Sauberer Berg - DER SPIEGEL
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WINTERSPORT Sauberer Berg

Seit Jahren hält sich auf dem Bildschirm und in Gazetten die Mär von der einzigen FKK-Loipe der Welt in den Alpen.
• aus DER SPIEGEL 13/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Immer wenn hoch oben auf dem Berg beim Hüttenwirt Hans Schilcher ein Fernsehteam anruft, fragt er die Zwillinge Richard und Gerd: »Moachts woas Nackeliges?«

Meist nicken die beiden und trommeln ein paar Freiwillige zusammen. Der Wirt zieht derweil mit seinem Motorschlitten eine kurze Loipe in den Schnee. Stunden später laufen die Zwillinge und ihre Freunde auf Skiern hüllenlos und telegen an surrenden Kameras vorbei.

Jahrzehntelang kümmerte sich kein Mensch um die gottverlassene Gjaidalm am Fuße des Dachsteins. Um das zu ändern, hatte der Wirt eine Schnapsidee. Eine Nachrichtenagentur verbreitete Mitte der neunziger Jahre die Meldung: An einer abgelegenen Skihütte oberhalb des österreichischen Urlaubsortes Obertraun liege auf 1750 Metern die einzige FKK-Loipe des Erdballs. Prompt erklomm ein Fernsehteam vom Südwestfunk den Berg, um die Sache mit den Nackerpatzln auf Brettern zu dokumentieren.

Seither ist das Schilcherhaus weltbekannt. Jeden Winter kraxeln Journalisten zu Hans in die Höhe. Mal tragen ihre Kameras das Logo von RTL, mal von Sat 1, Pro Sieben, MDR oder ORF. Selbst aus Japan und Kanada, aus Großbritannien und Frankreich rückten schon Reporter an. Stets sorgt der Schilcher-Wirt dafür, dass die Reporter nicht vergebens kommen.

Doch wenn die Medienleute wieder weg sind, ist tote Hose am Berg - von einer Loipe mit hüllenlosen Läufern keine Spur.

Die Zwillinge, die bei Bedarf als abgehärtete Nudisten im Schnee auftreten, sind die Profi-Musiker Richard und Gerd Bracht, 49, aus dem westfälischen Münster, wo sie die Rockgruppe »Die Zwillinge und die Blechgäng« gegründet haben. Regelmäßig im Winter reisen sie mit ein paar dutzend Fans zum Dachstein und nehmen Quartier auf der Gjaidalm.

»Sämtliche Bilder von der FKK-Loipe sind gestellt, wir haben uns jedes Mal einen Heidenspaß daraus gemacht«, erzählt Richard Bracht. Beim ersten Dreh wurde eine Gegendemo gleich mitinszeniert. »Unser Berg soll sauber bleiben«, stand auf einem großen Transparent, das ein paar Freunde der Zwillinge in die Kamera hielten.

»Nackt in die Loipe zu gehen ist völlig idiotisch, weil die Verletzungsgefahr viel zu groß ist«, sagt Skilehrer Uli. Sobald die Sonne scheint, verharscht der Schnee. Wer sich langlegt, riskiert Hautabschürfungen an empfindlichen Stellen oder gar ein Ganzkörper-Peeling. Auch das Ambiente der Schilcherhütte wirkt wenig erotisch: Das rustikale Mobiliar gruppiert sich um einen groben Holzklotz, in den einheimische Burschen um die Wette Nägel schlagen.

Der Lohn für den coolen Auftritt im Schnee ist ein hübsches Taschengeld fürs Après-Ski. 1000 Schilling, etwa 140 Mark, pro nacktem Po zahlen die Fernsehleute meist bereitwillig. Denn leicht ist es nicht, eine komplette TV-Ausrüstung bis vor die Hütte zu schleppen. Noch deprimierender aber wäre es, sie ohne Bilder im Kasten wieder hinunterzutragen.

So geht die Mär von der einzigen FKK-Loipe der Welt weiter um den Globus. Vergangene Saison rief das französische Blatt »VSD - Vendredi, Samedi, Dimanche« bei Schilcher an. Man plane vier Seiten im Heft und bat um Fotos. 4000 Schilling konnte Richard Bracht rausschlagen.

Pro Sieben lud die Zwillinge sogar als Experten in eine Talkshow. Richard mimte einen überzeugten FKK-Fan, sein Bruder erregte sich höchst telegen über die Sauereien am Berg. Beide spielten ihre Rolle perfekt.

Für Touristen hat der Schilcher-Wirt mittlerweile eigens eine Ansichtskarte fertigen lassen. Die zeigt ein Häuflein entblößter Skifahrer im Schnee und wirbt mit dem zündenden Slogan: »Nahtlos braun in Obertraun.« WERNER PACZIAN

Werner Paczian
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