf, konnte ich Begin wenig von Nutzen sein. Was hätte ich ihm sagen sollen? Daß ich ihn besser vertrat, als er sich vorstellen konnte? Daß mein letztes Treffen mit dem ägyptischen Präsidenten damit geendet hatte, daß Sadat sagte: »Helfen Sie Begin! Ich weiß, daß Sie ihm gegenüber loyal sind«?
Ich wiederholte meinen Vorschlag. Diesmal gab Begin nach. Zu meiner Erleichterung wurde ich ermächtigt, ausfindig zu machen, ob Sadat einen Besuch des israelischen Ministerpräsidenten in Ägypten begrüßen würde oder nicht.
Vom ersten Augenblick an hatte Jigal Hurwitz, Minister für Handel und Industrie, kein Vertrauen in Sadat gezeigt.
»Ezer ist nach Kairo eingeladen worden«, erklärte er, »weil sie glauben, daß er ihnen am nächsten steht. Er sollte von Sadat fordern, einen Modus zu finden, der uns nicht auf die Grenzen von 1967 zurückwirft. Nachdem Carter sich auf Ägyptens Seite geschlagen hat, hat Sadat hochfliegende Träume und lebt im Wolkenkuckucksheim. Sein Selbstvertrauen wird noch zunehmen, wenn ihn niemand zur Vernunft bringt.«
Glücklicherweise teilten nur wenige der Minister die unüberlegten Schwarzweiß-Meinungen von Hurwitz. Dennoch gab es ein gewisses Maß an -vielleicht mit Neid vermischtem --Mißtrauen gegen mich, das nicht offen zum Ausdruck kam.
Viele Minister beschwerten sich, daß meine Berichte über meine früheren Gespräche in Ägypten unvollständig gewesen seien. Andere beschuldigten mich, nebensächlichen Bemerkungen zu viel politische Bedeutung beizumessen.
Mosche Dajan schlug -- wie gewohnt -- von hinten zu. »Meiner Ansicht nach«, sagte er, »sollte sich Ezer überhaupt nicht auf Gespräche unter vier Augen einlassen. Ich zum Beispiel nehme immer einen Dritten mit.« Das war eine elegante Art, mir zu sagen, daß mein Wort in Zweifel gezogen werden könne.
Ich verstand den Wink. Wenn dies nicht bloß Dajans Meinung war, stand ich unter schwerem Verdacht. Was glaubten sie eigentlich, was ich Sadat bei unserem Treffen erzählen würde?
Sie wollen mich in flagranti ertappen, sagte ich mir. Ich mußte etwas unternehmen, um ihre Bedenken zu zerstreuen.
Ich hielt Umschau im Kabinettssaal, und mein Blick fiel auf den Mann zu meiner Rechten. »Ich schlage vor«, platzte ich spontan mit der Idee heraus, die mir durch den Kopf schoß, »daß Aharon Barak an meiner morgigen Besprechung mit Sadat teilnimmt.«
Schweigen breitete sich in der Runde aus.
Der Juraprofessor und Generalstaatsanwalt Aharon Barak war der Rechtsberater des Kabinetts. Er ist ein Mann von umfassender Gelehrsamkeit und beträchtlicher Unabhängigkeit, entschieden, energisch und fest in Grundsatzfragen. Mit Genugtuung hatte ich seinen politischen Einfluß von Tag zu Tag wachsen sehen, und zwar so sehr, daß manche Leute ihn -scherzhaft, doch mit gewissem Recht -- als »Generaldirektor des Staats« bezeichneten.
Wir hatten Barak von der vorigen Regierung geerbt, und ich bildete mir ein, daß das derzeitige Kabinett -- und die Atmosphäre während der Sitzungen -- nicht nach seinem Geschmack waren.
Aharon! dachte ich. Er wird mein Kronzeuge sein. »Wir sind uns einig, daß Professor Barak den Verteidigungsminister begleitet«, sagte der Regierungschef mit unverhohlener Genugtuung.
Bei unseren Gesprächen am 30. und 31. März 1978 in Kairo unterstützte Sadat das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser und forderte eine Volksabstimmung.
