SARAJEWO
(Nr. 28/1955, Film)
Nun weiß ich auch, wer Lieschen Müller ist. Das ist gar kein weibliches Wesen, sondern der Chefdramaturg des Europa-Verleihs. Aus dem SPIEGEL Nr. 28, Seite 42, habe ich es erfahren. Wer den schicksalhaften Titel »Sarajewo« versüßlicht und verkitscht in »Um Thron und Liebe«, der kann nur mit Lieschen Müller identisch sein. Vielleicht erscheint bald »Faust« als »Der verliebte Professor« oder »Macbeth« als »Frau in den Wechseljahren«.
Trauen
FR. W. SCHULZE
Sie sprechen in Ihrem Artikel von den zwei historischen Unrichtigkeiten: dem Besuch der Herzogin bei dem serbischorthodoxen Metropoliten und dem Besuch des serbischen Gesandten in Wien. Der erste Besuch ist erfunden. An dem zweiten Besuch ist aber ein Körnchen Wahrheit ... Im Juni 1914 sprach der serbische Gesandte in Wien, Jotza Jowanowitsch, mit dem k. u. k. Minister Graf von Bilinski über die geplante Reise des Erzherzog-Thronfolgers in die 1908 annektierten Provinzen. Jowanowitsch riet von der Reise ab. Serbien - so meinte der Gesandte - würde die Manöver so nahe an der Grenze (Franz Ferdinand nahm bekanntlich an den Sommermanövern in Bosnien teil) als Bedrohung auffassen. Nun konnte Graf Bilinski dieses Argument kaum anerkennen, da die Manöver 60 Kilometer von der serbischen Grenze entfernt stattfanden und sich die Truppenbewegungen gegen einen Feind richteten, der von Südwesten kommend angenommen wurde - nicht von Osten, also von Serbien, her. Allerdings ging der Gesandte in der Unterredung mit Bilinski noch weiter: Die »serbische Bevölkerung« - man bedenke, es handelte sich um eine Provinz der Doppelmonarchie - müsse den Einzug Franz Ferdinands in Sarajewo am Veitstag als Provokation auffassen ... Es sei daher besser, der Erzherzog bliebe weg von Bosnien. Bilinski war ohnehin gegen eine Reise des Erzherzogs nach Bosnien. Er konnte aber in der »Warnung« des Gesandten lediglich eine persönliche Meinungsäußerung sehen, zumal ihn Jowanowitsch bat, seine Äußerung nicht als offizielle und auch nicht als offiziöse Mitteilung zu betrachten. Das jedenfalls erklärte Bilinski nach dem Gespräch mit dem serbischen Gesandten seinem Pressechef Flandrak.
Später, nach dem Attentat, hat dann die serbische Regierung diese Unterredung ihres Wiener Gesandten mit dem Grafen Bilinski zu einer vollwertigen Warnung gestempelt ...
Bad Oldesloe
ERICH REINKE