Doch bald trat eine neue Schwierigkeit auf: Die Amerikaner wollten den Palästinensern die Volksabstimmung zugestehen -- ein Gedanke, den Begin schon bei seinen Gesprächen mit Carter abgelehnt hatte.
US-Außenminister Vance hatte darüber hinaus mit Wissen und Billigung Carters der israelischen Regierung zwei Fragen vorgelegt:
Ob wir bereit seien, den endgültigen Status der West Bank und des Gaza-Streifens nach der fünfjährigen Interimsperiode festzulegen?
Wenn ja, welches Verfahren schlage Israel hierfür vor?
Ich war vom Ausmaß des amerikanischen Engagements im Friedensprozeß nie sonderlich begeistert gewesen. »Carter handelt in Sadats Auftrag!« sagte ich vor dem Kabinett. »Warum sollen wir also unsere Antwort dem amerikanischen Außenminister geben? Noch heute rufe ich den ägyptischen S.193 Kriegsminister an und sage ihm selber, was wir davon halten.«
Schließlich waren die Ägypter unsere unmittelbaren Verhandlungspartner, und ich sah keinen Sinn darin, die Vereinigten Staaten in die wiederaufgenommenen Verhandlungen hineinzuziehen. Doch mein Vorschlag wurde abgelehnt.
Unter diesen Umständen sah ich keine andere Möglichkeit, als die erste Frage von Vance positiv zu beantworten: »Israel ist bereit, den endgültigen Status der West Bank und des Gaza-Streifens nach fünf Jahren festzulegen.«
Ich betonte, daß ein solcher Status, ganz gleich, wie er schließlich aussehen würde, von allen am Friedensprozeß beteiligten Parteien festgelegt werden müsse und daß Israel sich -- genau wie alle anderen -- ein Vetorecht vorbehalten müsse.
Es wurde hartnäckig und kompromißlos diskutiert. Den Ministern war klar, daß Israels Antwort auf die Fragen über das Schicksal Judäas, Samarias und des Gaza-Distriks entscheiden würde.
Ich gab meinen Kabinettskollegen zu verstehen, daß von dem Moment an, da beschlossen würde, der palästinensischen Bevölkerung dieser Gebiete Verwaltungsautonomie einzuräumen, fast keine Aussichten mehr bestünden, sie nach Beendigung der Fünfjahresfrist wieder unter israelische Souveränität zu stellen.
Verschiedene Minister teilten meine Ansicht zwar, hatten jedoch Angst, sie laut auszusprechen, weil sie Begins Träume lieber nicht stören wollten. Die Auseinandersetzungen mit meinen Kabinettskollegen, die ziemlich heftig verliefen und sich wochenlang hinzogen, machten klar, wie schlecht die Beziehungen zwischen den Ministern inzwischen geworden waren.
Die Friedensgespräche mußten scheitern, wenn wir uns in Formulierungsfragen verbissen. Die Ansichten der meisten Minister, von denen viele mein Vorgehen unterstützten, waren mir bekannt. Nicht ein Wort kam jedoch von den zwei führenden Persönlichkeiten im Kabinett: Begin und Dajan schwiegen.
Da mir Andeutungen gemacht worden waren, daß Dajan wie ich bereit sei, sich auf die Formulierung »endgültiger Status« einzulassen, hoffte ich, in diesem Punkt mit ihm zu einem gemeinsamen Modus zu kommen.
Ich suchte Dajan zu Hause auf. Unser Gespräch war kurz. Er wollte mir seine Vorschläge für die israelische Antwort nicht nennen. Bevor ich mich von ihm verabschiedete, sagte Dajan: »Ich bin mir nicht sicher, ob Begin sich darüber klar ist, was hier auf dem Spiel steht.«
Ich beharrte auf meiner Ansicht, daß wir diese Chance nicht dadurch verpassen dürften, daß wir uns den Weg zu Verhandlungen mit Ägypten verbauten. In bezug auf Judäa und Samaria sollten unsere Antworten eindeutig und aufrichtig und nicht nebulös oder wirr formuliert sein. Doch meine Meinung stand gegen die Begins und Dajans, die sich auf eine Ausweichtaktik verlegten und für eine Antwort waren, in der auf die Fragen der Amerikaner überhaupt nicht eingegangen wurde.
Während unserer Kabinettsgespräche schien der Ministerpräsident gar nicht darauf zu achten, was um ihn herum vorging. Er beteiligte sich nicht an der Diskussion und sorgte nicht einmal für Ordnung. Er führte den Vorsitz, abgekapselt in sich selbst, die glasigen Augen auf irgendeinen Punkt in der Ferne gerichtet. Gerüchte gingen um, daß er immer mehr unter dem Einfluß von Medikamenten stehe.
Die Unterstützung meiner Position durch andere Minister ermutigte mich, auf meinem Standpunkt zu beharren. Da kam mir zu Ohren, daß Begin äußerst deprimiert und drauf und dran sei, seinen Rücktritt einzureichen. Ich entschloß mich zum Handeln und bat, ihn in seiner Wohnung in Jerusalem aufsuchen zu dürfen.
Ich fand Begin äußerst mutlos vor. Von allen Seiten unter enormen Druck gesetzt, war er enttäuscht und pessimistisch und stand kurz vor dem Zusammenbruch.
Ich schrie ihn fast an: »Wagen Sie''s bloß nicht, wegen der Antworten an die Amerikaner zurückzutreten! Lassen Sie sich nicht gehen! Gehen Sie hinaus ins Volk! Die Menschen wollen Sie sehen! Erinnern Sie sich: Ich habe mit Ihnen die Luftfahrtindustrie besichtigt, und Sie haben erlebt, was unser Volk leistet. Haben Sie nicht gesehen, was wir alles erfinden und herstellen? Das hat Ihnen doch wirklich Spaß gemacht! Jetzt sagen Sie Arik Scharon, daß er Ihnen unsere herrlichen Farmen zeigen soll, und Hurwitz wird mit Ihnen eine Industriebesichtigung machen. Das Volk wird Ihnen wieder Kraft geben!«
Ich versuchte, ihn mit meinem Optimismus anzustecken, und meine Worte schienen eine gewisse Wirkung zu haben. Unser Abschied war etwas sentimental. »Sie haben heute große Worte gefunden«, murmelte Begin, »wunderbare Worte ...«
Während dieser ganzen Zeit, in der die Meinungsverschiedenheiten mit Ägypten und den USA weiterbestanden und das Kabinett seine Beratungen fortsetzte, bemühte ich mich, wieder in direkten Kontakt mit Gamasi und Sadat zu kommen. Die Tür zum Frieden S.195 war zugeschlagen -- und der Schlüssel lag in Kairo.
Eines Tages kam eine Botschaft von Oberst Rimon, dem turnusmäßigen Chef unserer Militärmission in Kairo: »Gamasi ist bereit, Weizman morgen, am 13. Juli, in Salzburg zu treffen, am liebsten vormittags.« Als ich fragte, ob das der einzig mögliche Termin für das Treffen sei, antwortete er, ja, er gehe davon aus, da der Präsident anschließend nach Ägypten zurückkehren werde.
Es war eine Tarnung für ein erneutes Gespräch mit Sadat.
Der ägyptische Staatspräsident äußerte bei diesem Treffen die Absicht, auf dem Katharinen-Berg im israelisch besetzten Teil des Sinai-Gebirges eine Moschee, eine Synagoge und eine Kirche bauen zu lassen. El-Arisch im Sinai wollte er in ein Zentrum für Friedensgespräche verwandeln. Deshalb sollte Israel diese Plätze an Ägypten zurückgeben.
Nach meiner Rückkehr nach Israel setzte ich den Ministerpräsidenten in Kenntnis über Sadats Bitten um eine Geste im Hinblick auf El-Arisch und das St.-Katharinen-Kloster. Ich empfahl, daß wir darauf eingehen sollten und als Gegenleistung etwa die Erlaubnis zur Durchfahrt des Suezkanals für israelische Frachtschiffe in Richtung Israel verlangen sollten.
Ich ermahnte meine Kabinettskollegen, die Sache vertraulich zu behandeln; wenn etwas über Sadats Ersuchen bekannt würde, würde er damit vor den Arabern in eine unhaltbare Lage gebracht.
Zwei Tage später war die Geschichte von Sadats Ersuchen an die Presse durchgesickert. Ich war wütend. Bisher war sehr wenig über meine Gespräche mit Sadat an die Medien gelangt, und der ägyptische Präsident hatte seine Genugtuung darüber geäußert. Meiner Ansicht nach war diese Indiskretion ein gezielter Versuch, mir zu schaden und den Friedensprozeß zu sabotieren.
Kaum hatte eine israelische Morgenzeitung die Nachricht veröffentlicht, wurde mir ein Telegramm aus Kairo auf den Tisch gelegt: »Ich muß Ihnen mitteilen, daß unser Präsident erstaunt darüber ist, daß Sie sich nicht an die Vereinbarungen gehalten haben. Gamasi.«
Meine Wut wuchs. Doch ich wußte, es hatte keinen Sinn, herauszufinden, wer die Nachricht weitergegeben hatte.
An Gamasi sandte ich ein Eil-Telegramm nach Kairo: »Ich bitte um Entschuldigung für das Geschehene. Sie werden vielleicht verstehen, daß solche Dinge bisweilen vorkommen und daß sie im politischen System Israels nicht immer zu verhindern sind. Wir dürfen nicht zulassen, daß dies die Atmosphäre des Vertrauens beeinträchtigt, die wir zwischen uns aufgebaut haben und die wir bewahren müssen. Bitte teilen Sie dies dem Präsidenten mit. Mit besten Grüßen, Weizman.«
Als die Sache dann diskutiert wurde, drängte ich meine Kabinettskollegen, positiv auf Sadats Ersuchen zu reagieren. Ich erläuterte seine schwierige Lage innerhalb der arabischen Welt und erinnerte daran, daß eine ähnliche Idee für eine israelische Geste bereits einmal von Arik Scharon vorgetragen worden war.
Doch die israelisch-ägyptischen Beziehungen boten keinerlei Aussicht für eine Annahme meiner Forderung. Begin nutzte unsere Mission in Kairo, um dem ägyptischen Präsidenten den Entschluß des Kabinetts mitzuteilen -obendrein in seinen eigenen Worten.
»Lieber Herr Präsident«, schrieb Begin. »Mein Freund und Kollege Weizman hat mir eine Botschaft aus Salzburg überbracht. Sie haben vorgeschlagen, wir sollten einen unilateralen Schritt tun, indem wir El-Arisch und den Dschebel Musa im Sinai-Gebirge der ägyptischen Souveränität unterstellen. Sie stimmen sicher mit mir überein, Herr Präsident, daß kein Staat unilaterale Schritte unternimmt. Kontakte auf bilateraler Basis sind jedoch möglich. Ich schlage eine Begegnung zwischen unseren Vertretern vor, und zwar in Jerusalem, Kairo, Alexandria oder Haifa.«
Diese öffentliche Ablehnung seines Ersuchens war für Sadat ein schmerzhafter persönlicher Affront -- ein Schlag ins Gesicht.
Ich bedauerte das zutiefst, doch nur wenige meiner Kabinettskollegen teilten meine Gefühle. Mehrere Minister genossen Begins Vergeltungsakt gegenüber Kairo sogar. Sie meinten, man habe damit »Rückgrat bewiesen«, worauf ich erwiderte: »Von Rückgrat redet nur, wer den ganzen Tag den Rücken krumm macht!«
Kairo schluckte die Beleidigung nicht. Unsere Militärmission übermittelte eine Nachricht, die einen eindeutigen Wink enthielt: »Das ägyptische Parlament hat sich mit der Frage der Anwesenheit der Militärmission befaßt. Das Problem wird derzeit noch heruntergespielt, aber wohl nicht mehr lange. Der Präsident hat mich beauftragt, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen und Sie um Ihre Meinung zu fragen. Gamasi.«
Konnte man noch deutlicher werden? S.198 Kurz darauf folgte der Gegenschlag. »Bedaure, Ihnen mitteilen zu müssen«, lautete die Botschaft aus Kairo, »daß der Nationale Sicherheitsrat heute beschlossen hat, daß keine Notwendigkeit besteht, die israelische Militärmission in Ägypten zu behalten. Wir haben Vorkehrungen getroffen, die Delegation morgen, am 27. Juli, in einer zivilen ägyptischen Boeing 737 zum Flughafen Lod zu fliegen. Herzliche Grüße. General Gamasi.«
Der dünne Faden, der Kairo und Jerusalem verbunden und der den Abgrund von dreißig Jahren Krieg überbrückt hatte, war gerissen.
»Macht nichts«, sagte ich, wobei mein Tonfall meine Worte Lügen strafte. »Wir werden wieder dort sein, wenn die israelische Botschaft in Kairo eröffnet wird.« Manche meiner Zuhörer im Kabinett wandten sich ab; sie wollten nicht, daß ich ihr hämisches Grinsen sah.
Von Woche zu Woche, von einer Kabinettssitzung zur nächsten wuchs das Mißtrauen meiner Kabinettskollegen gegen mich. Ich hatte das Gefühl, in einem Vakuum zu operieren.
Mein Scheitern bei dem Versuch, die anderen Minister von der Bedeutung des Friedensprozesses zu überzeugen, war schrecklich frustrierend. Häufig fühlte ich mich wie ein Soldat, der auf dem Schlachtfeld im Stich gelassen wird und allein weiterkämpfen soll.
Mein Verhältnis zum Ministerpräsidenten, das schon zuvor schlecht genug gewesen war, wurde nach meiner Rückkehr aus Österreich noch schlechter. Einige der Minister behandelten meinen Bericht über meine Gespräche mit Sadat wie die Erzählungen eines Touristen über die Salzburger Festspiele. Mein Eindruck, daß sie etwas gegen den Frieden hatten, wurde durch ihre trivialen Einwände noch bestätigt.
Außenminister Dajan fragte mich, warum ich nicht ein genaues Protokoll meiner Gespräche in Salzburg mitgebracht hätte. »Ort und Zeit für diese Gespräche wählt immer Sadat aus, auch die Teilnehmer«, verteidigte ich mich. »Das ist nicht meine Schuld.«
Es war zwecklos.
Diese Haltung des Kabinetts und die spontane Ablehnung von Sadats Ersuchen machten mich wütend. Alles schien gegen den Friedensprozeß zu sprechen, und dieses Bewußtsein schürte meine Ungeduld noch.
Am Eingang zum Kabinettssaal fiel mir ein Regierungsplakat auf, das den Frieden willkommen hieß. Ich riß das Plakat ab und knurrte: »Ich bin mir nicht sicher, ob diese Regierung den Frieden will.«
Ich maß dieser Geste keine große Bedeutung bei, doch der Sekretär eines ranghöheren Ministers war Zeuge meiner Tat gewesen. Es dauerte nur wenige Stunden -- und die Geschichte machte Schlagzeilen in Rundfunk, Fernsehen und in der Presse. Anstatt sich auf den Frieden zu konzentrieren, redeten alle über das Plakat und über mein stürmisches Temperament.
In Israel selbst wurden die Forderungen nach Begins Rücktritt lauter. Man rechnete mit seinem Sturz, sollte es ihm nicht gelingen, die Friedensgespräche wieder in Gang zu bringen.
Irritiert über diese Angriffe, verlor der Ministerpräsident die Kontrolle über sich. In der Cafeteria der Knesset warf er in Gegenwart zahlreicher Besucher dem Oppositionsführer Schimon Peres ein unflätiges Schimpfwort an den Kopf. Daß Begin, der für seine gute Kinderstube bekannt ist, Kraftausdrücke gebrauchte, zeigt, unter welcher Anspannung er stand.
So also standen die Dinge, als Dajan Mitte Juli 1978 zu einer Konferenz nach England flog. Tatsächlich hatten Sadat und Gamasi vorausgesehen, daß die Konferenz zu nichts führen würde -- und zwar lange bevor die Außenminister Ägyptens, Israels und der Vereinigten Staaten in England zusammentrafen.
Obwohl es mir absurd vorkam, daß diese Männer zu einer sinnlosen Konferenz aufbrachen, war ich doch für das Unternehmen gewesen. Denn solange beide Seiten weiterhin miteinander sprachen und stritten, würden die Bemühungen weitergehen und bestand wenigstens etwas Aussicht auf Frieden.
Ein paar Tage später, als Dajan aus England zurückkam, las man in den Zeitungen, wie grundlegend sich die Ansichten des Außenministers geändert hatten. Sein Mißtrauen gegen die Ägypter hatte sich gelegt, und er begann wirklich an die Möglichkeit eines Friedens zu glauben.
Was hatte diesen Wandel herbeigeführt? Dajan äußerte sich nicht dazu. Doch als ich ihn direkt darauf ansprach, erzählte er von dem harten Schlagabtausch zwischen den Delegationen, gerade als die Konferenz Gefahr lief, ihren toten Punkt zu erreichen.
Angesichts der hartnäckigen ägyptischen Forderungen hatte sich Dajan an Ibrahim Kamil und Butros Ghali gewandt: »Wenn das Ihre Position in all diesen Fragen ist, wenn Sie so anspruchsvoll und extrem sind -- wäre Israel dann nicht auch berechtigt, sein Angebot einer vollständigen Räumung des Sinai zurückzuziehen?«
Das hatte gewirkt. Dajan hatte den Ägyptern die Wahl gelassen: Entweder sollten sie größere Flexibilität zeigen, oder Israel würde sein Angebot zurücknehmen.
Die Ägypter -- und die Amerikaner nicht weniger -- waren alarmiert durch die Aussicht, daß die Friedensbemühungen vollständig zusammenbrechen könnten. Niemand wagte den Gedanken ins Auge zu fassen, den ganzen Prozeß wieder von vorn zu beginnen.
Obwohl sie die unversöhnlichsten Forderungen aufgestellt hatten, zeigten sich die Ägypter bereit, die Kontakte aufrechtzuerhalten -- und überzeugten Dajan von ihrem aufrichtigen Wunsch nach Frieden.
»Die Ägypter wollen wirklich Frieden mit uns schließen«, sagte Dajan. »In den Gesprächen, die wir miteinander führten, haben sie immer wieder betont, wie sehr sie den Frieden wollen. Ich habe den Eindruck, daß sie zum Frieden mit Israel bereit sind, obwohl die von Kairo vorgeschlagenen Bedingungen von unseren eigenen Vorstellungen S.200 noch immer weit entfernt sind.«
Endlich äußerte sich der Außenminister optimistisch; genau wie ich war er von seiner Begegnung mit den Ägyptern »in guter Stimmung« zurückgekehrt.
Daß sich Dajan jetzt mit den überzeugteren Befürwortern des Friedensprozesses identifizierte, verstärkte meine Position im Kabinett und auch in der Öffentlichkeit.
»Ein Mann in Weizmans Position braucht starke Nerven und eine tiefe Überzeugung von der Richtigkeit seines Handelns, um trotz seiner wachsenden Isolierung im Kabinett standhaft zu bleiben«, hatte eine Zeitung inzwischen die Situation kommentiert. Doch fand ich jetzt Trost darin, daß sich Dajan auf meine Seite geschlagen hatte.
Nach Monaten fanden auch meine Worte in der Regierung und in der Knesset allmählich wieder Gehör. Die Haltung mir gegenüber änderte sich.
Mein Schreibtisch versank unter Hunderten von Briefen, die meine Friedensbemühungen begrüßten. Gleichzeitig fiel das Ansehen Begins in den Meinungsumfragen stark zurück -- von 80 Prozent Zustimmung nach Sadats Besuch in Jerusalem 1977 auf 50 Prozent im Sommer 1978.
Die wiederholten Krisen und toten Punkte in diesem Sommer 1978 machten deutlich, daß etwas geschehen mußte -- etwas Außergewöhnliches, Dramatisches. Die offenbar einzige Möglichkeit schien eine Begegnung zwischen Begin und Sadat, die sich seit Dezember 1977 hartnäckig weigerten, einander zu empfangen.
Ein solches Treffen zu organisieren, schien eine aussichtslose Mission. Jimmy Carter nahm es auf sich, dieses Treffen zu organisieren -- in Camp David.
Die Konferenz von Camp David brachte keinen vollständigen Friedensvertrag zustande. Statt dessen gab es zwei Rahmenabkommen, die von beiden Seiten innerhalb von drei Monaten zu erfüllen waren. Die Rahmenabkommen definierten die Leitlinien für die künftige Entwicklung; doch war von Anfang an klar, daß viele strittige Fragen bewußt offengelassen worden waren.
Der größte Erfolg von Camp David war, daß überhaupt ein Abkommen erreicht worden war, das Folgen hatte: Durchbruch durch die psychologische Barriere zwischen dem israelischen Volk und der arabischen Welt; Aufhebung des vor dreißig Jahren über Israel verhängten Tabus, Reduzierung des arabisch-israelischen Konflikts auf einen normalen internationalen Konflikt.
Am 26. März 1979 wurde der Vertrag in Washington unterzeichnet. Carter, Begin und Sadat saßen auf dem Podium. In einer Zeremonie, die weniger als fünf Minuten dauerte, besiegelten die drei Staatsmänner mit ihrer Unterschrift die Hoffnung, daß dreißig Jahre Blutvergießen und Leiden ein Ende gefunden hatten.
Für mich kam bald danach, im Mai 1980, das Ende meiner amtlichen Tätigkeit. In den auf Camp David folgenden Monaten nahmen die Meinungsverschiedenheiten zwischen mir und Begin immer mehr zu -- wegen des Friedens mit Ägypten.
Mißtrauisch über den Friedensvertrag, den sie soeben abgeschlossen hatten, machten Begin und seine Gefolgsleute durch provozierende Siedlungsprogramme und unnötiges Beschlagnehmen von Land alles zunichte und kommentierten diesen Rückzug in ihr geistiges Getto obendrein noch provokativ und lauthals vor der ganzen Welt.
Menachem Begin hat Israel zu seinem ersten Friedensvertrag in der Geschichte geführt. Ich war zwar nicht einverstanden mit seinen Methoden, doch man darf die Leistung nicht geringschätzen. Er war es, der unser Schiff in den Hafen des Friedens gelotst hat. Das jüdische Volk wird ihm dafür immer zu Dank verpflichtet sein. Doch kaum war der Friedensvertrag unterzeichnet, da hörte Begin auf, den Friedensprozeß weiter zu fördern. Anstatt Israel nun in eine neue Epoche zu führen, zog er sich in sein Wolkenkuckucksheim zurück.
Gleichzeitig fing er an, diesen von uns so mühsam erkämpften Frieden als eine banale, fast verächtliche Sache zu behandeln. Ich wurde immer ungehaltener darüber, daß Begin Entscheidungen, die er selbst gefällt hatte, wieder rückgängig machte.
Schließlich war es mir nicht mehr möglich, in seinem Kabinett zu dienen. »Sehr geehrter Herr Ministerpräsident«, schrieb ich, wie es die Vorschrift erfordert, »hiermit reiche ich meinen Rücktritt als Verteidigungsminister und Mitglied des israelischen Kabinetts ein.«
Am 28. Mai verließ ich mein Büro im Verteidigungsministerium und ging den Weg hinunter zum Parkplatz, wie Tausende von Malen während der vergangenen drei Jahre. Doch anders als sonst wartete an diesem Tag eine feierliche Parade auf mich, mit Trommeln und Blasmusik, Fahnen und Wimpeln.
Soldaten präsentierten das Gewehr: Die Armee verabschiedete sich von mir.
Ich schritt die Reihen der Soldaten -- Männer und Frauen -- ab, während sich die Bildreporter zu Nahaufnahmen nach vorn drängten. Sie versuchten, mir ein letztes Lächeln zu entlocken. Ich glaube -- ohne Erfolg.
S.190Text der Überschrift: »Sehnsüchtiges Warten auf Begin -- und dieWahrheit."*